Integration "Die Situation ist verfahren"

Axel Glienke über die Probleme mit der Integration in Zorneding - und die Kritik an ihm

Interview von Viktoria Spinrad, Zorneding

"Eine absolute Themaverfehlung", "zu Unrecht getadelt", "wir hätten das erkennen müssen": In ihrer jüngsten Sitzung haben die Zornedinger Gemeinderäte ihre Kritik am vorübergehenden Integrationsbeauftragten Axel Glienke relativiert. Grünen-Gemeinderat Helmut Obermaier hatte darauf hingewiesen, dass Axel Glienke neben seiner Tätigkeit als Jugendpfleger eigentlich erst einmal sondieren sollte, wie eine Stellenbeschreibung als Integrationsbeauftragter überhaupt aussehen könnte. Wieso er sich die Kritik trotzdem gefallen ließ, wo er die Grenzen eines Integrationsbeauftragten sieht und was es bräuchte, um Erfolge zu erzielen, erklärt Glienke im SZ-Interview.

SZ: Der Gemeinderat ist nun zu dem Schluss gekommen, dass man Sie unter einer falschen Prämisse kritisiert hat. Warum haben Sie damals nicht aufbegehrt, gesagt, dass Sie de facto gar nicht Integrationsbeauftragter sind?

Axel Glienke: Ich war auf diese Situation nicht vorbereitet. Der Integrationsbeauftragte ist keine fest definierte Berufsbezeichnung. Es gibt jede Menge Wünsche und wenig konkrete Handlungsvorgaben oder Ziele, die von mir auch erreicht werden können. Ich bin für diese Tätigkeit angetreten mit der Vorgabe, herauszufinden, welche Tätigkeiten ein Integrationsbeauftragter im Bereich Asyl in einer kleinen Gemeinde wie Zorneding leisten könnte.

Können Sie hier nichts bewegen?

Die Situation ist - wie in ganz Bayern - verfahren. Nehmen wir die Wohnungen. Zorneding hat nur wenige gemeindeeigene Wohnungen und auch sonst kaum bezahlbaren Wohnraum. Die Container sind also voll mit Flüchtlingen, die ausziehen wollen, aber nicht können. Wenn es genügend Wohnraum oder Neubaugebiete gäbe, könnte der Integrationsbeauftragte sich zum Beispiel darum kümmern, geeignete Mieter unter den Asylbewerbern für diese Wohnungen zu finden.

Die Flüchtlingsunterkunft in Pöring: Viele der Bewohner, deren Asylantrag bereits bewilligt wurde, würden gern ausziehen. Doch oft finden sie einfach keine anderen Wohnungen.

(Foto: Christian Endt)

Bis die vergünstigten Wohnungen an der Wimmerwiese und an der Eglhartinger Straße bezugsfertig sind, wird es noch Jahre dauern.

Wenn man alle paar Jahre solche Projekte hätte, dann würde eine gewisse Zahl an sozial belegbaren Wohnungen entstehen. Der momentane Zornedinger Wohnraum reicht nicht, um Flüchtlinge im Ort unterbringen zu können. Das ist auch ein Problem für die hervorragende Arbeit des Helferkreises: Sie unterstützten unsere Asylbewerber erfolgreich mit Deutschkursen und bei der Arbeitssuche. Leute, die aus den Containern ausziehen, müssen Zorneding verlassen. Das ist natürlich sehr unbefriedigend für die Arbeit des Helferkreises, da so keine weitergehenden Beziehungen aufgebaut werden, die auch wieder dem Helferkreis zugute kommen könnten, wie etwa ein Patensystem von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Im Gegenteil, die frei werdenden Plätze werden neu belegt und es beginnt wieder von vorne. Für Profis wäre das normal, für ehrenamtliche Helfer ist es eine Überforderung, die durch schwindende Ehrenamtliche bemerkbar macht.

Die Flüchtlinge gehen also dorthin, wo die Kommunen selber bauen?

Nicht nur selber bauen. Wo sie leichter Wohnungen bekommen. Zorneding ist eine sehr begehrte Wohnlage. Je besser sie sich integrieren, desto schneller sind sie aus Zorneding wieder weg. Der Zornedinger Helferkreis hat die Integrationsarbeit dann für andere Gemeinden geleistet.

Wie ist es um die Arbeitssituation bestellt?

Für viele Asylbewerber wird die Arbeitssituation eher schlimmer. Mehr als die Hälfte der Zornedinger Flüchtlinge darf nicht arbeiten. Und viele von denen, die arbeiten, verharren in schlecht bezahlten Jobs. Sie müssen befürchten: Wenn sie wechseln wollen, bekommen sie keine weitere Arbeitsgenehmigung. Eine psychisch belastende Situation, die sich bei den einen auf die Arbeit auswirken kann und auf der anderen Seite auch von Arbeitgebern ausgenutzt werden kann.

Was ist mit dem Plan, Flüchtlinge zumindest im öffentlichen Leben in der Gemeinde einzubinden?

Es fehlt einfach an persönlichen Perspektiven, um mit Freude zum Maibaumaufstellen oder zum Bürgerfest zu kommen. Viele sind wegen der Untätigkeit und Angst vor einer Abschiebung in Depressionen versunken, bangen um ihre Verwandten in der Heimat, haben Traumata von der Flucht. Die Menschen sind in einer psychischen Dauerkrise, manche fliehen in den Alkohol. Und in dem Bereich leistet auch der Helferkreis schon gute Arbeit: Es gibt immer wieder Aktivitäten, bei denen Flüchtlinge eingebunden werden. Dieses Jahr planen wir für Ende Mai ein Sommerfest zusammen mit Flüchtlingen, Helferkreis und engagierten Jugendlichen.

Seit Januar 2017 ist Axel Glienke als Jugendpfleger in Zorneding tätig. Im April 2018 hat der heute 47-Jährige eine Zusatzaufgabe übernommen: In einem Teil seiner Arbeitszeit sollte er sich auch dem Thema Integration widmen.

(Foto: Christian Endt)

Gibt es psychologische Unterstützung für die Flüchtlinge?

Kaum. Krankenkassen übernehmen psychotherapeutische Behandlungen in der Regel nicht und es gibt auch wenige Therapeuten, die aufgrund von Sprache und Kultur dazu geeignet sind. Manche fahren zu Selbsthilfegruppen nach München, andere sehen die Religion als ihren Anker. Außerdem braucht es für eine Therapie zum Beispiel auch ein stabiles Wohnumfeld als Rückzugsort, keine Container-WG ohne Privatsphäre. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Wenn die Situation so verfahren ist - wo könnte ein Integrationsbeauftragter überhaupt ansetzen?

Integration ist mehr als die Ernennung eines Integrationsbeauftragten. Um Menschen zu integrieren, müssen Kommunen und die öffentliche Hand mehr Geld investieren. Für Wohnraum, Kinderbetreuung, Weiterbildung, Arbeitsgelegenheiten und Konzepte, wie Flüchtlinge und Arbeitgeber vor Ort zusammenfinden können. Integration kommt nur so weit, wie die Ressourcen es möglich machen.

Wie geht es nun weiter?

Unsere Aufgabe ist es, für die Stelle des Integrationsbeauftragten klar dessen Aufgabengebiete zu formulieren. Die ehrenamtlichen Helfer leisten bei der Unterstützung der Flüchtlinge für ihre ersten Schritte in Deutschland eine hervorragende Arbeit, ohne die die Situation wesentlich schlechter aussehen würde. Eines ist aber klar: Solange die Flüchtlinge hier keine Wohnungen finden, werden sie nie ein vollwertiges Mitglied der Gemeinde. Integration funktioniert nur auf Augenhöhe und ist ein langfristiger Prozess.