Integration:Was wir geschafft haben

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Integration: Eine Flüchtlingsfamilie, die zuvor mit dem Zug angereist war, lächelt am 12. September 2015 bei der Ankunft am Hauptbahnhof in München.

Eine Flüchtlingsfamilie, die zuvor mit dem Zug angereist war, lächelt am 12. September 2015 bei der Ankunft am Hauptbahnhof in München.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Seit dem großen Fluchtjahr 2015 setzen sich Menschen in Bayern vermehrt zum Ziel, Neuankömmlinge zu integrieren. Fünf Erfolgsgeschichten.

Von Korbinian Eisenberger

Es war ein Satz, der motivieren sollte, vor allem aber polarisierte: Wir schaffen das. Angela Merkels vielleicht berühmteste Aussage in 16 Jahren Kanzlerschaft ist mittlerweile 76 Monate alt. Häufig wird seither thematisiert, welche Fehler in der Asylpolitik gemacht wurden. Vor allem in Bayern wird kritisiert, dass vieles nicht geschafft wurde, wenn es um Integration von überwiegend jungen Männern geht, die seit 2015 hier ankommen. Dabei wird bisweilen vergessen, was in dieser Zeit - oft auch dank engagierter Ehrenamtlicher - erreicht wurde: Fünf Erfolgsgeschichten aus dem Landkreis Ebersberg.

Die Mohamedkers: Familienglück statt Militär

Integration: Affrah Abubeker (links), Seber Mohamedker und ihre Kinder Ghram (links) und Fares.

Affrah Abubeker (links), Seber Mohamedker und ihre Kinder Ghram (links) und Fares.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Keine Arbeit, kein Geld, kein Zuhause. Ob er und seine Frau überhaupt eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland erhalten? Affrah Abubeker und Seber Mohamedker ging es im Spätsommer 2016 wie vielen Neuankömmlingen. Sie waren sicher, standen aber vor dem Nichts. "Ich hätte damals nie gedacht, dass wir das so hinbekommen", erzählt Affrah Abubeker.

Kurz nach ihrer erfolgreichen Flucht landeten die beiden vor fünfeinhalb Jahren in Ebersberg. Die ersten Monate verbrachten sie im damaligen Containerdorf. Wenig später wurden sie getrennt. Er kam in ein Männerheim, seine damals hochschwangere Frau musste in den Landkreis Fürstenfeldbruck ziehen. Es konnte nur noch besser werden - und das wurde es auch.

Durch einen Zufall lernten die Mohamedkers eine Frau vom damaligen Ebersberger Asylhelferkreis kennen. Bettina Friedrichs führte die - nun dreiköpfige - Familie wieder zusammen: Drei Monate wohnten die jungen Eltern mit ihrer Tochter Ghram im Haus der Ebersbergerin. Dann fanden sie - mit Friedrichs Hilfe - eine eigene Wohnung. Friedrichs hat mehreren Familien in Ebersberg erfolgreich bei der Suche geholfen. Nicht immer lief es so gut, wie fortan bei den Mohamedkers.

Integration: Jutta Grünthaler (links) und Bettina Friedrichs.

Jutta Grünthaler (links) und Bettina Friedrichs.

(Foto: Christian Endt)

Wenn die beiden in ihrer Wohnung in Ebersberg die Tür öffnen, hört man bereits das zweite Kind der Mohamedkers. Sohn Fares ist eineinhalb Jahre alt, Ghram wird fünf. Sie geht in den Kindergarten, die Eltern sprechen fließend deutsch. Mama Affrah macht ihren B2-Kurs. Den muss sie bestehen, um ihre angestrebte Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen.

Papa Seber hat inzwischen seinen Qualifizierenden Mittelschulabschluss gemacht und kürzlich seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann abgeschlossen. Die Alternative wäre für ihn der in Eritrea unbefristete Militärdienstzwang gewesen. "Es war für mich keine Option, die Familie nur eine Woche im Jahr zu sehen", sagt er. Sein Dank gelte Bettina Friedrichs und Jutta Grünthaler, die sich ebenfalls in Ebersberg für Geflüchtete engagiert. Seber Mohamedker sagt: "Wenn man so nette Leute findet, kann man viel schaffen."

Zika Oni, 31: Das Kämpferherz des Kunstschmieds

Integration: Zika Oni in der Kunstschmiede Bergmeister in Ebersberg.

Zika Oni in der Kunstschmiede Bergmeister in Ebersberg.

(Foto: Christian Endt)

Einer der wahrscheinlich prominentesten Zuwanderer des vergangen Jahres ist der 31 Jahre alte Zika Oni. Unfreiwilligerweise, wie er erklärt. Sein Ziel sei es gewesen zu arbeiten, eine Ausbildung anzufangen. Oni wollte einen Beruf ausüben, den andere junge Menschen in der Region scheuen. Ein Handwerk erlernen. Es wurde ihm alles andere als einfach gemacht.

An diesem Adventsvormittag ist Zika Oni bei der Arbeit. Er steht mit Helm und Schweißerbrille in der Werkstatt der Kunstschmiede Bergmeister. Seit mehreren Jahren arbeitet er hier, nun auch offiziell als Auszubildender. Gerade ist er dabei, ein Fußbodengitter aus Edelstahl zu schweißen. "Ich kann mich jetzt voll auf meine Arbeit konzentrieren", sagt er. Sein Chef Matthias Larasser-Bergmeister sagt: "Dafür haben wir jahrelang gekämpft."

Integration: Matthias Larasser-Bergmeister (links), Zika Oni und die Kollegen der Kunstschmiede Bergmeister in Ebersberg.

Matthias Larasser-Bergmeister (links), Zika Oni und die Kollegen der Kunstschmiede Bergmeister in Ebersberg.

(Foto: Christian Endt)

Die Vorgeschichte ist ein jahrelanger gemeinsamer Kampf gegen die Abschiebung des Nigerianers. Der Ebersberger Firmenchef wollte Oni ausbilden. Die Ebersberger Ausländerbehörde verwehrte dies wegen Onis Aufenthaltsstatus. Die Behörde befolgte die Regeln. Larasser kämpfte dennoch. Fähiger Nachwuchs sei in der Branche keine Selbstverständlichkeit. "Es sind genau solche Leute, die wir brauchen."

An Onis und Larassers Projekt beteiligten sich zahlreiche Ehrenamtliche, Asylhelfer und Arbeitskollegen. Sogar Politiker der CSU, darunter der Grafinger Landtagsabgeordnete Thomas Huber, setzten sich für den Nigerianer ein. Eine Petition mit 2500 Unterschriften erreichte schließlich, dass die Härtefallkommission des bayerischen Landtags ein Machtwort sprach. Zika Oni ist nun Azubi. 2021 dürfte ihm trotz aller anderen Widrigkeiten als ein gutes Jahr in Erinnerung bleiben.

Makeda Kidane, 20: Das Leben nach dem Versteckspiel

Als sie in Deutschland ankam, war ihr nicht nur ihr Kreuzkettchen und das Marienbild abhanden gekommen. Die Flucht hatte ihr deutlich mehr abverlangt. Verfolgung, Vergewaltigung, Verschleppung, Todesangst. Mittlerweile kann sie darüber sprechen. Damals war daran nicht zu denken.

Makeda Kidane möchte ihren echten Namen als einzige nicht in der Zeitung preisgeben. Grund ist, dass sie noch immer befürchtet, von ihren Verfolgern gefunden zu werden. Offen sprechen möchte sie aber. Sie wolle zeigen, "dass man zurück ins Leben finden kann, auch wenn man dachte, es geht nicht mehr weiter".

"Ihre Fluchtgeschichte ist besonders heftig", sagt der Asylhelfer Tobias Vorburg. Wie jedoch häufig in solchen Fällen ließen sich ihre Erinnerungen nicht nachweisen. Dass sie mit 16 vor der Zwangsheirat in Eritrea floh, dass sie in der Sahara gekidnappt und in Italien von Mitbewohnern missbraucht wurde? Es gab keinen Beweis - die Ausweisung drohte.

Integration: Mann mit Expertise: Tobias Vorburg, 32, vom Verein Seite an Seite erhält Anrufe von Zuwanderern aus ganz Bayern. Etwa hundert Fälle hat der Markt Schwabener in sechs Jahren betreut.

Mann mit Expertise: Tobias Vorburg, 32, vom Verein Seite an Seite erhält Anrufe von Zuwanderern aus ganz Bayern. Etwa hundert Fälle hat der Markt Schwabener in sechs Jahren betreut.

(Foto: Korbinian Eisenberger)

Auf der Suche nach Hilfe fand sie, damals 18, Tobias Vorburg vom Verein Seite an Seite mit Sitz in Markt Schwaben. Vorburg, der bayernweit in sechs Jahren inzwischen um die hundert Fälle betreut hat, glaubte der Frau, die ihm auffällig schwer traumatisiert schien. Also tat der 32-Jährige, was er tun konnte. Nächste Station für Kidane war Bayreuth. Ein Jahr lang lebte sie dort im Kirchenasyl. "Tobi hat mich regelmäßig besucht", sagt sie. Er sei entscheidend gewesen, für ihren Weg. Mit der Zeit wurden die Flashbacks in ihrem Kopf seltener. Seit langer Zeit konnte sie wieder eine Nacht durchschlafen. Schließlich wurde sie anerkannt. Nun ging es für sie bergauf.

In ihrer Wohnung in München-Ramersdorf sind die Wände voll von Marienbildern. Wie ein überdimensionaler Ersatz für das kleine Bild, das ihr abhanden kam. Wer sie besuchen kommt, wird mit frischem Kaffee begrüßt. Sie erzählt von ihrer Pflegehelfer-Ausbildung im Altenheim. In der Berufsschule war sie die Klassenbeste, auf ihrem Zeugnis steht in allen Fächern die Note eins, nur in Sozialkunde hat sie eine zwei. Um ihren Hals hängt nun wieder ein Kreuzkettchen.

Brima Kabba, 29: Vom Verfolgten zum Versorger

Integration: Brima Kabba, Gründer des Vereins "Small World" im Garten seines Zuhauses in Ebersberg.

Brima Kabba, Gründer des Vereins "Small World" im Garten seines Zuhauses in Ebersberg.

(Foto: Christian Endt)

Brima Kabba sitzt in einem Haus am Stadtrand von Ebersberg und streichelt den Hund des Hauses, der den schönen Namen Pep Guardiola trägt, aber mehr Haupthaar hat als das Original. Seine Verfolger und das tödliche Ebolavirus hat er abgehängt, aktuell ist seine Krise Corona. Doch auch diese Pandemie, sagt er, die werde ihn nicht kleinkriegen. Dafür hat er schon zu viele Situationen gemeistert, die weitaus komplizierter waren.

Mit Krisen kennt dieser Mann sich aus. Ebola 2015, da lebte Brima Kabba noch in Sierra Leone. Einem kleinen Küstenstaat in Westafrika, wo die Wege kurz sind, und Verstecke rar. Für den damals 23-Jährigen kam es im Februar 2015 besonders dick. Er war damals Taxifahrer - und weil er beobachtet wurde, wie er ein schwules Touristen-Pärchen transportierte, musste Brima Kabba flüchten und irgendwo neu anfangen.

Integration: Die Ebersbergerin Marthe Balzer stellt mit ihrem Haus zudem die Vereinszentrale, wo sich die Mitglieder treffen.

Die Ebersbergerin Marthe Balzer stellt mit ihrem Haus zudem die Vereinszentrale, wo sich die Mitglieder treffen.

(Foto: Christian Endt)

Sechs Jahre später erzählt der 29-Jährige, wie er sich durchgekämpft hat, bis zu diesem Haus in Ebersberg, wo er seit zwei Jahren wohnt. Familie Balzer, die in der Region für ihr Engagement bekannt ist, vermietet ihm ein WG-Zimmer. "Er ist wie Teil der Familie", sagt Marthe Balzer, deren Familie unlängst um ein weiteres Mitglied reicher geworden ist: ihre kleine Tochter Luna.

Kabba arbeitet in Festanstellung als Fachkraft für Lagerlogistik bei Lidl. Vor einem Jahr hat er den Verein Small World gegründet, dessen Mitglieder mittlerweile in ganz Bayern zu finden sind. Von Deutschland aus unterstützt Small World die Daheimgebliebenen in Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Welt. Sein privates Ziel in Ebersberg: eine eigene Wohnung finden. Kabba weiß, dass es leichtere Herausforderungen gibt - aber auch deutlich schwierigere.

Daham Aljaffal und Ahmed Alkhayat, beide 27: Von Soldaten zu Feuerwehrlern

Integration: Daham Aljaffal (links) und Ahmed Alkhayat in ihrer Uniform der Freiwilligen Feuerwehr Kirchseeon.

Daham Aljaffal (links) und Ahmed Alkhayat in ihrer Uniform der Freiwilligen Feuerwehr Kirchseeon.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Jede Woche dienstags um 19 Uhr kommen Ahmed Alkhayat und Daham Aljaffal nach einem langen Arbeitstag zur Versammlung der freiwilligen Feuerwehr in Kirchseeon. Sie haben dort eine eigene Uniform hängen mit dem Namensschild. Nun tragen sie Berufskleidung, machen mit dem Feuerwehrauto eine Runde im Dorf und trainieren Einsätze, etwa die Rettung eines Kindes vom Balkon eines brennenden Hauses oder die Bergung von Tieren. Übungssituationen, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein.

Die Freiwillige Feuerwehr Kirchseeon konnte innerhalb eines Jahres insgesamt sieben neue Mitglieder gewinnen, dazu zählen seit knapp einem Jahr auch Alkhayat und Aljaffal. Sie nehmen an allen Übungen und Unterrichten der Ausbildungsgruppe teil. "Sie sind fester Bestandteil des Teams", sagt Bernhard Hunscha, der Erste Kommandant.

Alkhayat ist 27 Jahre alt und kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. Er arbeitet hier als Feinmechaniker und lebt mit seiner Frau in Kirchseeon. Er erzählt, wie ihn die Menschen hier aufgenommen haben.

Integration: Von links: Jugendwartin Lydia Lauber, der zweite Kommandant Benjamin Schwaiger, Ahmed Alkhayat, Kommandant Bernhard Hunscha und Daham Aljaffal.

Von links: Jugendwartin Lydia Lauber, der zweite Kommandant Benjamin Schwaiger, Ahmed Alkhayat, Kommandant Bernhard Hunscha und Daham Aljaffal.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Daham Aljaffal wohnt ebenfalls in Kirchseeon und arbeitet im Awo-Haus in Baldham als Kinderpfleger. Der 28-Jährige und seine Frau haben 2021 ihren ersten Sohn bekommen. Er zeigt Fotos, wie er bei einer Übung eine Feuerwehrleiter nach oben klettert und ein Mädchen aus dem zweiten Stock rettet.

Aljaffal war in Syrien in den Kriegstagen ein freiwilliger Helfer für die Verletzten. Er erzählt wie das Haus seines Nachbarn brannte und er die Verletzten ins Krankenhaus brachte. "Ich habe gelernt, dass Hilfe schnell gehen muss." Auch Daham hat in Syrien Grausamkeiten gesehen. Doch er möchte die Vergangenheit hinter sich lassen. Neues aufbauen, mithelfen, in schwierigen Zeiten wie diesen. Er habe hier viel Gutes erfahren. "Nun möchte ich etwas zurückgeben." Daham ist dahoam.

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