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Am Gymnasium Kirchseeon:Geschichte zum Anfassen

Authentisch: Juliane Breinl stellt am Gymnasium Kirchseeon ihr Buch "Mein Mauerfall" vor. Die Jugendlichen zeigen großes Interesse.

(Foto: Christian Endt)

Autorin Juliane Breinl macht mit ihrer spannenden Präsentation von "Mein Mauerfall" die Geschichte der DDR für Jugendliche greifbar

Richtig fröhlich schaut er aus, der gelbe Frontlader, der in der Aula des Gymnasiums Kirchseeon hinter Juliane Breinl auf einer großen Leinwand erscheint. Doch das, was die schmale Frau in Jeans und Pulli jetzt den aufmerksam lauschenden Siebtklässlern zum Foto aus dem Grenzmuseum "Schifflersgrund" erklärt, ist alles andere als heiter: "Der junge Mann fuhr im Grenzgebiet ganz dicht an den letzten Zaun heran, benutzte die Schaufel als Rampe und kam auch gut auf der anderen Seite an. Weil aber das fünf Meter breite Gebiet dahinter noch zur DDR gehörte, wurde er von den Grenzsoldaten erschossen und starb auf dem sogenannten Todesstreifen".

Die jungen Gesichter, in denen man gerade noch hier und da ein Gähnen beobachten konnte, sind nun ganz ernst. Nein, die bis 1984 in Leipzig aufgewachsene Autorin beschönigt in ihrem Buch "Mein Mauerfall" nichts - und auch nicht heute hier. Weder die Zahlen derer, die beim Versuch, ein Land zu verlassen, dessen Partei ihnen vorschreiben wollte "was sie zu tun, zu sagen, ja sogar zu denken haben", ihr Leben lassen mussten, noch die Aktivitäten der Stasi (abgehörte Telefone, mit ausgeklügeltem Werkzeug durchsuchte Pakete, Befragungen in fensterlosen Kellerräumen, Bespitzelung von Angehörigen), mit denen auch Breinls Familie Bekanntschaft machen musste.

Genau das ist das Besondere an dem erzählenden Sachbuch der Wahlmünchnerin, ihrer insgesamt siebten Veröffentlichung: Einige der interviewten Zeitzeugen sind Freunde oder Verwandte, diverse Fotos stammen aus Privatbesitz, immer wieder knüpft sie bei den Berichten an ihre persönliche Erfahrung an. Diese Authentizität beeindruckt auch Thierry, Lena und Mai: Übereinstimmend sagen die Jugendlichen nach der Veranstaltung, solche Erzählungen seien viel eindrucksvoller als das, was Lehrkräfte "oft nur aus Büchern" referierten. Jede Menge Fakten gibt es auf den 142 Seiten von "Mein Mauerfall" natürlich auch: Mehrere Monate lang hat die Journalistin dafür recherchiert.

Die Rahmenhandlung wiederum ist bis zu einem gewissen Grad ausgedacht: Der 12-jährige Ich-Erzähler Theo wird während eines Familienwochenendes in Thüringen von Eltern, Großeltern, Onkel und Tante sowie einer kauzigen Pensionsbesitzerin häppchenweise in die Geschichte der DDR seit ihrer Gründung eingeführt. Dabei prallen immer wieder höchst gegensätzliche Ansichten aufeinander: Vom Opa, der sich heute noch als "Ossi" fühlt und nach wie vor "seinem" Arbeiter- und Bauernstaat hinterhertrauert, über die Tante, als Kind von ganzem Herzen Pionierin, Wirtin Kruschke, die meint, an allem seien die Russen schuld gewesen, bis hin zu Lukas Mutter, die ohne Umschweife sagt: "Mich regen die Erinnerungen an die Scheiß-Grenze auf!"

Auch im echten Leben gibt es unterschiedliche Perspektiven und Wahrnehmungen innerhalb der Familie von Breinls Mutter, einem von insgesamt elf Kindern eines Pfarrers. Einige Geschwister wohnten in der DDR, andere in Westdeutschland, viele hatten einschneidende Erlebnisse. Einem Bruder gelang 1961 eine spektakuläre Flucht: Er wollte weg, weil er aufgrund seiner Herkunft und seiner Weigerung, zur Wahl zu gehen, auf dem Bau arbeiten musste, statt Architektur studieren zu dürfen. Eine Schwester wiederum war von ihrem Mann nur geheiratet worden, damit dieser die Familie ausspionieren konnte, wie ein Blick in die Stasi-Akten später offenbarte. "Da war er zum Glück schon tot".

Man merkt, dass das Thema den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern unter die Haut geht - es ist überraschend leise nicht nur in der Aula, sondern auch auf der Treppe und in den Gängen der oberen Stockwerke, als während der Pause der übliche Klassenzimmerwechsel stattfindet. Mit dem unvermeidlichen Geräuschpegel wird Breinl als Stimm- und Sprechtrainerin dabei spielend fertig, die Konzentration bleibt erhalten. Das ist gut so, denn es gibt noch einiges zu hören und zu verarbeiten, bevor es zu den konkreten Ereignissen im Vorfeld des Mauerfalls geht.

So zahlreich sind die Fragen des jungen Publikums - "Gab es auch Leute, die andersrum geflüchtet sind? Was passierte mit Tieren von verhafteten Bauern? Stimmt es, dass Menschen bei Verhören gefoltert wurden?" - dass tatsächlich erst der Gong der Veranstaltung ein Ende bereitet. Wie interessiert die junge Zielgruppe ist, zeigen auch die Kommentare im Anschluss an den überaus lebendigen Vortrag. Besonders angetan haben es den Schülerinnen und Schülern die Fluchtgeschichten - Theresa zum Beispiel hat "Ballon" gesehen und ist noch immer davon erschüttert, "dass die Menschen mit allen Mitteln rauswollten". Isabella schließlich bringt die Dinge auf den Punkt: "Das alles ist ja gar nicht so weit entfernt und hat auch Auswirkungen auf heute." Bleibt zu hoffen, dass alle rund 120 Anwesende in den zwei Vorträgen tatsächlich, wie jemand sagt, "aus der Vergangenheit lernen." Unter anderem, dass Frontlader nur und ausschließlich in der Landwirtschaft eingesetzt werden sollten.

© SZ vom 12.02.2020
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