Interview "Alle Jugendlichen haben Superkräfte"

Nach etlichen Kurzgeschichten hat die Zornedinger Ergotherapeutin Susanne Ospelkaus nun ein Jugendbuch veröffentlicht.

(Foto: Privat)

Susanne Ospelkaus aus Zorneding hat ihr erstes Buch für junge Menschen geschrieben

Interview von Victor Sattler, Zorneding

Übermenschliches bekommt zunehmend auch eine gesellschaftspolitische Seite: Nun wurde die erste Transgender-Superheldin im amerikanischen Fernsehen eingeführt. Scarlett Johansson hingegen wurde dafür kritisiert, als weiße Frau in die Rolle einer asiatischen Cyber-Göttin zu schlüpfen. Susanne Ospelkaus aus Zorneding macht das Genre nun mit ihrem Jugendbuch-Debüt "Asmarom und die Superhelden" noch ein wenig bunter.

SZ: Frau Ospelkaus, Superhelden-Geschichten gibt es wie Sand am Meer, aber Ihre macht den Flüchtlingsjungen Asmarom zum Titelhelden. Fehlen im Buchhandel Geschichten über Geflüchtete, in denen die Flucht allein nicht mehr im Vordergrund steht?

Susanne Ospelkaus: Die Flucht ist sicher abenteuerlich und weckt Mitleid, aber damit ist es ja noch nicht getan. Die wahren Herausforderungen fangen erst hier an: Es gibt eine Zerrissenheit zwischen Sicherheit in der Fremde und Unruhe in der Heimat. Flüchtlinge fragen sich, ob es das alles wert war. Was ist wirklich wichtig? Genügt Sicherheit, wenn man die Familie vermisst? Genügt Geld, wenn man krank ist? Genügt Gesundheit, wenn man keine Freunde hat? Letztendlich geht es in "Asmarom" auch um die Frage, wie man mit Leid umgehen kann. Jugendliche erleben Enttäuschungen und Verletzungen, wir müssen sie ermutigen, auch diese Zeit zu gestalten, denn letztlich werden sie daran reifen.

Die anderen Kinder auf der Krankenstation haben aber auch ihre Handicaps: Übergewicht, Brandwunden oder sozial schwache Familien. Wenn jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat, fördert oder hemmt das die Empathie füreinander?

Wenn man weiß, wie sich Einsamkeit, Verletzungen oder Hoffnungslosigkeit anfühlen, dann macht es einen entweder empfindsamer oder härter. Das liegt bestimmt daran, wie gut man das Erlebte verarbeitet hat. Es geht sich leichter durchs Leben, wenn man gemeinsam die Päckchen schultert. Und wenn man sich traut, von der eigenen Herausforderung aufzublicken und sich um jemand anderes zu kümmern, erscheint die eigene Not weniger belastend. Wem das bewusst ist, der kann auch in Herausforderungen viel Schönes entdecken - aber das geht nicht, wenn man versucht, alles allein zu bewältigen. Wir brauchen das Miteinander.

Ein anderes Motiv in Ihrem Buch ist, dass die Jugendlichen auf Norm getrimmt werden. Was streben reale Jugendliche an?

Da hat sich im Laufe der Generationen nicht viel verändert: Jugendliche wollen immer noch dazugehören, Teil eines großen Ganzen sein. Heute streben sie vor allem die Norm an, die ihnen visuell auf Social Media präsentiert wird; hip zu sein und schnell zu reagieren auf Trends. Das ist besonders schwer in einer Zeit, in der man sich selbst finden soll. Jugendliche leben in einer temporeichen Ära, es bleibt wenig Zeit für Reifungsprozesse.

Taugen Zornedinger Jugendliche zu Superhelden?

Ob in Zorneding oder Eritrea, alle Jugendlichen tragen Superkräfte in sich. Ich habe selbst zwei Teenager und staune oft, wie tiefgreifend das Verständnis von unserer Welt schon ist. Jugendliche können zu Superhelden werden, wenn sie sich kurz selbst ganz vergessen und um andere kümmern, wie sie es im Buch für Asmarom tun. Auch hier erleben wir eine Gleichzeitigkeit von Selbstvergessenheit und positivem Egoismus. Nur wenn Jugendlichen bewusst ist, welche Fähigkeiten sie besitzen, können sie sie einsetzen.

Wer sind Ihre persönlichen Lieblings-Superhelden aus dem Kanon der Comics?

Captain America und Hulk. Mir geht es vor allem um diese Verwandlung, am Anfang steht ein Loser und Schwächling, der dann eine besondere Fähigkeit entwickelt. Er muss lernen, auch mit seinen schlechten Eigenschaften umzugehen. Vielleicht ist das die eigentliche Heldenleistung, wenn man die eigenen Schwächen annehmen kann und dann trotzdem für das Gute kämpft.

Und welchen Stoff haben Sie sich für den zweiten und dritten Band Ihrer geplanten Trilogie vorgenommen?

Da ist der Verlag bisher zurückhaltend. Aber ich würde im zweiten Teil Asmarom mehr in den Mittelpunkt rücken. Im ersten Band haben die anderen ihm so viel geschenkt, dass nun er auch etwas zurückgeben will. Da passt wieder ein aktuelles Thema gut, der Pflegenotstand: Ich würde Asmarom in ein Altersheim stecken.

Susanne Ospelkaus hat ihr Jugendbuch lehrplankonform geschrieben und würde sich freuen, in den Deutsch- oder Ethik-Unterricht der Mittelstufe zu kommen: www.asmarom-superhelden.de.