Kino Edling sucht nach seiner Vergangenheit

Kinder spielen in originalgetreuen Kostümen Szenen aus der Edlinger Vergangenheit nach.

(Foto: Veranstalter/oh)

Im Film "Butterbrot und Freiheitsliebe" porträtieren neun Edlinger die Geschichte ihres Heimatorts.

Von Johanna Feckl

Über Heimat wird derzeit ja sehr gerne sehr viel geredet, der Begriff erlebt sozusagen eine Renaissance: Heimat ist Herkunft. Heimat ist einmalig. Heimat ist "wir". Heimat ist nicht "ihr". Heimat ist bedroht. Wenn in Zeiten von solch rechtspopulistischem Gewabere ein Film wie "Butterbrot und Freiheitsliebe" auftaucht, der nun im Freiluftkino am Stoa Premiere feierte, dann ist da durchaus Skepsis angebracht.

Schließlich lässt sich der Film als Ode von Edlingern an Edling, an ihre Heimat also, interpretieren, so viel verrät schon ein Blick in den Teaser.

Aber: Weit gefehlt. Es scheint wohl niemand vor Vorurteilen gefeit zu sein, denn sämtliche Befürchtungen stellen sich als völlig unbegründet heraus. "Butterbrot und Freiheitsliebe" ist ein Film mit einem ganz anderen Tenor: Heimat ist witzig. Heimat ist solidarisch. Und Heimat ist vor allem vielfältig. Das alles zeigt diese Mischung aus Spielfilm und Dokumentation, in der Kinder und Jugendliche darstellen, was die Alten über das frühere Edling zu erzählen wissen.

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"Es ist doch Wahnsinn, wie viel Potenzial in einem solch kleinen Dorf wie Edling steckt", sagt Bernhard Golla bei der Premiere am Stoa. Der 52-Jährige war der Ideengeber für den Film. Und klein ist Edling wirklich: Knapp 4000 Einwohner leben hier. Man könnte also meinen, dass fast das gesamte Dorf an dem Film in irgendeiner Art und Weise mitgewirkt hat, so lang ist der Abspann mit den vielen Namen.

Aber von vorn: Eigentlich wollte Golla nur herausfinden, wie sich sein Heimatdorf während des Dritten Reichs positioniert hatte. "Man kennt die deutsche, vielleicht auch noch die bayerische Geschichte dazu, meistens jedoch nicht die vom eigenen Ort." Zumindest bei ihm sei es so gewesen. Also begann er mit den Recherchen. Das ist nun sieben Jahre her.

Einen Film aus den gesammelten Informationen zu basteln, lag zunächst gar nicht in Gollas Absicht. Ihm wurde nur eines schnell klar: Wenn die Dinge für ihn als Edlinger interessant sind, dann sind sie das für alle anderen Edlinger vermutlich ebenso.

Gleichzeitig fand er heraus, dass der Ort noch viel mehr zu bieten hat als Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs: Da wäre das Gasthaus Wurm, das vor allem in den 70ern das Dorf durch seine legendären Partys mit viel Alkohol und Drogen über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt machte.

Oder das Festival im Woodstock-Stil 1971 mit etwa 5000 Besuchern, die sämtlich Regale der Edlinger Läden leer kauften. Oder der dreijährige Kampf der Bürger nach erneuter Selbstverwaltung, nachdem Politiker mit einer Reform 1978 Edling zu einem Gemeindeteil von Wasserburg gemacht hatten.

Bernhard Golla wollte aus all den Geschichten etwas machen. Etwas, das auch die Jungen anspricht und nicht nur die Alteingesessenen, die damals selbst dabei waren. Aus seinem Beruf, Golla ist Lehrer an der Ebersberger Mittelschule, weiß er, dass das Medium Film bei Kindern und Jugendlichen beinahe immer funktioniert. "Egal, um was es geht: Wenn es ein Film ist, finden sie's toll!" Und am meisten Begeisterung weckt, wenn sich die Kinder auch noch selbst im Film sehen können.

Ein Film also. Dokumentarisch. Mit Kindern. Über Edling. Das war der Startschuss für Martin Bacher und Sandra Kulbach. Der 49-Jährige und die 47-Jährige - er Drucker, sie Cutterin und damit der einzige Nicht-Laie des Filmteams - sind Nachbarn von Golla. Er fragte die beiden, ob sie gemeinsam einen Film über ihren Ort auf die Beine stellen wollten. Und sie sagten zu.

Drei Jahre später begann die Truppe weiter zu wachsen, bis das Kernteam aus neun Edlingern bestand, alle aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommend. "Aber jeder einzelne war total wichtig", betont Kulbach. "Jeder hatte eine Idee, und dann kam der nächste und baute seine Idee darauf auf - und das ging immer so weiter."

Diese Diversität aller Beteiligten scheint der Grund dafür zu sein, dass ein solch unterhaltsamer und abwechslungsreicher Film entstanden ist: Den dramaturgischen Rahmen von "Butterbrot und Freiheitsliebe" bilden Kinder, die mit Kostümen und allem Pipapo jene Anekdoten, die verschiedene Zeitzeugen in Interviewsequenzen erzählen, nachspielen. Diese Szenen und Texte stammen alle aus der Feder von Bernhard Golla.

Nur wenn es um die Zeit während des Zweiten Weltkriegs geht, gibt sich der Film komplett dokumentarisch. Gut so, denn die Interviews leben von ihrer Direktheit und hätten an Deutlichkeit verloren, würden sie von Spielfilmsequenzen unterbrochen. Angesichts dessen, dass in Edling die rechtspopulistische AfD bei der Bundestagswahl 2017 nach der CSU die meisten Stimmen erhielt, wäre die Sichtweise der Edlinger Kriegsgeneration auf die aktuelle politische Situation auch spannend gewesen. Sie fehlt leider.

Den Scharen, die zur Premiere am Stoa gepilgert sind, stört das jedoch nicht. Sie jubeln, lachen, klatschen und feiern das außergewöhnliche Filmprojekt. Nach der Vorstellung stehen viele bei Golla und Co. Schlange, um Glückwünsche loszuwerden. Und das vollkommen zurecht: Nicht nur profitiert der Film von der Arbeit einer erfahrenen Kamerafrau und Cutterin wie Kulbach, Golla besitzt auch ein ausgesprochenes Talent zu lockerem Wortwitz und Situationskomik. Zum Beispiel, wenn er gleich zu Filmbeginn einem jungen Steinzeitmenschen höchst aktuelle Worte in den Mund legt: "Echt krass, Alter!"

"Butterbrot und Freiheitsliebe" zeigt das Freiluftkino am Stoa erneut am Montag, 30. Juli, und voraussichtlich im August ein weiteres Mal. Für September plant das Kino Utopia Vorstellungen

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