Wenn Karin Reichert in der Adventszeit zum Briefkasten geht, holt sie die schönsten Weihnachtskarten heraus, die man sich denken kann: Kunstvoll beschriftet, schön bemalt, manchmal sind die Verzierungen sogar auf die Briefmarke abgestimmt – so ist das nun mal, wenn sich Menschen schreiben, deren große Leidenschaft die Kalligrafie ist. Die Markt Schwabenerin ist eine von ihnen, seit etwa 20 Jahren befasst sie sich intensiv mit dem Thema, hat sich umfassend fortgebildet und gibt auch Kurse – gerade jetzt, in der Adventszeit, hat sie damit viel zu tun.

Wer einen Blick auf ihren Arbeitstisch im lichtdurchfluteten Dachatelier ihres Markt Schwabener Reihenhauses wirft, weiß auch, warum: Eine kleine Auswahl ihrer schönsten Weihnachtskarten hat sie hier vorbereitet, auf einer sind rote Christbaumkugeln der Blickfang, auf einer anderen tanzt ein fröhliches Lebkuchenmännchen, ein Mistelzweig ziert eine dritte. Allen gemeinsam ist: Die Weihnachtsgrüße darauf sind in wunderbar dekorativer Schrift verfasst, mal in schwungvoller Schreibschrift, mal in klarer, schnörkelloser Druckschrift. Wer so eine Karte bekommt, entsorgt sie nicht im Papiermüll, so viel steht fest.
Hochzeitspaare setzen jetzt oft auf handgeschriebene Einladungen
Handlettering und Kalligrafie liegen im Trend, das stellt die 55-Jährige immer wieder fest. Noch vor etlichen Jahren waren am Computer designte Karten und Einladungen das, was jeder gut fand, auch Karin Reichert, die zunächst in der Verlagsbranche tätig war, war da keine Ausnahme: „Ich habe meine Hochzeitseinladung auch am Computer gemacht.“ Heute verschicken immer mehr Brautpaare gern handgeschriebene Einladungskarten, beschriften die Tischkärtchen per Hand.
Wobei es eher die Bräute als die künftigen Bräutigame sind, die Zeit und Mühen in diese Details stecken, erzählt Karin Reichert. Auch in ihren Kursen seien annähernd 99 Prozent Frauen. Heim gehen sie meist mit beeindruckenden Arbeitsproben. Die Markt Schwabenerin zieht ein paar Bücher aus dem Regal, die zeigen, wie so etwas aussehen kann: Aquarell und Text miteinander kombiniert, verschiedene Schriftarten, buntes Papier, kunstvoll gefaltet.


Wer zu ihr kommt, muss keine Vorkenntnisse mitbringen, nicht mal eine schöne Handschrift. „Jeder kann schön schreiben lernen“, sagt die Expertin; mit der alltäglichen Handschrift, in der man Einkaufszettel und Notizen verfasst, hat das, was sie lehrt, sehr wenig zu tun. Einsteiger entscheiden sich oft für Kurse im Handlettering, da es weniger feste Regeln gibt. Die Buchstaben werden dabei langsam und bewusst gestaltet – eher gezeichnet als geschrieben – und häufig mit unterschiedlichen Strichstärken versehen. Typische Werkzeuge sind Brushpens, also Stifte mit einer flexiblen, pinselartigen Spitze.
Auch Klavierspielen muss man von der Pike auf lernen, bevor man improvisieren kann.Karin Reichert
In der Kalligrafie ist die Herangehensweise weniger frei. Man wählt in der Regel eine bestimmte Schriftart – eine der bekanntesten dürfte die Antiqua sein – und hält sich an deren definierte Regeln und Strichführungen. Traditionell wird mit Feder und Tinte oder Tusche gearbeitet. Bandzugfedern mit ihren abgeschrägten Spitzen erzeugen Strichstärken durch Richtungswechsel, bei Spitzfedern kann die Strichstärke durch unterschiedlichen Druck variiert werden, die Redisfedern mit ihrer runden Spitze machen gleichmäßige, einheitlich dicke Linien möglich.
Gerade Kalligraphie ist nach Einschätzung Reicherts schwer allein aus dem Lehrbuch zu lernen, jedenfalls ist es ihr selbst so gegangen, Kurse helfen beim Einstieg. Wichtig sei es, erst einmal die Grundlagen zu beherrschen, sagt sie, und wählt einen Vergleich: „Auch Klavierspielen muss man von der Pike auf lernen, bevor man improvisieren kann.“


Das heißt aber nicht, dass nicht auch Anfänger beeindruckende Ergebnisse erzielen können, wenn sie sich an ein paar Grundregeln halten und nicht am Material sparen. Wer sich am Handlettering versuchen will, sollte, so der Tipp Reicherts, einen Fineliner oder einen weichen Bleistift verwenden – Kugelschreiber taugen hierfür überhaupt nicht. Ein Aquarellblock eignet sich als Grundlage, aber lieber nicht einer, der für drei Euro beim Discounter zu haben ist. „Wenn man im Fachhandel 20 bis 30 Euro für Papier und Stifte ausgibt, ist man für den Anfang gut ausgestattet“, sagt die Markt Schwabenerin. Und keinesfalls sollte man glauben, schnell nach einem stressigen Arbeitstag oder in ein paar Minuten zwischen Terminen etwas Schönes produzieren zu können. „Man sollte sich mindestens eine Stunde Zeit nehmen“, sagt Karin Reichert – und sich dann mit Ruhe ans Werk machen.
Bei Weihnachtskarten kann man mit ein paar Tricks auch dann optisch punkten, wenn man vielleicht nicht der geborene Künstler ist. Mit Plätzchenformen können weihnachtliche Motive vorskizziert werden, eine bunte Christbaumkugel bringt sofort weihnachtliches Flair – wer sich eine Freizeichnung nicht zutraut, kann auch für den Kreis eine Schablone oder einen Zirkel verwenden. Kleine Stempelfiguren oder Sternchen, die aus buntem oder goldenem Papier ausgeschnitten oder ausgestanzt werden, können das Motiv ergänzen. Und dann kommt natürlich noch die Schrift. „Anfänger sollten vielleicht nicht gleich zu viel Text nehmen“, rät Karin Reichert. Der Schriftzug „Frohe Weihnachten“ oder „Frohes Fest“ reicht ja für einen weihnachtlichen Gruß.
Auch wenn die 55-Jährige gelegentlich das Konzept der Karte mit Bleistift skizziert, schreibt sie den Text nie mit Bleistift vor, um ihn dann mit Tinte nachzuziehen. Sie rät auch Anfängern davon ab, das würde das Schriftbild verfälschen. Lieber vorher Buchstabe für Buchstabe üben und den Effekt ausprobieren, bevor man sich an die Karte selbst wagt. Um herauszufinden, wie groß die Schrift sein darf, kann man auch auf Transparentpapier Entwürfe machen und sie über die Karte legen. So lässt sich gut erkennen, ob man mit dem vorhandenen Platz hinkommt – nicht, dass man am Ende die letzten Buchstaben hässlich zusammenquetschen muss. Wer sich unsicher in der Konzeption der Karte ist, kann erst einmal größeres Papier auswählen als das Format, das man letztlich verschicken will, denn zuschneiden kann man es ja jederzeit.
Auch wenn nicht davon auszugehen ist, dass ein Anfänger so schöne Stücke hinbekommt wie Karin Reichert und ihre Kalligrafie-Kollegen – ein Fall für die Papiertonne sind sicher auch diese liebevoll gestalteten Stücke nicht.
Nähere Informationen zu Karin Reichert und ihrer Arbeit gibt es auf ihrer Homepage unter www.karin-reichert-kalligraphie.de.

