Kultur in Ebersberg:Gänsehaut und Lachtränen

Der Kreisjugendring Ebersberg präsentiert die Sieger seines Jugendkulturpreises in einer virtuellen Verleihung. Ein liebevoll gestalteter Film stellt alle prämierten Werke vor.

Von Anja Blum

Es braucht nicht immer den ganz großen Auftritt, um einen Kunstwettbewerb zu gewinnen. Wenn eine Jury sich Zeit nimmt, genau hinzusehen, kann auch eine kleine, feine Arbeit am Ende strahlen. Das hat nun die Verleihung des Jugendkulturpreises gezeigt, den der Ebersberger Kreisjugendring (KJR) wieder ausgelobt hatte. Auf dem ersten Platz: ein schmales, detailreich gestaltetes Heftchen mit einer selbst geschriebenen Geschichte von Alessia Toschi. Die 19-jährige Autorin nimmt darin die ungewöhnliche Perspektive einer Zimmerpflanze ein, um die Welt der Menschen zu sezieren. Es fängt ganz harmlos an, aber schon bald geht es um Sexismus, Rassismus und Homophobie. "Dieser Text macht klar, was wir alle anstellen mit unserer Welt. Das hat uns gepackt und umgehauen", so das Urteil der Jury. "Diese Entscheidung war schnell klar."

48 Werke wurden diesmal eingereicht, eine erfreulich hohe Beteiligung. Das Thema: "Wer braucht das alles?" Offenbar hatte es einen Nerv getroffen. Umso erfreulicher, dass der KJR sich von den widrigen Corona-Umständen nicht hat abhalten lassen und den Wettbewerb trotz enormen Aufwands ins Internet verlegte. Die Verantwortlichen bauten die Ausstellung mit allen Werken in der Galerie des Kunstvereins auf, fotografierten, filmten und gestalteten mit dem Material eine Online-Galerie sowie einen moderierten Rundgang. Auch die Preisverleihung musste freilich virtuell stattfinden: Der KJR hat im Studio an der Rampe einen 30-minütigen Film produziert, der dann am Freitagabend online ging. Das sehr professionelle Video - Kamera, Ton und Schnitt: Daniel Hitzke vom Alten Kino - gibt einen wunderbaren Einblick in die Arbeit der Jury, die diesmal aus Barbara Lux vom Alten Kino, SZ-Fotograf Peter Hinz-Rosin, Janis Michal vom Kreisjugendring und Luci Ott vom Kunstverein Ebersberg bestand, und stellt alle ausgezeichneten Arbeiten vor.

Jugendkulturpreis 2020

Der Nachwuchs im Landkreis erweist sich als sehr engagiert und kreativ: Franziska Winkler hat zum Beispiel mit einer historischen Zeitung gearbeitet.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das Fazit der Wettbewerbsmacher: Man sei zutiefst beeindruckt von den eingereichten Beiträgen, von der Energie und dem Engagement der Teilnehmer. "Wir hatten mehrmals Gänsehaut - haben aber auch Tränen gelacht", beschreibt Philipp Spiegelsberger vom KJR die emotionale Auseinandersetzung mit den Werken. Er und Babsi Lux sitzen da auf einem schwarzen Sofa inmitten der Ausstellung und eröffnen den Film zur Preisverleihung, die von einem Trio um Günther Beutel musikalisch untermalt wird. Es gibt viele lobende Worte, aber Lux hat überdies eine wichtige Botschaft an alle Teilnehmer, für die es diesmal nicht zu einem Preis gereicht hat: "Bitte gebt nicht auf, macht weiter mit der Kunst!"

Eine Besonderheit des Ebersberger Jugendkulturpreises ist, dass seine Kategorien den Einsendungen angepasst werden: Die Jury legt sie erst fest, wenn sie alle Arbeiten gesichtet hat. Diesmal gab es eine Kategorie Schuleinreichung, eine weitere für Teilnehmer von acht bis 14 Jahren, eine für solche zwischen 15 und 19 Jahren und eine für Videos. Bei den Schulwerken war die Entscheidung schnell gefallen, denn es gab nur eine einzige: Die Montessorischule aus Niederseeon hat eine Müllinsel geschaffen. "Wenn man sieht, wie diese Puppe so langsam im Plastik versinkt, wird sehr eindrücklich, was für Schweine wir alle sind", erklärt einer der Juroren im Film die Prämierung. Die große Installation sei ein sehr ausgereiftes Werk, plakativ und doch von spielerischer Leichtigkeit.

Über einen dritten Preis bei den Jüngeren darf sich Emilia Rölle freuen, sie hat einen interaktiven Walfisch gebastelt, der Müll verschluckt. "Dieses Thema beschäftigt Euch offenbar sehr." Genauso überzeugt war die Jury allerdings auch von Emil Teigans Skulptur, er erhielt ebenfalls einen dritten Preis für einen Menschen aus Papier und Pappe, der zeigt, was wir alles nicht brauchen - von Schminke über Krieg bis zum Mobbing. Auf Platz zwei bei den Jüngeren sah die Jury ebenfalls gleich zwei Arbeiten: eine "genial einfache" Schildkröte aus Ton von Valentina Link sowie eine Waage, die das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt misst, von Hannah Chevalier. "Wir spielen eben sehr gerne!" Am meisten überzeugt aber hat ein Schaukasten von Roqia und Yasir Golmani: Die afghanischen Geschwister stellen Bedrohung und Hoffnung auf berührende Weise gegenüber - mit ganz einfachen Mitteln. Stacheldraht etwa haben sie aus Büroklammern gebastelt, Viren aus Styroporkugeln und Stecknadeln, bunte Wimpel und kleine Lichter stehen für ein Leben in Frieden und Sicherheit.

Über gleich zwei Auszeichnungen darf sich Anastasia Mitschke freuen: Ihr düster-emotionales Gemälde auf Spiegel wurde von der Jury in der Kategorie der Älteren auf den dritten Platz gewählt, außerdem geht der Publikumspreis an die 17-Jährige. Mehr als 200 Besucher der Online-Galerie hatten an der Wahl teilgenommen, 68 davon für Mitschke gestimmt. "Diese Arbeit ist toll gemalt und zieht einen sofort rein", so das Urteil der Juroren. Um "schlechte Nachrichten" geht es bei Franziska Winkler, der Zweitplatzierten. Sie hat eine Collage geschaffen aus einer Zeitung von 1927 und feinen Ölmalereien. "Dieses Werk schlägt einen Bogen in die Vergangenheit, ist sehr politisch und toll präsentiert." Außerdem besteche die Botschaft: "Denkt positiv!"

JuKuP 2020/2021 Preisverleihung

Die Jury applaudiert.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

In der Kategorie Video wurden ebenfalls drei Auszeichnungen vergeben: Amelie Sieben und Pauline Bastian haben mit einem aufwendigen, vielfältigen und musikalischen Beitrag zum Thema Corona überzeugt und wurden auf den dritten Platz gewählt. Nur ganz kurz, aber nicht weniger überzeugend: das Stop-Motion-Video von Konstantin Raith und Dominik Betzl, die einen leeren Lego-Lkw durchs Zimmer fahren lassen. "Das ist total auf den Punkt!" Auf Platz eins: "Adelgunts Anekdote" von Elias Schlembach und Korbinian Kusterer. "Das ist eine tolle Geschichte mit Überraschungseffekt, wir haben alle laut gelacht", so die Juroren. Zudem sei es eine gute Idee, analoge Bilder mit digitalen zu verbinden. Das letzte Bild des Films zur Preisverleihung: ein Riesenapplaus und Jubel der Juroren für alle Teilnehmer - inmitten ihrer wunderbaren Werke.

Galerie, Rundgang und Preisverleihung sind online zu finden unter https://www.kjr-ebe.de/jugendkulturpreis/.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB