Kandidat für den SZ-Kulturpreis Geschichtenerzähler

Als Siebtklässler steht Thomas Hauser auf der Schulbühne des Gymnasiums Grafing. Heute ist er 25 und Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele - enden soll der Weg dort aber nicht

Von Theresa Parstorfer

In einem pinkfarbenen Bademantel, die Beine voller Kunstblut, steht Thomas Hauser auf der Bühne der Münchner Kammerspiele und blickt lächelnd ins applaudierende Publikum. Professionell. Wenige Minuten zuvor hat der 25-Jährige dabei geholfen, ein Gehirn aus dem Uterus von Beate Zschäpe, gespielt von Tina Keserovic, zu befördern. Denn bei dem Stück "Das Erbe" des Regisseurs Ersan Mondtag handelt es sich um eine Assoziation zum NSU-Prozess. Als Hauser vor zwei Jahren - gleich im Anschluss an seine Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule - an die Kammerspiele kam, war er das jüngste Ensemblemitglied. Begonnen aber hat seine Karriere gewissermaßen schon vor elf Jahren, da spielte der Siebtklässler in der Theatergruppe des Grafinger Gymnasiums.

An einem grau-nasskalten Morgen in München: Hauser steht vor der Pforte der Kammerspiele. Sein dunkles, kinnlanges Haar ist zu einem kleinen Pferdeschwanz gebunden. Er trägt eine an den schlanken Knöcheln hochgerollte Jeans, Doc Martens, einen rosa Fleecepullover und einen schweren, schwarzen Pelzmantel. An seiner rechten Hand glänzt ein breiter, silberner Ring. Hauser tritt seine Zigarette aus und weist den Weg durch einen Eingang im Hof, hinein in die nach oben hin unendlich wirkenden Räume des Theaters, an Bühnenbildern und Wagen voller Technik vorbei, bis er sich schließlich auf einem dunklen Holzstuhl vor den Türen, die zu Loge 7, 8 und 9 führen, niederlässt.

Dass Thomas Hauser sich an einem der wichtigsten Theater im Freistaat mit einer Natürlichkeit bewegt, als sei es sein zweites Wohnzimmer, habe er einer Reihe von "einfachen Entscheidungen" zu verdanken, sagt er. Das soll nicht überheblich klingen, oder wie eine Selbstverständlichkeit, sondern sei Ergebnis dessen, was in der Schultheatergruppe angefangen habe. Damals merkte Hauser, dass Theater Geschichten erzählen kann. "Ich glaube nicht, dass ich schon immer Schauspieler werden wollte", sagt er nachdenklich. "Aber künstlerischer Ausdruck war schon immer wichtig. Ob das jetzt Singen oder Tanzen oder eben das Schauspielen war."

Hausers klare, hellblaue Augen fixieren seinen Gesprächspartner stets ganz genau, manchmal scheint der Blick ein wenig zwischen den Augen des Gegenübers hin und her zu huschen, als suche er dort etwas. Einfache Antworten scheint es für den 25-Jährigen nicht zu geben. Er denkt nach, manchmal ist eine Antwort auch eine Frage. Was Heimat ist? Was es bedeutet, wenn jemand "vom Land", aus Jakobneuharting, in die große Stadt geht? Das scheint ihn zu beschäftigen.

Hauser ist seit zwei Jahren Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele.

(Foto: Armin Smailovic)

Für Hauser bedeutete dieser Schritt mit 18 Jahren, noch vor dem Abitur, sein Outing "hinter sich zu bringen". Ob das hart gewesen sei? Wieder denkt er nach, fährt mit den Händen über die polierten Armlehnen des Stuhls. "Ja, schon irgendwie", sagt er. Deshalb sei es ihm auch so wichtig gewesen, "das ganz überlegt zu tun. Es durchzuziehen, bevor ich nach München ging, um offen als junger, homosexuell lebender Mann, eine Ausbildung zu beginnen". Von diesem Zeitpunkt an sei es dann auch nie wieder ein Thema gewesen.

Früher, da sei er vielleicht schon ein wenig "der Eigenartige auf dem Schulhof gewesen". Deshalb ist er den Lehrern, die ihm Zugang zu künstlerischem Ausdruck eröffnet haben, bis heute dankbar. Denn sein Engagement als Moderator bei Schulkonzerten oder Movimento-Aufführungen habe ihm in Grafing eher zu einer Art "Prominenten- als zu einem Outlaw-Status" verholfen.

Auf der Bühne könne er seinen "zunächst als männlich wahrgenommenen Körper ausschmücken", sagt Hauser. Was ihm Spaß mache, sei das Spiel mit Nuancen, mit dem die Erwartungen an einen jungen Mann gebrochenen werden. "Das muss nicht heißen, dass der Zuschauer merkt, dass ich homosexuell bin", fügt er hinzu. Gleichzeitig wage er aber "auch zu behaupten, dass genau das zu meinem Vorteil arbeitet". Dass er sich eben nicht in stereotype Vorstellungen pressen lassen wolle, "wie man als potenter junger Mann gewisse männliche Rollen zu spielen hat".

Diese Freiheit musste Hauser sich jedoch erst erarbeiten. "Viele junge Menschen werden an Schauspielschulen aufgenommen, weil ihnen ein gewisses Talent attestiert wird, aber auch, weil sie formbar sind", sagt Hauser. Manche würden daran sogar zerbrechen. Ja, auch bei ihm sei das versucht worden, doch er habe schnell gemerkt, dass das bei ihm nicht funktioniere.

In dieser Hinsicht ist "Das Erbe" eine sehr passende Produktion: Sechs der sieben Darsteller erscheinen als gleich aussehende, auf den ersten Blick weibliche Wesen in schwarzen Kleidern und Stöckelschuhen, mit roter Haut, spitzen Ohren und einem weißen Haarkranz - ein Frauenchor, der versucht, sich durch Geschichtsschreibung und Vergangenheitsbewältigung zu reden, zu singen, zu schreien und in wilden Metaphern die Frage nach der Schuld stellt.

Für Hauser galt es in dieser Inszenierung, eine "Spielmechanik zu entwickeln, in der die Grenzen von Sexualität und Geschlechtszugehörigkeit verwischen", erklärt er. Stellenweise schlüpft er in die Rolle einer Frau, verstellt die sonst dunkel-samtene Stimme, wird von einem der anderen, männlich auftretenden Darsteller geküsst. Gleichzeitig bleibt seine Haltung meist steif, seine Bewegungen abgehackt, als sei es ihm nicht geheuer, auf Stöckelschuhen zu gehen, zu springen, zu tanzen. Eine "konstruktive Indifferenz, in der ich rein Wesen sein darf", wolle er so offenlegen, sagt Hauser und entschuldigt sich kopfschüttelnd dafür, "dass das alles wahnsinnig technisch klingt". Was er meint, ist, dass das biologische Geschlecht einer Person für ihn nicht wichtig ist. Auf der Bühne versucht er deshalb, klischeehafte Rollengestaltungen zu vermeiden.

Neue Formen des Genderdaseins für Bühne und Leben entwirft Thomas Hauser.

(Foto: Peter Hartwig/OH)

Ebenso bewusst wie der Schritt in ein offen homosexuelles Leben war Hausers Entscheidung für die Schauspielerei. Ein Beruf, den er für den Rest seines Lebens "ausgestalten" wolle, sagt er - und nicht irgendwann vielleicht doch noch ein Philosophiestudium aufnehmen. Indiskutabel, unabdingbar ist dem 25-Jährigen diese Realität mittlerweile geworden. Seine Familie und Freunde in Grafing hätten lange Zeit nicht wirklich gewusst, "was es denn heißt, eine Schauspielausbildung zu absolvieren", sagt Hauser. "Doch jetzt haben sie voll und ganz akzeptiert, dass es sich dabei um ein total ernst zunehmendes Berufsfeld handelt".

Dann spricht Hauser von seiner Mutter. Von diesem Moment nach einer Premiere, wenn er in ihre Augen schaut und merkt, "dass da so viel an Begegnung und Geschichte ist". Und obwohl er immer wieder gerne zu seiner Familie "aufs Land" zurückkehrt, ist für Hauser ebenso klar, dass seine eigene Reise gerade erst begonnen hat. "Rein geografisch gesehen bin ich ja noch nicht so weit gekommen", sagt er und lacht.

Während Hausers letztem Jahr an der Falckenberg-Schule wurde bekannt, dass Matthias Lilienthal neuer Chef der Kammerspiele werden würde. Da habe er ihn einfach nach einem Engagement gefragt und sei "dann nervig geblieben". Der Intendant seinerseits bereut die Entscheidung nicht, Hauser ins Ensemble aufgenommen zu haben: Aufregend, findet er, wie dieser beispielsweise Rollen des Begehrens und Begehrtwerdens spielt. Außergewöhnlich sei auch sein "Umgang mit Männlichkeit und Weiblichkeit": Hauser "entwirft neue Formen des Genderdaseins und lebt diese auch", sagt Lilienthal.

Während sich Hauser in München wohlfühlt, mittlerweile "wirklich in der Stadt und dem Theater angekommen" ist, freut er sich auch darauf, "wie ich in zehn Jahren mal auf diesen Weg zurückblicken werde". Gerne würde er im Ausland arbeiten. Vielleicht in Japan, da er einige seiner besten Inszenierungen mit einem japanischen Regisseur erlebt habe - obwohl dieser kein Wort Deutsch sprach und deshalb immer mit einem Dolmetscher gearbeitet wurde.

Ob es eine Rolle gibt, die er gerne einmal spielen würde? Über diese eine Frage muss Hauser überhaupt nicht nachdenken, formuliert sie aber um: "Eine Rolle, die ich unbedingt spielen wollte? Harry Potter!", sagt er und lacht. "Das wäre meine Rolle gewesen. Ich war damals unendlich neidisch auf Daniel Radcliffe."