Berufsförderungswerk„Ein Leuchtturm der Inklusion“

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Nicht schön, aber wichtig: Seit 50 Jahren hat das Berufsförderungswerk München seinen Hauptsitz in Kirchseeon.
Nicht schön, aber wichtig: Seit 50 Jahren hat das Berufsförderungswerk München seinen Hauptsitz in Kirchseeon. Christian Endt

Das Berufsförderungswerk München mit Standort in Kirchseeon feiert sein 50-jähriges Bestehen. Mehr als 10 000 Menschen haben dort in dieser Zeit einen neuen Beruf erlernt – und damit die Chance auf Rückkehr in die Arbeitswelt und auf ein selbstbestimmtes Leben bekommen.

Von Andreas Junkmann, Kirchseeon

Das Duo Ten Strings hatte sich als musikalische Begleitung des Festakts etwas Besonderes einfallen lassen: Lieder aus dem Jahr, als in Kirchseeon das Berufsförderungswerk München (BFW) eröffnet hat. 1974 war das, und entsprechend durfte der damalige Grand-Prix-Siegersong „Waterloo“ von ABBA natürlich nicht fehlen. Ganz und gar kein Waterloo erlebte das BFW in den vergangenen 50 Jahren, im Gegenteil: Die Einrichtung zur beruflichen Rehabilitation hat sich zu einer der wichtigsten Bildungsstätten im Großraum München entwickelt. Entsprechend überschwänglich fielen die Lobeshymnen bei der Jubiläumsfeier am Montagnachmittag aus, etwa von der bayerischen Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU), die das BFW einen „Leuchtturm der Inklusion“ nannte.

Eher wenig Glanz verbreitet derweil dessen Hauptsitz im Südosten von Kirchseeon, die Einrichtung selbst schreibt in ihrer Festschrift von einem „70er-Jahre-Betonbau“. Das war allerdings nicht immer so. Früher stand auf dem Gelände ein imposantes schlossähnliches Gebäude im Barockstil, das nach seiner Fertigstellung 1902 zunächst als Heilstätte für Krankheiten aller Art diente. Zwei Jahre später wurde die Einrichtung zu einer Lungenheilstätte für Männer umfunktioniert. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs riss sich die Wehrmacht den Gebäudekomplex unter den Nagel und versorgte dort lungenkranke Soldaten. Später ging die Heilstätte wieder in den Besitz der Landesversicherungsanstalt Oberbayern über, die sie vor dem Krieg für 240 000 Reichsmark erworben hatte. Bereits zu dieser Zeit gewannen berufsfördernde Maßnahmen immer mehr an Bedeutung.

Bevor das BFW gebaut wurde, stand auf dem Areal im Südosten der Marktgemeinde ein schlossähnliches Gebäude im Barockstil, das als Heilstätte genutzt worden ist.
Bevor das BFW gebaut wurde, stand auf dem Areal im Südosten der Marktgemeinde ein schlossähnliches Gebäude im Barockstil, das als Heilstätte genutzt worden ist. Berufsförderungswerk München/oh

Eine erste solche Einrichtung in Oberbayern wurde 1947 in Mittenwald eröffnet. Betrieben wurde diese von der Internationalen Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, die dort unter anderem berufsfördernde Maßnahmen für vom Krieg vertriebene Menschen anbot. 1951 siedelte die Einrichtung nach Gauting im Landkreis Starnberg um, wo erstmals auch reguläre Umschulungen angeboten wurden. Bis 1966 haben dort mehr als 800 Personen einen neuen Beruf erlernt. Weil durch den sich wandelnden Arbeitsmarkt aber neue Ausbildungszweige erforderlich waren und die Räume in Gauting ohnehin bereits an die Kapazitätsgrenzen stießen, musste eine Alternative her. Und so fiel die Wahl 1969 auf die ohnehin stark sanierungsbedürftige Heilstätte in Kirchseeon.

Der damalige bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel (rechts) bei der Grundsteinlegung für das BFW.
Der damalige bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel (rechts) bei der Grundsteinlegung für das BFW. Berufsförderungswerk München/oh

Nach dem Abriss des Gebäudes im Jahr 1970 wurde dort für 63,1 Millionen Deutsche Mark das heutige BFW errichtet. Der damalige bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU) sprach bei der Grundsteinlegung von einem „bedeutsamen sozialen Werk unserer Zeit“ – und er sollte Recht behalten. 50 Jahre später haben mehr als 10 000 Absolventinnen und Absolventen ihren Abschluss im BFW gemacht, wie der heutige Geschäftsführer Günther Renaltner im Rahmen der Feierstunde am Montag sagte. Tausende weitere hätten in der Zeit einzelne Module aus dem Bildungsangebot besucht. „Wir haben vielen Menschen die Möglichkeit gegeben, einen neuen Beruf zu erlernen und in die Arbeitswelt zurückzukehren“, so Renaltner.

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Das ist auch die Kernaufgabe der Bildungseinrichtung: Menschen eine zweite Chance geben. Manchmal sind es körperliche Gebrechen, manchmal Schicksalsschläge, die dafür sorgen, dass jemand seinen bisherigen Beruf nicht mehr ausüben kann. Hier kommt das BFW ins Spiel, bei dem man in einer verkürzten Ausbildungsdauer von in der Regel 24 Monaten einen neuen, von der Industrie- und Handelskammer anerkannten Beruf erlernen kann. Renaltner verwies auf das breite Spektrum an Ausbildungsberufen im BFW. So bietet man dort Umschulungen in vielen Themengebieten an, etwa im Gesundheits- und Sozialwesen, im Maschinenbau, im Bereich Schutz und Sicherheit oder in der Bautechnik. Es sind nur einige wenige Beispiele aus der breiten Palette, die der Campus in Kirchseeon bereithält.

Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf lobte beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen das "großartige Engagement" des BFW.
Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf lobte beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen das "großartige Engagement" des BFW. Christian Endt

Entsprechend groß ist auch die Rolle, die das BFW in der Bildungslandschaft des Landkreises Ebersberg spielt. Dieses sei „eine segensreiche Einrichtung“, wie der stellvertretende Landrat Walter Brilmayer (CSU) beim Festakt sagte. Als der Landkreis 2015 als Bildungsregion zertifiziert wurde, habe die Bewerbung unter den Mottos „Kein Talent darf verloren gehen“ und „Lernen ein Leben lang“ gestanden. Beides treffe zu hundert Prozent auf das BFW zu. „Über allem steht aber der Dienst am Menschen, den Sie jeden Tag leisten“, sagte Brilmayer an die rund 250 Mitarbeiter gerichtet.

Noch ist die berufliche Inklusion nicht in allen bayerischen Betrieben angekommen

Gestartet ist das BFW im Jahr 1974 mit vier Klassen und 228 Schülern. Heute erlernen hier etwa 700 Menschen einen neuen Beruf – eine Initiative, die auch in der bayerischen Landespolitik viel Anklang findet. „Sie geben Menschen die Chance auf Teilhabe an der Gesellschaft“, lobte Sozialministerin Scharf, die in Sachen beruflicher Inklusion aber noch Nachholbedarf im Freistaat sieht. Noch immer gebe es in einigen Betrieben Vorbehalte, Menschen mit Beeinträchtigungen einzustellen. Dabei seien gerade diese eine Bereicherung für jedes Team. „Ich werde dafür arbeiten, dass berufliche Inklusion zum Selbstläufer wird“, versprach die Ministerin.

Den Grundstein dafür legt seit nunmehr 50 Jahren das BFW in Kirchseeon, das mittlerweile acht weitere Geschäftsstellen in ganz Bayern betreibt. Insofern sprach Ulrike Scharf vielen Anwesenden aus der Seele, als sie dem BFW-Team ein „großartiges Engagement“ attestierte: „Sie sind das Sprungbrett für ein selbstbestimmtes Leben und lassen niemanden im Stich.“

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