"My Home is a Castle!" hätte in Zeiten von "höher, weiter, schneller" eine Antwort auf die Frage nach der Wunsch-Wohnform lauten können. Heute wiederum stehen Minimalismus und Ortsungebundenheit hoch im Kurs, jeder will ein "Tiny House". Flexibilität bei der Standortwahl durch relativ unkomplizierten Ab- und Aufbau bietet aber auch eine Behausung der ganz anderen Art, die Jurte.
Dass diese so viel mehr ist als ein Wohnraum für Nomaden, wird beim Auftakt des einwöchigen "Jurtenbau-Zauber-Camps" am Ebersberger Museum Wald und Umwelt deutlich. Dort haben sich nicht nur die Menschen eingefunden, die unter der Leitung von Miriam Boehlke das Holzgerüst für dieses besondere Zelt bauen werden, sondern auch eine hochkarätige Delegation des kasachischen Generalkonsulats aus München und von verschiedenen Kultur-Organisationen, die das Projekt unterstützen.
Welche Herzensangelegenheit die Sache allen Beteiligten ist, hat man schon beim Vorgespräch mit Boehlke gespürt. Nach dem Studium der nachhaltigen Unternehmensführung hat sich die Grafingerin im September 2020 auf "Wirtschaftswandelwalz" begeben, die sie nun geplant für diesen Kurs unterbricht. Was die Initiatorin der FFF-Bewegung im Landkreis antreibt, ist die Verbindung von Ethik und Nachhaltigkeit, die "bis ins Herz geht und auch mit Spiritualität zu tun hat." Darum schätzt sie die Magie des "runden Zaubers" einer Jurte, in der man "automatisch zur Ruhe kommt". Ganz wesentlich dabei: der obere Abschluss, der einen freien Blick himmelwärts ermögliche.

Über diesen Lichtring spricht auch Denis Rogov. So bedeutsam sei der "Shanyrak" als "Fenster zum Himmel", dass man ihn im Wappen des Landes wiederfinde, erklärt der kasachische Generalkonsul, bevor er die Qualität der, meist vererbten, Jurte als "Refugium für die Bewohner", aber auch ihre sakrale Bedeutung lobt.
Als Expertin für die spirituellen, kulturellen und wissenschaftlichen Aspekte dieses Kulturerbes ist Gulsum Massakowa geladen, die als Kind selbst in einem solchen Zelt gelebt hat und die Jurtenkultur als Teil der eigenen Identität bezeichnet. Die Lehrbeauftragte für Kasachisch an der Ludwig-Maximilians-Universität in München referiert höchst lebendig etwa über die symbolische Vereinigung von Himmel und Erde in Gestalt der vier Teile des Innenraums. "Ehrenplatz, Türkante, rechte und die linke Seite bilden ein Viereck, welches in einem Kreis eingeschlossen ist." Einerseits Grenze zwischen Oben und Unten, andererseits zwischen Außen- und Innenraum, sei es somit Symbol der Entwicklung des Lebens. Gefragt, was sie beim Wohnen in einem herkömmlichen Haus am meisten vermisse, nennt sie "die klare Verbindung zur Natur".
Unter anderem genau das hat Joy Fischer zur Teilnahme am Workshop in Ebersberg motiviert. Die pensionierte Grundschullehrerin kommt aus Freiburg, ihre praktische, blaue Regenhose und die wasserdichte Outdoorjacke beweisen, dass die 66-Jährige sehr wohl weiß, worauf sie sich eingelassen hat. "Ich überlege, im letzten Abschnitt meines Lebens eventuell in eine Jurte zu ziehen. Downsizing finde ich herrlich und möchte gern jungen Leuten zeigen, dass man auch anders leben kann" sagt die vierfache Mutter und elffache Großmutter. Gefunden hat die Gründerin der "Omas for Future"-Regionalgruppe den Workshop nach längerer, gezielter Recherche.

Anders Danica Harder aus der Gegend von Nürnberg. "Bei mir war es ein Suchauftrag bei Ebay Kleinanzeigen," erzählt die Psychotherapeutin. Ihr Interesse für Jurten gründe sich einerseits auf den Nachhaltigkeitsaspekt, aber auch auf die ganz besondere Atmosphäre in einem runden Raum ohne Fenster, aus Naturmaterial. "Es erdet zum einen und öffnet auch etwas." Am meisten freut sich die Mittdreißigerin darauf, mit den Händen zu arbeiten, kämen doch in ihrem beruflichen Leben sonst eher Herz und Verstand zum Einsatz.
Auch der Ebersberger Markus Breunig, Quality Manager in der Halbleiterbranche, sieht gespannt der handwerklichen Tätigkeit entgegen. Bei der könnte ihm Michael Tampe zur Seite stehen: der Schreinermeister von der Schwäbischen Alb war bis vor drei Wochen als Waldorflehrer tätig. Miriam Boehlke hat er bei gemeinsamen Freunden kennengelernt, nun will er gern sein Knowhow weitergeben. Auch habe er "einen Haufen Werkzeug" dabei, erzählt er. Das wird nötig sein, wenn im Workshop so lange gesägt, gefräst, gehobelt und geschliffen wird, bis Scherengitter, Dachstangen sowie Lichtring/Dachkranz zu einem Gerüst zusammengesetzt werden können. Dokumentiert wird das Making Of vom Wiener Filmemacher Kai Karthaus, auch weil er künftig durch den Vertrieb von Jurten Produzenten aus Kasachstan und der Mongolei unterstützen will.

Allerdings werden die Einzelteile nach dem Kurs wieder abtransportiert, damit sich Boehlke zusammen mit einer Freundin im Winter um Dämmung und Außenhaut für die am Ende etwa 33 Quadratmeter umfassende Jurte kümmern kann. Von April an soll sie dann für drei Monate als Leihgabe vor dem Museum Wald und Umwelt stehen. Dessen Leiter, Hannes Müller, als Wildnispädagoge erfahren im Umgang mit selbst gebauten Unterkünften, der gerne halbtageweise mitbauen will, war sofort zur Kooperation bereit, als er von der Idee hörte: "Bei so viel Begeisterung seitens der Initiatorin wusste ich gleich, das wird eine gute Sache!" Geplant ist, das Zelt auf der Streuobstwiese als "grünes Klassenzimmer" zu nutzen, in dem man sich erst besprechen kann, bevor es zum regulären Programm in den Wald geht.
Doch jetzt wird erst einmal der Beginn eines Workshops gefeiert, der durch das gemeinsame Essen und abendliche Singen am Lagerfeuer auch gelebte Gemeinschaft vermitteln will. Schon an diesem Spätnachmittag kommen Kulinaria und Musik nicht zu kurz, dafür sorgen die beiden Organisationen, in denen sich die rund zwei- bis dreihundert Kasachen in Bayern zusammengeschlossen haben. Ömürhan Altin vom European Kazakh Forum und Birol Dogudurak vom Verein Kasachische Kultur und Völkerverständigung sagen übereinstimmend, dass man das Jurtenbau-Camp gerne unterstützt habe, weil es eine Kultur vorstelle, über die man in Deutschland so wenig wisse. Serviert wird Beshbarmak mit Pferdefleisch, das traditionelle Hefegebäck Baursaki und Chai-Tee. Rashid Chepenov hat seine Dombra dabei und erweckt mit dieser Laute akustisch ein Land zum Leben, in dem der 37-Jährige am meisten den "Blick in die Weite, der auch Geist und Seele öffnet" schätzt.
Vielleicht würde sich dieses Gefühl ja sogar bei einer Übernachtung in einer Jurte einstellen - selbst, wenn diese nicht in der Steppe stünde, sondern im oberbayerischen Alpenvorland. Wer bräuchte da noch einen Palast?