Integrationstag in Kirchseeon Alles auf Anfang

Menschen, die berufsunfähig geworden sind, können über das Kirchseeoner Förderungswerk BFW umschulen. Am diesjährigen Integrationstag informieren sich rund 500 Rehabilitanden über Praktika und Jobs

Von Clara Lipkowski, Kirchseeon

Jaroslav Kropacev, 31, war früher viele Jahre Lastwagenfahrer und fuhr durch ganz Deutschland und Österreich. Bis er 2017 in seiner Freizeit einen Autounfall hatte. Lange Strecken im Lkw kann er seitdem nicht mehr machen. Andreas Blank, 41, erlitt 2016 einen Bandscheibenvorfall und mehrere Kreuzbandrisse. Seinen Job als Heizungs- und Lüftungsbauer, den er 23 Jahre lang ausübte, musste er aufgeben. Er kann nicht mehr lange stehen, und auf Baustellen zu arbeiten wurde für ihn zur Qual. Lisa Strom, 42, hatte einen Skiunfall. Sie lag lange im Krankenhaus und hat heute noch Probleme damit, das rechte Knie anzuwinkeln. Als Einzelhandelskauffrau weiterzuarbeiten, war undenkbar geworden.

Kropacev, Blank und Strom mussten nach einem Schicksalsschlag damit klar kommen, dass sie nie mehr in ihren früheren Beruf zurück können. "Zu Hause sitzen wollte ich aber nicht", sagt Strom. Deswegen mischt sie sich mit den beiden Männern am Mittwochmorgen im Foyer des Berufsförderungswerks (BFW) in Kirchseeon unter die rund 500 anderen sogenannten Rehabilitanden. Wer am BFW lernt, hat einen Schicksalsschlag hinter sich und sucht per zweijähriger Umschulung den Neuanfang. Und die 23 Firmen, die hier ihre Infostände aufgebaut haben, suchen Fachkräfte. Das Ganze heißt Integrationstag und gemeint ist damit die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Die Suche ist beiderseits in vollem Gange. Die Schüler drängeln sich an den Tischen oder studieren ausgehängte Stellenanzeigen, die Firmenvertreter fragen: "Interessieren Sie sich für den Beruf des Lageristen?" Oder: "Haben Sie schon Erfahrung als Mechaniker?"

Blank, der frühere Heizungsbauer, schult zurzeit um auf Qualitätsfachkraft. Im BFW ist er im zweiten Ausbildungsjahr, man kann hier aber auch Verwaltungsberufe lernen, in die Richtung Industriedesign oder Sicherheitstechnik gehen. Kommenden Februar will Blank abschließen und wieder arbeiten. Es war kein leichter Weg für ihn, das merkt man ihm an. Der Kirchseeoner sagt, den Respekt, den er früher auf der Arbeit bei den Kollegen hatte, müsse er sich jetzt neu erarbeiten - über gute Noten. "Die einen kriegen im Leben alles geschenkt, die anderen eben nicht, so ist das halt." Bevor er die Umschulung abschließt, steht noch ein Praktikum an, und um sich über Angebote zu informieren, läuft er zum Stand einer Zeitarbeitsfirma.

Hotelier und Coach Andreas Möbius unterhält mit Dos und Don'ts beim Bewerbungsgespräch. Was gar nicht geht: Frech werden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Kurz vorher breitet Lisa Strom in einem Nebenraum ihre Bewerbungsunterlagen vor sich aus. Ausbilder Rainer Schneider sitzt der Münchnerin gegenüber und schaut die Zettel durch. Im Anschreiben findet er ein paar Tippfehler, ansonsten sei alles wunderbar, sagt er, hervorragende Arbeitszeugnisse vorhanden, keine Lücken im Lebenslauf, alles logisch geordnet. Das sei leider oft das Problem, meint er, es kämen oft gerade die, die es eigentlich kaum nötig hätten.

Einen Tipp kann er Strom aber noch geben: "Wichtig ist, dass Sie sich darauf gefasst machen, dass Personaler fragen, warum Sie im BFW waren." Eigentlich eine unzulässige, weil zu persönliche Frage. Dazu möchte ich nichts sagen, wäre eine Antwortmöglichkeit. Aber die meisten Schüler des BFW gehen offen mit dem Erlebten um; auch Strom hat kein Problem damit, von ihrem Skiunfall zu erzählen. Bei Mitschülern, die wegen psychischer Probleme den Beruf wechseln, sind die Hemmungen größer. Strom lässt sich jetzt zur Bauzeichnerin umschulen. "Eigentlich habe ich noch nie am PC konstruiert, aber zu sehen, wie ein Haus am Computer entsteht, hat mich fasziniert", sagt sie. Der Beruf hat ihr bei einer mehrwöchigen Arbeitserprobung am meisten Spaß gemacht.

Zurück im Foyer. Am Stand von Nadis Barucic, der für die DG Timework GmbH arbeitet, ist es gerade ruhig, Zeit für ein paar Fragen. Etwa 50 Leute haben er und ein Kollege in weniger als zwei Stunden beraten. Auf einem grünen Plakat wirbt die Firma für den Beruf "Lageristen für Fashion-Unternehmen". Sogenannte "Picker" sind Fachkräfte, die Bestellungen aus den Regalen riesiger Lagerhäuser heraussuchen und für den Onlineversand vorbereiten. Die Nachfrage dafür ist aber verhalten, "viele suchen eher Bürojobs", sagt Barucic und die Zeitarbeitsfirma biete auch den Einstieg in IT-Berufe, Callcenter oder Personalabteilungen an.

Andreas Blank, 41, lernt nach mehreren Kreuzbandrissen und einem Bandscheibenvorfall den Beruf des Qualitätsmanagers.

(Foto: Clara Lipkowski)

"Vielen fehlt noch ein klares Ziel", sagt Barucic. Nach einem ungeplanten und unverschuldeten Berufswechsel verständlich, oder? "Schon", sagt er. Aber er zum Beispiel habe auch erst in den USA 15 Jahre in einer Führungsposition in der Personalabteilung gearbeitet. Dann sei er nach Deutschland gekommen und habe erstmal eine Zeit lang bei McDonald's Burger gebraten. Mittlerweile arbeite er als Disponent bei der Firma, gehe wieder in die Richtung seines alten Jobs. "Man muss sich klar machen, wohin man will. Und dann: früh bewerben, fünf bis sechs Monate vor dem Abschluss. Viele machen das aber erst, wenn sie das Zeugnis bekommen haben."

Nebenan in einer verglasten Aula rückt kurz darauf Andreas Möbius sein Headset zurecht. Der Hotelier und Coach spricht über "sicheres Auftreten im Bewerbungsgespräch" und ist an dem Tag für das Entertainment zuständig. Hier und da imitiert er einen nervösen Bewerber, trommelt mit den Fingern auf dem Tisch, kratzt sich am Kopf, wippelt mit dem Bein ("Zeichen von Unsicherheit!"), dann beschreibt er, worauf Personaler achten ("Gestik und Mimik ist wichtig, ja, aber Facereading ist im Kommen!"). Lacher der rund 80 Zuhörer sind ihm sicher, auf die triviale Smalltalkfrage: "Haben Sie gut hergefunden", solle man lieber antworten: "Ja, danke", statt: "Sonst wäre ich ja nicht hier, du Depp." Bekomme man etwas zu trinken angeboten - ruhig annehmen. So könne man sich mit einem Schluck vor dem Antworten etwas Zeit zum Überlegen verschaffen. Aber natürlich nicht alles auf ex trinken.

Auch Jaroslav Kropacev, der frühere Lkw-Fahrer aus Traunstein, hat Möbius zugehört. "Dass man nicht mehr Gesundheit sagt, wenn jemand niest, hab' ich nicht gewusst", sagt er. Kropacev hat sich schon bei mehreren Personalfirmen über ein Praktikum informiert, erste Bewerbungen hat er schon vorab rausgeschickt. "Die Zeit nach dem Unfall war nicht leicht", sagt er, aber inzwischen könne er sich vorstellen, nach seinem Abschluss beim BFW als Qualitätsprüfer anzufangen, vielleicht in der Lebensmittelüberwachung. Ein Ziel hat er schon vor Augen, der Anfang ist gemacht.