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Ebersberg als Drehort:Zündelei in Sensau

Der kürzlich verstorbene Regisseur Joseph Vilsmaier war in den Siebzigern noch Kameramann. Damals verfilmte er auf dem Hof von Kreisheimatpfleger Sepp Huber in Steinhöring den Roman "Der harte Handel" von Oskar Maria Graf

Von Alexandra Leuthner

Sepp Huber und Joseph Vilsmaier

Die Küche wurde damals zur Requisite umfunktioniert. Rechts: der heutige Kreisheimatpfleger Sepp Huber.

(Foto: Privat)

Es war wie verhext. Die Wand brannte einfach nicht, die Crew konnte machen, was sie wollte. Drei Gaskartuschen waren aufgebaut, immer wieder rief der leicht genervte Regisseur: "Mehr Feuer in der Mitte, mehr Feuer in der Mitte!" Doch es half alles nichts. Zuvor hatten die Filmleute gar versucht, am Stall des Bauernhofs ein Feuer zu legen, in dem die Geschichte um einen Bauern, eine Vergewaltigung, einen Versicherungsbetrug und ein uneheliches Kind spielte. Doch das mit dem flüssigen Gas hatte gleich gar nicht funktioniert. Vielleicht war das ja ein Glück für den Ebersberger Kreisheimatpfleger Sepp Huber. Er wohnt nämlich heute in dem Bauernhof, an dem 1977 so heftig gezündelt wurde. Wer weiß, was das künstliche Feuer angerichtet hätte?

Die zündende Idee - im wahrsten Sinne des Wortes - um eine ordentliche Aufnahme eines Brands am Bauernhof in den Kasten zu kriegen, hatte letzten Endes einer, der vor kurzem mit 81 Jahren gestorben ist: Joseph Vilsmaier. Der Münchner, Vorzeigeregisseur der deutschen Filmbranche, stand damals, als der Roman "Der harte Handel" von Oskar Maria Graf in Sensau verfilmt wurde, noch hinter der Kamera. Regie führte Uli Edel, der unter anderem die Kino-Filme "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", "Der Baader Meinhof-Komplex" und "Letzte Ausfahrt Brooklyn" gedreht hat. Auch für TV-Mehrteiler wie "Das Adlon. Eine Familiensaga " oder eine Folge der US-amerikanischen Kultserie "Twin Peaks" zeichnet er verantwortlich. Kameramann Vilsmaier aber, erinnert sich Huber, "war der, der den Ton angab". Der Steinhöringer selbst, heute in den Siebzigern, damals noch ein junger Lehramtsanwärter von 28 Jahren, durfte einen Dorfpolizisten spielen - schließlich war der Bauernhof, in dem gedreht wurde, Eigentum seiner Familie.

Sepp Huber und Joseph Vilsmaier

Draußen vor dem Hof gab es einen fingierten Fassadenbrand, der die Filmcrew jede Menge Nerven kostete.

(Foto: Privat)

Regisseur Edel hatte gezielt nach einem Drehort in der Gegend südlich von Ebersberg gesucht, passend zum Setting der Geschichte. "Der Bauernhof hätte aber eigentlich ein bisschen größer sein sollen", erzählt Huber. Doch das Haus, in dem seine Mutter groß geworden war, stand praktischerweise gerade leer. Nach ihrer Heirat und dem Umzug zu ihrem Ehemann war der Hof "Sensau beim Weinberger" vermietet gewesen, bis 1968. Das leere Gebäude mit Stallungen und Land drumherum - das Häusl für die existenziellen Bedürfnisse draußen auf dem Hof - war genau das, was die Filmleute gesucht hatten. Die Hausfront, die sie für die Brandszene nachgebaut hatten, konnten sie nach dem ersten fehlgeschlagenen Versuch noch einmal neu aufbauen, kein Mensch störte sich daran. Kameramann Vilsmaier postierte 14 Tage später - so lange dauerte es, die Kulisse neu zu errichten - eine Extrakamera weit weg an der Straße, die zum Hof hinauf führt. Die Kulisse brannte zwar auch diesmal nicht so, wie Vilsmaier und Edel es haben wollten, aber jetzt konnten sie das Filmmaterial so zusammenschneiden, dass das Feuer am Ende täuschend echt aussah.

Im alten Haus selbst, wie Huber erzählt, räumten die Filmleute damals alles um. "Die Küche war plötzlich die Requisite, die Filmküche wurde "in die Stub'n hinein gebaut". Rundherum das Land, Felder, Wiesen, der Wald gaben die Kulisse. Ein kitschiger Heimatfilm à la "Und ewig singen die Wälder" allerdings, so Huber, war der "Harte Handel" gerade nicht - "eher nicht ganz jugendfrei", erinnert der Steinhöringer sich. Die Dorfgemeinschaft, die den fertigen Film gemeinsam anschaute, hätte die Kinder am liebsten doch noch schnell ins Bett geschickt, als er schließlich im Fernsehen lief. Schauspieler Thilo Brückner spielte den jungen Bauern Josef Lederer, der seine Magd vergewaltigt, um mit ihr seinen Erben zu zeugen - in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in denen "Der Harte Handel spielt, war eine solche Geschichte sicher keine Seltenheit. Später zündet Lederer zudem seinen eigenen Hof an, um von der Versicherung Geld zu erschwindeln.

Sepp Huber und Joseph Vilsmaier

1977 wird in Sensau "Der harte Handel" gedreht. Sepp Huber spielt einen Dorfpolizist (links), Joseph Vilsmaier (rechts) war damals noch Kameramann.

(Foto: Privat)

Ein hartes Brot war der Dreh auch für die Schauspieler. Huber erinnert sich an eine Szene mit einem Pferdegespann, in der Brückner mit dem Pflug hinter den mächtigen Hinterteilen der aus Ebersberg geliehenen Rösser herlaufen musste. Joseph Vilsmaier, so erzählt er, saß derweil auf einem auf Schienen fahrenden Kameragestell. Die Gleise waren entlang des Waldrands montiert, damit der Kameramann der Szene unauffällig folgen konnte. "Dann schreit der Brückner plötzlich", erinnert sich Huber, "Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr!" Vilsmaier, der ihn im Fokus hatte, konnte nichts Schlimmes erkennen: Was denn los sei, wollte er wissen, schließlich war die Einstellung gerade perfekt. Schweratmend darauf der Schauspieler hinter dem Pflug: "Ich kann nicht mehr, die Pferde pfurzen so."

Hauptdarsteller Brückner war später Gast auf Hubers Hochzeit, auch mit den anderen Darstellern - Maria Singer als Bäuerin, Willy Harlander als Wirt - sei die Zusammenarbeit großartig gewesen. "Und mit Vilsmaier konnte man immer eine Gaudi haben", so Huber. Regisseur Edel nahm den jungen Steinhöringer sogar mit in die Bavaria Filmstudios, zum Schneiden des Materials, gedreht wurde damals noch auf Zelluloid. "Ich weiß noch, draußen war das herrlichste Wetter, aber im Schneideraum kein Fenster und stockdunkel war's."

Hubers Vater lieferte mit der Zither die Hintergrundmusik einer Gasthofszene, gedreht in Hohentann, Roman Messerer, Mitglied von Hubers Bairer Zithermusi, spielte die traurige Melodie zum Abspann des Films, an dessen Ende die arme Magd unten an der Straße steht und hinauf schaut zum Sensauer Hof. "November war's, es hat schon geschneit gehabt, eine richtig triste Stimmung. Das hat gut gepasst."

Eine Kopie des Films hat Sepp Huber noch in seinem Fundus, die Qualität allerdings lasse zu wünschen übrig. "Und das Bayerische Fernsehen zeigt ihn nicht mehr", bedauert er. Nun will er versuchen, die Originalversion zu digitalisieren. Dann gibt's vielleicht irgendwann wieder einen Videoabend für das ganze Dorf Sensau - aber natürlich erst, wenn die Corona-Krise überstanden ist.

© SZ vom 02.04.2020

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