"Juniorwahl" in Ebersberg Wahlurne im Klassenzimmer

Die Materialien sehen fast so aus wie die offiziellen - nur, dass eben "Juniorwahl" darüber steht. Die Schüler geben gern ihre Stimme ab.

(Foto: Juniorwahl 2017)

Politikverdrossenheit? Von wegen: Vier Schulen im Landkreis Ebersberg nehmen in dieser Woche an der bundesweiten "Juniorwahl" teil - und sind begeistert

Von Franca Wittenbrink, Ebersberg

Wenn am kommenden Sonntag der Deutsche Bundestag gewählt wird, sind etwa dreizehn Millionen Bürger vom Wahlrecht ausgeschlossen: all jene nämlich, die zum Zeitpunkt der Wahl das 18. Lebensjahr noch nicht erreicht haben. Zahlreiche Schüler und Schülerinnen im Landkreis Ebersberg werden im Verlauf dieser Woche dennoch ihr Kreuzchen setzen: Sie nehmen Teil an der bundesweiten "Juniorwahl", die der Deutsche Bundestag in diesem Jahr bereits zum fünften Mal veranstaltet.

Ziel des Projektes, an dem alle Klassen ab der siebten Jahrgangsstufe teilnehmen können, ist das Üben und Erleben von Demokratie. Anhand von speziellem Unterrichtsmaterial soll den Schülern und Schülerinnen Grundwissen über das demokratische System in Deutschland vermittelt werden, im Anschluss geht es dann an die praktische Umsetzung: Mit Wahlurnen und Wahlkabinen, Wahlbenachrichtigungen und Stimmzetteln wird die Atmosphäre einer realen Wahl erzeugt. Das Ergebnis gibt es dann - gleichzeitig mit dem der Bundestagswahl - am 24. September unter www.juniorwahl.de.

Bereits im März dieses Jahres hatte der CSU-Bundestagsabgeordnete für Erding und Ebersberg, Andreas Lenz, die Schulen des Landkreises zur Teilnahme an der "Juniorwahl" aufgerufen - gleich vier davon sind seiner Aufforderung gefolgt: die Lena-Christ-Realschule und das Franz-Marc-Gymnasium in Markt Schwaben, die Dominik-Brunner-Realschule in Poing sowie das Humboldt-Gymnasium in Vaterstetten. Noch vor der Verkündung der Ergebnisse sind die Projektleiter sich einig: "Das war sicherlich nicht das letzte Mal."

"Das Projekt war bei uns wirklich sehr erfolgreich", berichtet Rüdiger Modell, Direktor des Vaterstettener Humboldt-Gymnasiums. Etwa 600 Schüler der Klassen 10, 11 und 12 haben im Rahmen des Sozialkunde-Unterrichts an der "Juniorwahl" teilgenommen und sich dabei "sehr ernsthaft mit dem Wahlprozess beschäftigt", erzählt Modell: "Die meisten unserer Schüler sind noch keine 18 - aber die nächsten Wahlen stehen an. Dafür ist das eine super Vorbereitung!" Ein ähnliches Bild zeichnet Simon Leicht, Lehrer für Geschichte und Sozialkunde am Franz-Marc-Gymnasium in Markt-Schwaben. Im Unterricht hat er die Parteien und deren Programme ausführlich behandelt, auch der Wahl-O-Mat sei dabei zum Einsatz gekommen. In der Abschluss-Stunde sei die offizielle Wahl dann schließlich simuliert worden - mit allem, was dazu gehört. Die zwölfte Klasse sei in der vergangenen Woche auf Studienreise gewesen und habe leider nicht am Projekt teilnehmen können, berichtet Leicht. Die verbleibenden 250 Schüler der zehnten und elften Jahrgangsstufe seien aber "mit Feuereifer dabei gewesen". Den Grund für die positive Resonanz der Schüler sieht der Projektleiter vor allem in der großen Authentizität der von der Bundeszentrale für politische Bildung bereitgestellten Materialien: "Die Stimmzettel zum Beispiel sehen den echten zum Verwechseln ähnlich - nur dass eben Juniorwahl anstatt Bundestagswahl darüber steht." Für die Schüler sei das ein konkreter, greifbarer Anlass, um sich eine Meinung zu bilden. Davon ist auch Jürgen Hansen, Lehrer für Sozialkunde und Geschichte an der Realschule Markt Schwaben überzeugt. Dadurch, dass sie mit ihren Meinungen und Einstellungen ernst genommen würden, werde bei den Schülern ein großes Interesse am politischen Geschehen geweckt. "Für den Gang zur Urne braucht man dann natürlich auch ein richtiges Wahllokal, in dem man seine Stimme abgeben kann", beteuert er. "Vor allem dieser offizielle Charakter des Projekts macht den Schülern großen Spaß - das könnten wir mit unseren herkömmlichen Unterrichtsmaterialien niemals leisten." Sylvie Schnaubelt, stellvertretende Schulleiterin der Dominik-Brunner-Realschule in Poing, sieht ihre Erwartungen ebenfalls bestätigt: "Die Aktion ist ein toller Weg, um den jungen Menschen einen zusätzlichen Zugang zu Demokratie zu verschaffen." Bereits im vergangenen Jahr hatte die inhaltliche Vorbereitung im Unterricht begonnen, die "Juniorwahl" wurde schließlich im Rahmen eines Projekttages durchgeführt. "Die Schüler haben den ganzen Tag aktiv mitgearbeitet", erzählt Schnaubelt, "sogar den Wahlvorstand und die Auswertung der Stimmzettel haben sie eigenständig übernommen."

Besonders wichtig seien den Schüler all jene Themen, von denen sie selbst betroffen sind, erzählt Simon Leicht vom Gymnasium Markt Schwaben. So sei an seiner Schule vor allem die Flüchtlingsfrage von großem Interesse gewesen: Noch im vergangenen Jahr war die Turnhalle des Gymnasiums als Unterkunft genutzt worden, "die Schüler haben das also ganz konkret miterlebt". Aber auch Themen wie Bildungspolitik oder - so berichtet Rüdiger Modell vom Gymnasium Vaterstetten - Ökologie und Umwelt stünden hoch im Kurs.

Allen Schulen gemein ist die hohe Wahlbeteiligung: an die 100 Prozent - davon kann man in der Realität nur träumen. "Ein einziger Schüler hat mich gefragt, ob er den Zettel wirklich abgeben müsse", erzählt Jürgen Hansen von der Realschule Markt Schwaben. Musste er natürlich nicht - denn auch das gehört dazu: "Um was es hier geht, ist das Wahlrecht - keine Wahlpflicht."

Was nun noch aussteht, ist die Bekanntgabe der Ergebnisse. In Vaterstetten lässt sich bereits eine Tendenz feststellen: "Die Schüler scheinen sehr gewissenhaft gewählt zu haben - extreme Parteien kommen beispielsweise kaum vor", verrät Modell. Im Detail wird der Wahlausgang allerdings erst am Sonntag verkündet - dann können die Schul-Ergebnisse mit dem bundesweiten Ausgang der "Juniorwahl", aber auch mit der tatsächlichen Bundestagswahl verglichen werden. "Und dann kommt die Nachbereitung", sagt Jürgen Hansen von der Realschule Markt Schwaben, der zu diesem Zweck einen ganz besonderen Ausflug mit seinen Schülern geplant hat: Gemeinsam geht es nach Berlin in den Bundestag.