Süddeutsche Zeitung

Kinder mischen sich ein:1:0 für die Demokratie

Anzinger Grundschüler beantragen ein Fußballtor für ihren Bolzplatz - und überzeugen am Ende den Gemeindeausschuss. Rund 2000 Euro wird das Rathaus in die Verbesserung der Sportstätte investieren

- "Lieber Herr Bürgermeister, wir möchten gescheite Tore auf den Bolzplatz gestellt bekommen." Philipp Strehlow hat einen Brief an den Rathauschef geschrieben. Denn für den Neunjährigen und seine Freunde war die Situation auf dem Bolzplatz nahezu unhaltbar: Ob der Ball drinnen war oder draußen, ob Latte oder nicht - das war ohne Tor einfach nicht erkennbar. Und wenn die Jungs und Mädchen mit Karacho auf das fiktive Tor schossen, flog der Ball weit hinter die Spiellinie; kostbare Laufenergie ging verloren. Das ist aber bald vorbei. Denn die Gemeinde wird den Kindern ein Fußballtor finanzieren.

Und die Gemeinde konnte kaum anders, als den Wunsch der Kinder ernst zu nehmen. Denn letztlich ging es doch um prägende erste Erfahrungen mit der kommunalen Demokratie. Im Heimat- und Sachunterricht (HSU) sollten Philipp und seine Mitschüler aus der Klasse 4b lernen, wie in einer Gemeinde Entscheidungen zustande kommen. "Es hat sich im Laufe des Unterrichtsgesprächs dann die Frage ergeben, was wir uns eigentlich wünschen", erklärt Klassenlehrer Stefan Lindner. Und die Kinder wollten eben ein Fußballtor.

Zu wissen, was in einer Gemeinde anders werden sollte, schafft aber allein noch keine Veränderung. Deshalb hat Philipp in "Eigeninitiative", wie sein Lehrer Lindner betont, die Chance genutzt: Zu Hause verfasst er das Schreiben an den Bürgermeister Franz Finauer (UBA). "Ich habe auch gleich nachgeschaut, wie viel so ein Tor kostet", erzählt er. Ein zu teures Tor würde die Gemeinde ja nicht aufstellen. Und schließlich hat Philipp seine Schulkameraden unterschreiben lassen - und damit war die Mehrheit der Klasse 4b der Grundschule Anzing gewissermaßen offizieller Antragsteller. Mit ihrem Anliegen sind die Kinder dann vor den Bürgermeister getreten.

Denn zum HSU gehört ein Gespräch mit dem Bürgermeister im Rathaus, das den Schülern die Abläufe in der Gemeinde näher bringen soll. Der machte dabei einen guten Eindruck auf die Grundschüler: "Er hat gleich gesagt, ja, er kann das einbringen", erzählt die neunjährige Hannah Schreiber. Und das tat Finauer denn auch. In der letzten Sitzung des Gemeindeausschusses wurde der Antrag der Schüler besprochen - und das Gremium hat abgestimmt: zugunsten der Kinder. Sie bekommen nun ein Tor mit Metallstäben, so dass der Ball nicht mehr nach hinten wegfliegt. Rund 2000 Euro kostet es die Gemeinde.

"Wenn das Tor da ist, geh' ich auch öfter zum Spielen auf den Bolzplatz", sagt Annabelle Seifert. "Da kann man Energie rauslassen." Sie und Hannah spielen oft mit Philipp und seiner Fußballbande - wie sie sich nennen - auf dem Anzinger Bolzplatz. Zu dieser Bande gehört auch Maxi Stöckl, der ebenfalls in Lindners 4b geht und durch den Antrag an den Bürgermeister einiges über die Lokalpolitik gelernt hat: "Es ist halt ein großer Aufwand. Man muss erstmal die Gelegenheit haben, zum Bürgermeister zu kommen." Dann müsse man schauen, ob die Gemeinde Geld habe. "Und dann müssen die abstimmen." Sein Fußballkamerad Tim Kosak fügt aber noch hinzu: "Ich kenne viele aus dem Gemeinderat, dann hat man schon einen Vorteil."

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Quelle:
SZ vom 17.01.2013
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