Die Wanderschriftstellerin Autorin ohne Starallüren: Iny Klocke-Wohlrath wird 70

Gemeinsam mit ihrem Mann hat die Poingerin unter dem Pseudonym "Iny Lorentz" Dutzende Besteller verfasst. Mehr als 13 Millionen Werke haben sie bereits verkauft.

Von Michaela Pelz, Poing

Die Hitze in Madaba (Jordanien) ist groß im Frühjahr 2018. Manch einer wird daher die Erkundung der "Kirche unter der Kirche" als angenehme Abwechslung empfinden - die Temperaturen dort sind deutlich angenehmer als draußen. Doch für die Frau mit den Gehhilfen ist der Weg alles andere als ein Spaziergang: Der Gang ist eng und an einigen Stellen auch kaum höher als ihre Krücken - ganz zu schweigen von der mittendrin auftauchenden, wackligen Holztreppe. Entsprechend langsam bewegt sie sich durch die alten Mauerreste, die nachfolgende Gruppe französischer Touristen muss immer wieder warten. "Ich dachte, die Leute würden fürchterlich schimpfen, aber was haben sie am Ende getan? Sie klatschten Applaus!"

"Iny Lorentz" ist das wohl berühmteste unter den zahlreichen Pseudonymen des Ehepaars.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Iny Klocke-Wohlrath lacht, als sie von der Recherche für "Die Tochter der Wanderapothekerin" und zwei weitere Romane erzählt, während ihr Mann Elmar Wohlrath ohne lange Suche das passende Bild im großen Stapel Fotobücher findet, die er für den Besuch anlässlich des 70. Geburtstags seiner Frau herausgesucht hat.

Das Ehepaar hat bereits mehr als 13 Millionen Bücher verkauft

Der lebhafte Bericht zeigt einmal mehr das Erzähltalent von "Iny Lorentz" - dem wohl berühmtesten unter den zahlreichen Pseudonymen des Ehepaars, von dessen Büchern in 16 Jahren mehr als 13 Millionen Exemplare verkauft wurden. Aber noch etwas anderes wird deutlich: Für zwei Leidenschaften ist die Wahl-Poingerin bereit, alle Strapazen dieser Welt auf sich zu nehmen: Akribische Roman-Vorbereitung - und ihren Mann. "Ich will dahin, wo er ist!" Mit großer Selbstverständlichkeit sagt sie das, es wirkt weder übertrieben, noch pathetisch.

Im Haus des Schriftstellerpaars nehmen allein die eigenen Werke viele Regalmeter ein.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wie sich die gebürtige Kölnerin und der fränkische Bauernbub schriftlich in einem Fantasy-Club kennenlernten, erst Brieffreunde, dann Kollegen in einer Versicherung und schließlich ein Ehepaar wurden, ist hinlänglich bekannt. Was man nicht nachlesen kann: Die große Harmonie, die zwischen den beiden bei aller Kabbelei auch dann zu spüren ist, wenn sie nicht gerade gegenseitig ihre Sätze ergänzen. Nach außen hin wird sie erkennbar am Partnerlook: Beide tragen zu jeder Gelegenheit - ob nun TV-Auftritt oder Jugendweihe - T-Shirts mit Tiermotiven sowie schwere, knöchelhohe Schuhe; der sichere Halt und damit das eigene Wohlbefinden haben Vorrang vor dem, was andere Leute denken.

Die beiden Erfolgsautoren bevorzugen lieber U-Bahn statt Taxi

"Ich bin ein Mensch fürs Praktische", erklärt Iny Klocke, die Geld am liebsten für die wichtigen Dinge im Leben ausgibt. Deshalb wohnen sie und ihr Mann seit 2007 nicht in einer Luxusvilla mit Pool, sondern in dieser Bungalow-Siedlung in einem von den Erlösen der Wanderhure gekauften "Haus von der Stange", das aber durch Einbaumöbel, wie der Wohnzimmervitrine nur für Iny-Lorentz-Bücher in allen Sprachen, ihren persönlichen Bedürfnissen gerecht wird. Deshalb nehmen die Erfolgsschreiber auch kein Taxi, sondern lieber die U-Bahn, selbst wenn sie dort zuweilen an ihren T-Shirts erkannt werden. Deshalb übernachten sie während der Frankfurter Buchmesse nicht im Firstclass-Hotel, sondern auf dem Campingplatz. Und zwar im Wohnwagen, den sie, statt zu fliegen, für Recherchereisen von Venetien bis Island nutzen. Mehr dazu steht ab Herbst im gut 200 Fotos starken Bildband "Die Wanderschriftsteller".

Für eine Million verkaufte Exemplare von "Die Wanderhure" gab es einen Preis für das Autorenpaar, das seine Recherchereisen am liebsten im Wohnmobil unternimmt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Doch was ist der Motor, der die Frau mit den blitzenden Augen und dem spitzbübischen Lächeln immer wieder aufs Neue antreibt? Neben der unbändigen Freude am Schreiben ist es wohl die eiserne Disziplin, die sie schon von Kindesbeinen an brauchte, um ihr Leben zu meistern. "An die körperlichen Einschränkungen gewöhnt man sich - ich war nie gesund, das erleichtert die Sache. Schwieriger ist es mit Sätzen wie ,Stell dich nicht so an!' und anderen Nettigkeiten", bemerkt sie lakonisch und ein wenig bitter. Die Hüfte von Geburt an schief, die Gelenke instabil - all das hat dazu geführt, dass Iny Klocke-Wohlrath schon seit 30 Jahren nicht ohne Krücken auskommt.

Was sie nicht daran hindert, weiterhin weltweit Material für die nächsten Jahre ihres schriftstellerischen Schaffens zu sammeln. Ein Vorlauf von vier bis fünf Jahren ist dabei normal: "Auch wenn ich nicht mehr schreiben kann, will ich im Buchladen noch Neuerscheinungen von Iny Lorentz sehen!"

Wo die Eheleute schon waren ("aktuell am wichtigsten: Die Marquesas-Inseln") und wo sie noch unbedingt hinwollen ("Australien!") zeigen sie auf der Karte im Maßstab 1:12 Millionen, die sich über die gesamte Länge des Flurs erstreckt, ursprünglich gedacht, um die schlecht gestrichene Wand zu verbergen. Wenn man so viel unterwegs ist, braucht man Menschen, auf die man sich während der eigenen Abwesenheit verlassen kann. Beim herzlichen Verhältnis zu den Nachbarn zum Glück kein Thema. Einer verwahrt die Schlüssel des anderen, man kümmert sich um die Post und hilft aus, wenn in der Küche etwas fehlt.

Für eine große Geburtstagsfeier bleibt keine Zeit

Auch die anderen Poinger kennen ihre berühmten Mitbürger nicht nur aus der Zeitung: Als Förderer der Musikkapelle, Mitglied im Kulturverein und Unterstützer der Bürgerliste tritt das Ehepaar immer wieder in Erscheinung, im Haus hängt Kunst aus dem Ort, etwa Miniaturen von Rosemarie Hingerl. Gerne wären die Wohlraths noch präsenter - dafür sind sie aber zu viel auf Achse. Selbst am 24. Juni, dem 70. Geburtstag der Autorin. Für ein rauschendes Fest bleibt da keine Zeit. Wichtiger als solche offiziellen Anlässe oder Jubiläen wie der Hochzeitstag, "den wir in 37 Jahren bestimmt 20 Mal vergessen haben", ist ohnehin die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit.

Dabei zählen nicht nur Auflagenhöhe und Bestsellerlisten, sondern auch Erlebnisse wie die jüngst besuchte Freilicht-Premiere von "Die Wanderhure" in einem alten Steinbruch in Trebgast. Ganz beseelt erzählt Iny Klocke-Wohlrath von der Leistung der mehr als 30 Akteure, von Feuerspuckern, Mittelalterkapelle und zwei echten Schafen. "Wenn ich so etwas sehe, dann weiß ich wieder, warum ich das - unter anderem - mache!" Bleibt nur zu hoffen, dass sie "das" noch möglichst lange tun kann - idealerweise mit weniger Anstrengung als in einem niedrigen, unterirdischen Gang.

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