SakralkunstDer Meister der Kopie

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Der Hauptaltar der ehemaligen Klosterkirche in Rott am Inn ist ein Meisterwerk des Rokoko und des Bildhauers Ignaz Günther.
Der Hauptaltar der ehemaligen Klosterkirche in Rott am Inn ist ein Meisterwerk des Rokoko und des Bildhauers Ignaz Günther. Alexandra Leuthner

Der Ötztaler Rokoko-Bildhauer Joseph Götsch hat für viele Kirchen im bayerischen Raum gearbeitet. Gelernt hat er von Ignaz Günther, der 300 Jahre nach seiner Geburt in diesem Jahr besonders geehrt wird. Kirchenforscher Stephan Ametsbichler hat Götschs Spuren von der Glonner Ortskirche bis in die ehemalige Klosterkirche in Rott am Inn verfolgt.

Von Alexandra Leuthner, Glonn/Rott am Inn

Eine halbe Stunde ist man unterwegs, um von der Glonner Pfarrkirche St. Johannes Baptist zur ehemaligen Klosterkirche in Rott am Inn zu kommen. Mehr oberbayerische Postkartenidylle geht gar nicht als auf dieser Strecke, die über die äußersten Weiler des Landkreises Ebersberg in die schwellenden Hügel des Landkreises Rosenheim hinüberführt. Mehr bayerische Symbolik geht fast auch nicht: In einer Familiengruft gleich hinter den Mauern der Klosterkirche – von einem zwar kunstsinnigen nicht aber besonders finanzkundigen Abt 1759 in Auftrag gegeben – ruhen die Gebeine der CSU-Ikone Franz Josef Strauß. Zu gegebenem Anlass pilgert die christsoziale Prominenz schon mal hierher, um sich im stuckweiß und golden glänzenden Kirchenschiff ihres übergroßen Vorsitzenden und Vorbilds zu erinnern.

Eine Pilgerstätte für die Freunde des bayerischen Rokoko ist jene Kirche, die heutige Pfarrkirche St. Marinus und Anianus, mit ihren Altären und Heiligenfiguren, geschaffen von Ignaz Günther – und seinem drei Jahre jüngeren Schüler Joseph Götsch. Jener Götsch, der aus den Lehrjahren bei Günther die Befähigung zog, ein paar Jahre später die Glonner Pfarrkirche mit Haupt- und Seitenaltar so ausstatten zu können, als habe der Meister selbst Hand angelegt. Womit sich der Kreis schließt, den der Glonner Heimatforscher Stephan Ametsbichler gezogen hat.

Seit Jahren beschäftigt sich Ametsbichler, im zivilen Leben Musikwissenschaftler und Musikredakteur bei BR Klassik, mit dem Bildhauer Götsch, seinem Glonner Werk und dessen Bezügen zu seinem Meister. Das Ignaz-Günther-Jahr, 300 Jahre nach der Geburt des berühmt gewordenen Rokoko-Bildhauers in der Nähe von Eichstätt, bot ihm nun den Rahmen für zwei Führungen durch die ehemalige Rotter Klosterkirche, in welcher er beide Künstler immer wieder einander gegenüberstellte.

Stephan Ametsbichler ist den Spuren des Südtiroler Bildhauers Joseph Götsch von der Glonner Kirche St. Johannes Baptist bis nach Rott am Inn gefolgt.
Stephan Ametsbichler ist den Spuren des Südtiroler Bildhauers Joseph Götsch von der Glonner Kirche St. Johannes Baptist bis nach Rott am Inn gefolgt. Alexandra Leuthner

Rasch sollte es gehen 1759 mit dem sakralen Neubau anstelle der früheren Abteikirche aus dem elften Jahrhundert, und großartig sollte die Kirche des Rotter Benediktinerklosters werden. Und so beauftragte 1759 der kunstsinnige Abt Benedikt II. Lutz in Johann Michael Fischer nicht nur einen der berühmtesten Baumeister des süddeutschen Barock, sondern auch gleich zwei Bildhauer, um den Hauptaltar und die Nebenaltäre des oktagonalen Kirchenschiffs so gut wie gleichzeitig fertig zu stellen. 1763 wurde die Kirche dann geweiht.

Für den Südtiroler Bildhauer Joseph Götsch ein Glücksfall, wie Ametsbichler erläutert. „Er war kein eigenständiger Künstler, aber er hat von seiner Arbeit hier unendlich profitiert“, von der Zusammenarbeit mit Ignaz Günther, der Inspiration, vielleicht habe er auch nach Skizzen des Meisters gearbeitet. Nur aufgrund dieser Arbeit habe wohl später Götschs selbständige Kirchenausstattung in Glonn überhaupt entstehen können.

Zeigt Kunigunde ihrem Ehemann die kalte Schulter?Elegante Körper, ein spezieller Schwung, ein manchmal rätselhafter Ausdruck der Gesichter und ganz besonderes herausgearbeitete Stoffstrukturen zeichnen die Figuren von Ignaz Günther aus.
Zeigt Kunigunde ihrem Ehemann die kalte Schulter?Elegante Körper, ein spezieller Schwung, ein manchmal rätselhafter Ausdruck der Gesichter und ganz besonderes herausgearbeitete Stoffstrukturen zeichnen die Figuren von Ignaz Günther aus. Alexandra Leuthner

Eine spezielle Bewegtheit findet sich Günthers Figuren – und später auch in jenen von Götsch, wie Ametsbichler in Rott seinen Zuhörern erläutert. Die Art, wie die Figuren in sich gedreht sind, wie hier ein Arm gehoben wird, damit die Kleidung in scheinbar lebendigem Faltenwurf darüber gleitet, (zu sehen etwa bei der Figur des göttlichen Vaters am Güntherschen Hauptaltar in Rott), dort ein Rücken sich beugt, das alles seien unverkennbare Merkmale der Güntherschen Figuren. Der besondere, manchmal zweideutige Ausdruck der Gesichter, die oftmals halb geschlossenen Lider, ein weiteres. Entrückung oder Nachdenklichkeit? Schwer zu entscheiden. So plakativ wie Günthers berühmter Putto, der sich respektlos einen Kardinalshut aufsetzt, sei nicht jede seiner Figuren, oft aber habe er sie so gestaltet, dass der Betrachter sich seinen Teil denken konnte, wenn er wollte.

Zeigt etwa Kaiserin Kunigunde, die zur Rechten des Rotter Hauptaltars steht, unterhalb der Heiligen Korbinian und Ulrich, ihrem Mann, Kaiser Heinrich II., die kalte Schulter? Berühmt geworden ist die Legende, dass der hochgestellte Ehemann seine Gattin der Untreue beschuldigt hatte und sie zum Beweis ihrer Unschuld über glühende Pflugscharen schreiten musste. Leichten Fußes tut sie das in Rott, den Blick nicht auf den Gemahl, sondern ausschließlich auf das goldene Zepter in ihrer Hand gerichtet.

Die Fähigkeit zu solcher, beinahe kabarettistischer Pointierung war Joseph Götsch nicht gegeben, wohl aber habe er von Günther die oft ungewöhnlich scheinende Körperhaltung übernommen. Ebenso finde sich bei Götsch die detailversessene und wirklichkeitsimitierende Oberflächenbearbeitung von Haut und Stoffen wieder. Alles ist Holz, doch wirkt es, als wäre es Leder, Seide oder Samt.

Ein Baldachin soll die Raumwirkung erhöhen - Schiffsaltar von Joseph Götsch.
Ein Baldachin soll die Raumwirkung erhöhen - Schiffsaltar von Joseph Götsch. Alexandra Leuthner

Kopiert habe Götsch auch immer wieder – in Rott ebenso wie später in Glonn – die räumliche Gestaltung des Altarraums. Während aber Günther bei seinem Hauptaltar den Platz hat, seine beiden Heiligen großzügig neben und vor den kuppeltragenden Säulen zu platzieren und damit eine Art „teatro sancto“ zu kreieren, arbeitete Götsch bei einem, dem Heiligen Petrus gewidmeten Schiffsaltar mit einer Art Baldachin, um die Raumwirkung zu erzielen. Auch das finde sich ähnlich in Glonn, so Ametsbichler.

Joseph Götschs Figuren sind kräftiger als die von Günther: der Heilige Sebastian durchbohrt von goldenen Pfeilen.
Joseph Götschs Figuren sind kräftiger als die von Günther: der Heilige Sebastian durchbohrt von goldenen Pfeilen. Alexandra Leuthner

Als entschiedene Differenzierung Götschs jedoch erkennt Ametsbichler die Gestaltung der körperlichen Proportionen. Während Günther in bewusster Abgrenzung vom Barock dem eleganten Rokoko entsprechende, besonders schlanke Körper mit langen Gliedmaßen schuf, sind Götschs Figuren – etwa sein Heiliger Sebastian am Fuße des Petrusaltars – eher bodenständig. Nicht ganz so ausdrucksstark, beseelt, nachdenklich oder undurchschaubar sind auch seine Gesichter. Düster schaut sein Heiliger Sebastian drein – nun, wer könnte es ihm verdenken?

Ist das wirklich noch Holz? Joseph Götsch bringt es in der handwerklichen Nachahmung seines Meisters Ignaz Günther zur Meisterschaft. Der Umhang eines wohl unbekannten italienischen Abtes an einem Seitenaltar der Rotter Pfarrkirche St. Marinus und Anianus
Ist das wirklich noch Holz? Joseph Götsch bringt es in der handwerklichen Nachahmung seines Meisters Ignaz Günther zur Meisterschaft. Der Umhang eines wohl unbekannten italienischen Abtes an einem Seitenaltar der Rotter Pfarrkirche St. Marinus und Anianus Alexandra Leuthner

Die Ausstattung der Glonner Kirche, die Joseph Götsch um das Jahr 1778 herum umsetzte, dürfte wohl eine seiner umfangreichsten Arbeiten gewesen sein, vermutet Ametsbichler.  Nicht zuletzt, weil der gebürtige Ötztaler, der aus einer Familie von Schreinern stammte, eher in ländlichen Gegenden gearbeitet hat, wo nicht das große Geld zu Hauses gewesen ist. Große Aufträge, wie jener in Rott, der eine Gesamtkirche mit Haupt- und Seitenaltären beinhaltete und der allein Bildhauer Ignaz Günther nach Ametsbichlers Recherchen mehr als 4000 Gulden in die Taschen spülte, und das Kloster in immense Schulden stürzte, waren eher selten.

Seine mangelnde künstlerisch-kreative Eigenleistung dagegen sei sicher für die meisten Auftraggeber kein Problem gewesen – von wegen Plagiat. „Da hat sich damals keiner drum gekümmert.“ Zumal es Bildhauer Götsch, aus einer Familie von Schreinern stammend, in der beinahe originalgleichen Ausführung seiner Heiligenfiguren, bis zur Perfektion brachte.

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