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Kandidaten für Tassilo-Preis:Schlaflos in Zorneding

Der Verein "Jüngste Kultur" veranstaltet regelmäßig Tanztees mit Senioren, kocht mit Jugendlichen und organisiert im ganzen Landkreis Partys mit Elektromusik.

"Es ist so schön, wenn die alten Menschen plötzlich anfangen zu singen oder zu tanzen." Das sagt Felix Dietz, 19 Jahre alt aus Zorneding, wenn er von den Tanz-Tees im Pöringer Seniorendomizil erzählt, die der Verein "Jüngste Kultur im Landkreis Ebersberg" vier mal im Jahr dort veranstaltet. Die 15- bis 20-Jährigen schmücken dann den Gemeinschaftsraum und legen alte Schlager auf, "mitunter ganz abgefahrene Sachen". Über die Musik kommen die Jugendlichen dann auch immer mit den Bewohnern ins Gespräch. "Das ist toll", sagt der Vereinsvorsitzende Vincent Kalnin. "Die gehen vorher noch zum Friseur und machen sich schick."

Das Engagement für die Senioren in der Gemeinde ist fester Bestandteil des Vereins, der 2007 aus einer Hand voll Jugendlicher in Zorneding gewachsen ist. Doch die Bandbreite des Angebots, das die jungen Leute seither auf die Beine stellen, ist weit breiter. Dazu gehören große Open-Air-Partys, die bis zu 800 Gäste besuchen , das gemeinsame Kochen mit Jugendlichen in der Schulküche oder eine Ausstellung von Bildern im Jugendzentrum, deren Exponate die Besucher mitnehmen dürfen. "Wir wollen Künstler fördern, eine Plattform bieten, vernetzen und Räumlichkeiten anbieten", beschreibt der 24 Jahre alte Bankkaufmann Kalnin die Ziele der "Jüngsten Kultur". Der Verein ist für den Kulturpreis "Tassilo" der Süddeutschen Zeitung nominiert, der in diesem Jahr zum siebten Mal an Personen und Gruppen aus München und den Landkreisen in der Region verliehen wird.

Ausschlaggebend für die Vereinsgründung seien damals Bedenken von Wirten und Privatpersonen gewesen, bei denen die Jugendlichen nach Veranstaltungsräumen fragten. "Da ging es dann um Fragen der Haftung und der Versicherung", erzählt Kalnin. Also setzte man sich hin, gründete den Verein und verpasste sich eine Satzung. Die Gemeinde Zorneding bezuschusst den Verein seitdem jährlich mit 350 Euro und übernimmt damit die Versicherungsgebühr. "Die Inhalte unserer Arbeit sind bewusst breit gefächert", sagt Kalnin. Ganz gleich ob Design, Architektur, Fotografie, Malerei, Bildhauerei oder Musik - alles ist willkommen.

Klar war auch von Anfang an, dass nicht ausschließlich der Heimat- und Gründungsort Zorneding kulturell bespielt werden soll. "Wir sind im ganzen Landkreis aktiv", sagt Lukas Steigerwald. Die meisten der 17 aktiven Mitglieder seien zwar Zornedinger, und hier finden auch die meisten Aktionen statt - aber: "Wir können überall hin." So ist derzeit ein Projekt in München in Planung. In einem Asylbewerberheim der Caritas will man Kontakt zu den Jugendlichen aufnehmen und gemeinsam kochen. "Das liegt auch daran, dass uns hier immer wieder unsere Grenzen aufgezeigt werden", erklärt Kalnin die Entfernung zum Landkreis. Weil der Verein keine Räume habe, sei man stets auf die Gemeinde oder andere Vereine angewiesen. Während die Zusammenarbeit mit der Pfarrjugend, dem Burschenverein und der "Aktion Jugendtreff" gut funktioniere, blocke die Gemeinde Ideen immer wieder ab. Zuletzt die Reihe "Musik in lauter Freiheit", für die man Kellerräume der Schule nutzen wollte. "Da heißt es dann, in Zeiten von Facebook könnten 300 Leute kommen", sagt Lukas Steigerwald und schüttelt den Kopf. "Wir sind keine Anfänger mehr."

Tatsächlich funktionieren die Veranstaltungen des Vereins in der Regel so, wie sie konzipiert sind. Die Bilder zum Mitnehmen im Jugendtreff finden Freunde, zum großen Elektromusik-Open-Air strömen die Massen, und zum Auftritt der unbekannten Lokalband kommen 20 Besucher. "Wir bekommen immer positive Rückmeldungen von unseren Partnern", berichtet Kalnin. Sogar ein großer Zornedinger Eventveranstalter lobte die Planung des Vereins, als der auf dem Firmengelände groß feierte. "Die wollten vorher sämtliche Pläne und Abläufe schriftlich", sagt Felix Dietz. "Da haben wir von den Profis lernen können."

Woher der Verein seine immer neuen Ideen nimmt? "Meistens werden wir über die Mitglieder angesprochen", sagt Vincent Kalnin. Doch sei es nicht so, dass der Verein dann gleich springe. "Es ist immer Eigeninitiative gefragt." Stets werde darauf geachtet, dass lokale Strukturen gestärkt werden, "eingekauft wird am Ort". Meist beginnen die Veranstaltungen am späten Nachmittag, so dass auch das jüngere Publikum dabei sein kann. Und die Eintrittspreise liegen in der Regel unter fünf Euro. "Wir wollen eine echte Alternative zu den kommerziellen Clubs in München sein", sagt Lukas Steigerwald. Der Landkreis soll für die Jugendlichen nicht nur "der Platz sein, wo sie schlafen". Sie sollen dort auch feiern können.