Ein paar Mal waren am Freitagabend in der Grafinger Stadtbücherei Ausschnitte aus dem Film „Swing Kids“ zu sehen. Er zeigt dramatisch den Konflikt zwischen dem Regime im „Dritten Reich“ und aufmüpfigen jungen Leuten in Hamburg, die sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen wollen – und sich der Jazz-Musik bedienen, um diesen Freiheitswillen auszuleben. Eine Momentaufnahme, die sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben hat: So war es! Oder zumindest: So muss es gewesen sein!
Dass die ganze Geschichte viel komplexer verlaufen ist – das zu zeigen haben sich Mitglieder von Jazz Grafing vorgenommen, die den Abend unter den Titel „Als der Jazz (fast) seine Freiheit verlor“ stellten und aufmerksam diverse historische Splitter zu einem anschaulichen Mosaik sortierten. Denn der Konflikt mit der Jugend, den es in einigen Städten gab, war nur ein Teil dessen, was dem Jazz und seiner Botschaft zwischen 1933 und 1945 widerfuhr.

In einem spannenden Abgleich von Thesen und Fakten machten zum Beispiel Axel Högel, der den Abend konzipiert hatte, und Peter Wegele, der den historischen Hintergrund beleuchte, manches Überraschende sichtbar. Wobei sie auch manchen Verdacht erhärteten. Zum Beispiel, dass eine opportunistische Propaganda den im Volk beliebten Stil ganz im Sinn einer „Brot-und-Spiele“-Durchhalte-Methode durchaus aufgriff; aber eben mit dominierenden Streichersätzen, um eine angeblich deutsche Klangkultur zu signalisieren. Oder das Regime nutzte bekannte Jazznummern mit verfremdeten Texten für erhöhte Akzeptanz der Propagandasendungen Richtung Feind.

Dass der Jazz seine Freiheit lange Zeit bewahren konnte – trotz eifrigen Agitierens prominenter Zeitgenossen wie des Staatsrats Serverin Ziegler, der 1938 die Ausstellung „Entartete Musik“ eröffnete, und trotz programmatischer Schriften eines Eugen Hadamowsky, der auf die Reichsmusikkammer Einfluss nahm – führt Wegele namentlich auf eine Handvoll Gründe zurück: Musikalische Inkompetenz der Verantwortlichen, die die vielen Spielarten des Jazz nicht einzusortieren wussten, Gerangel um Zuständigkeiten, Unklarheit über die richtige Reaktion zwischen Spott und Verbot. „Die Haltung der Nazis mäanderte zwischen Duldung und Ächtung“, fasst Wegele zusammen, „sie haben den Jazz nicht verstanden.“ Unter anderem deshalb, weil sich, typisch für das Genre, nationale Ausprägungen immer wieder neu mit internationalen Konzepten und Spielweisen vermischten. Die dem Jazz innewohnende spielerische Freiheit, seine Offenheit für Interpretation, so machte Högel deutlich, habe ihm auch unter restriktiven Bedingungen Möglichkeiten eröffnet, seine Präsenz zu bewahren.
„In jeder Generation gibt es Mutige und Kreative“
Dass die Jazz-Gemeinde den wachsenden Gegenwind, der sich mit Kriegsbeginn dann in tatsächliche Verbote wandelte – bis hin zur Forderung nach KZ-Umerziehung für die jazzfreudige Jugend – dann doch immer wieder aussegeln konnte, führt Wegele letztlich auf die Chaostheorie zurück. „In jeder Generation gibt es Mutige und Kreative, die Wege finden, um Hürden und Verbote zu umgehen“, sagte er. Was sich etwa bei jenen zeigte, die im Untergrund musizierten und bei drohenden Razzien den „Tiger Rag“ kurzerhand in einen „Schwarzen Panther“ umwandelten oder von ihren Noten die Musiktitel gleich ganz abgeschnitten hatten.

Welche Kraft und Lebendigkeit der Jazz schon vor der Machtübernahme ins Land gebracht hatte, bekam das voll besetzte Haus an diesem Abend aus zwei Quellen vermittelt. Das waren zuallererst wohlüberlegte Griffe in die reich gefüllte persönliche Schatztruhe von Josef Ametsbichler, der ebenfalls das Konzept mitentwickelt hatte. Historische Klavierauszüge und Dokumente zum einen sowie ausgesuchte Schellack-Raritäten, die in den fast neun Jahrzehnten seit ihrer Prägung nichts an Wirkung verloren haben. Die schiere Präsenz solcher Archivalien zeugt vom unbändigen Überlebens- und Freiheitsdrang des Jazz. Dass sich einer als Kenner, Genießer und Freund auch noch als Bewahrer solcher Zeitzeugnisse erweist und sie mit der Öffentlichkeit teilt, darf als Glücksfall gelten.
Nicht minder überzeugend gerieten die beiden Auftritte der Freedom Swingers, die sich als Live-Band für diesen Anlass zusammengefunden hatten. Zusammen mit den drei Moderatoren an Klavier, Schlagzeug und Bass gaben Dieter Winter (Klarinette), Thomas Frey (Akkordeon), Marc Kauffmann (Geige) und Kurt Knittel (Gitarre) jenen Melodien die Bühne, die allen Versuchen widerstanden hatten, ihre Freiheit zu brechen, wie „Bei mir bistu schein“, „I got rhythm“, „Avant du mourir“ waren bekannte Standards der Ghetto-Swingers, die etwa in Theresienstadt bei internationalen Besuchen inszenierte Auftritte hinlegen durften, gleichzeitig aber auch den Überlebenswillen der Inhaftierten stärkten.
So befreiten sich die Live-Beiträge aus dem Rahmen irgendeiner Session, so wiesen sie den Weg über einen saloppen Ausflug zu einigen bekannten Standards hinaus: Wie beseelt, phasenweise sogar nachdenklich, das Septett die Titel zelebrierte, schwangen große Dankbarkeit und Zuversicht mit, dass diese Lieder auch künftig alle Widrigkeiten überstehen und ihre Freiheit bewahren werden. Das Publikum quittierte die Botschaft mit zunächst respektvollem, dann befreitem und innigem Applaus.

