Süddeutsche Zeitung

Junge Musiker aus dem Landkreis:Die Welt der Gänsehaut

Bei der 38. Auflage des "Podium Junge Musik" kommen knapp 50 Nachwuchsmusiker zusammen. In Vaterstetten geht es um Noten und Platzierungen - aber auch um ein harmonisches Miteinander

Man spürt die Spannung im Saal: Ein letztes Fühlen der Saiten, ein Blick zum Partner und schließlich das Nicken, das den Start bestätigt. Dann lassen Mara, 15 Jahre alt, und Tamino, zwölf, die ersten Töne von Krumholtz' "Premier Duo" auf ihren Harfen erklingen - und das Publikum hält den Atem an.

Samstag in Vaterstetten, die beiden Nachwuchsmusiker sind mit 45 anderen Musikschülern aus dem Landkreis Ebersberg beim 38. Musikwettbewerb "Podium Junge Musik" dabei, der jährlich abwechselnd in Vaterstetten und Ebersberg stattfindet. Die Präsentationen der Schüler verteilten sich dieses Jahr auf die Kategorien Streichinstrumente, Kammermusikensembles, Zupfinstrumente und Blechblasinstrumente. Sie sind bis nachmittags in der Musikschule Vaterstetten zu hören.

Insgesamt drei Stücke spielen Mara und Tamino auf ihren Harfen, dabei herrscht absolute Stille im Saal der Kammermusikensembles - verdrängt wird sie nur durch den lauten Applaus, der am Ende jedes Stücks losbricht. Die Familie der beiden ist dabei, und die Musiklehrerin, sie schaut stolz zu. Aus Aßling und Grafing sind sie mit ihren riesigen Instrumenten gekommen, um "natürlich", wie Tamino betont, eine "gute Bewertung" zu bekommen. Aber auch, wie Mara ergänzt, "um so viel wie möglich an Erfahrung mitzunehmen". Beide spielen ihre Instrumente seit sechs bis sieben Jahren, und schon ein paar Mal sind sie zusammen - als Ensemble also - aufgetreten. Übung ist gerade in der Musik der Schlüssel zum Erfolg, weshalb die beiden "eine halbe bis dreiviertel Stunde jeden Tag" üben. Trotzdem waren beide vor dem Auftritt leicht nervös: "Ein bisschen schon", sagt Tamino, "halt die ganz natürliche Aufregung", bestätigt Mara.

Doch wenn sie anfangen zu spielen, dann merkt man von Aufregung nichts mehr: Sanft lehnen sich Mara und Tamino an ihre verzierten Instrumente. Dann sind beide konzentriert und betreten eine eigene Welt - die der Noten, Vorzeichen und Crescendi, die der Harmonie und des Zusammenspielens. Die Köpfe halten die beiden ganz ruhig, nur die Augen und Hände huschen hin und her - die Finger bewegen sich, als täten sie den ganzen Tag nichts Anderes. Mit den Tönen, die sie erzeugen, schaffen es die beiden, das Publikum und die drei Juroren an dieser Welt teilhaben zu lassen - es kommt zu mehreren Gänsehautmomenten. Kein Wunder, dass sich die Zuhörer kaum zu rühren wagen, bis nicht der letzte Ton verhallt und eine gespannte Stille entstanden ist. Dann stehen die beiden Musiker leichtfüßig von ihren Schemeln auf und lächeln einander an. Zwei Verbeugungen, die Anspannung ist verflogen. Sie sind "größtenteils" zufrieden mit ihrem Spiel, wie Mara anmerkt.

Gelohnt hat sich das Üben und die Aufregung auf jeden Fall, denn die beiden haben mit anderen Teilnehmern ihrer Kategorie und Altersgruppe den ersten Platz belegt und werden deshalb beim Preisträgerkonzert am 22. März im Saal des Seniorenwohnparks Vaterstetten vorspielen. Neben dieser Veranstaltung gab es noch einen zweimaligen "Meisterunterricht", der - ebenfalls von den Besten eines jeweiligen Fachs - gewonnen werden konnte. "Dies ist eine Besonderheit in unserem Landkreis, weil wir damit auch den pädagogischen Aspekt unterstreichen wollen", erklärt Leopold Henneberger, stellvertretender Leiter der Ebersberger Musikschule.

Bei dem Wettbewerb geht es laut Henneberger nicht um ein Gegeneinander von Wunderkindern und den ersten Platz, sondern darum, Kindern und Jugendlichen "die Gelegenheit zu geben, mal Wettbewerbsluft zu schnuppern". Deshalb habe man vor zwei Jahren den Namen der Veranstaltung zu "Podium Junge Musik" geändert, um dem Wort "Wettbewerb" und dessen Konnotation entgegenzuwirken.

Demnach waren auch viele angehende Musiker dabei, die zum ersten Mal an einem Wettbewerb teilgenommen haben - so zum Beispiel der siebenjährige Tim mit seinem Kontrabass. Mit Hemd und Fliege steht er neben seinem Instrument, das so groß wie er selbst ist. Hinter ihm am Klavier sitzt sein großer Bruder, um ihn zu begleiten. Und dann fängt Tim an, ganz cool aber trotzdem konzentriert. Wie ein eingespielter Profi sieht er aus, nein nervös sei er nicht gewesen, wird er später sagen - und das sieht man ihm an. "Im Gegensatz zu uns" müssen der Vater und der Bruder später lachend zugeben.

Tim spielt eine Vielfalt von Tönen und Harmonien, von heiter, beschwingt und schnell, bis mysteriös, bedrohlich und langsam. Den Bogen benutzt er häufig, er kitzelt damit ein tiefes Dröhnen aus dem Resonanzkörper des Basses. Aber ein paar Mal zupft er die Saiten auch, dann wippt er mit dem ganzen Körper. Man sieht, dass er Spaß hat und die Aufmerksamkeit der Juroren und Zuschauer genießt. In manchen Momenten, wenn Tim so loslegt, dann hört sich das Ganze nach Jazz an, und nicht nur sein stolzer Vater, sondern auch die Zuhörer im Saal sind begeistert, als er fertig ist.

Tim kommt aus Ebersberg, die Jugendlichen und Kinder sind aus dem gesamten Landkreis hergekommen. Und das hat seinen Grund: "Wir führen diesen Wettbewerb jährlich im Auftrag des Landkreises durch", so Henneberger. Es sei schön, dass die Teilnehmer "nicht nur Schüler von der Musikschule Vaterstetten oder Ebersberg-Grafing sind, es können alle Jugendlichen aus dem Landkreis teilnehmen". So waren auch Mara und Tamino glücklich mit diesem offenen Wettbewerb und dieser Gelegenheit, sich vor einem großen Publikum auszuprobieren.

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Quelle:
SZ vom 12.03.2018
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