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Innovativ durch die Krise:Wider den Stillstand

Der "Don Camillo Chor" aus Vaterstetten hat neue Wege beschritten und ein ganzes Konzertvideo produziert. Das Ergebnis ist ein völlig anderer Sound.

Von Anja Blum

Mitglied in einem Chor zu sein, ist normalerweise mit überschaubarem Aufwand verbunden. Einmal die Woche ist Probe, da gibt's Noten, jede Gruppe übt ihre Stimme erst einzeln, dann alle zusammen, der Dirigent hilft, wenn es irgendwo hakt. So weit die Theorie. In der Praxis aber sieht es derzeit ganz anders aus. Singen wird nämlich als sehr gefährlich eingestuft, seit das Coronavirus unter den Menschen grassiert. Deswegen haben die Chöre allerorten schwierige Monate hinter sich - die entweder von Verzicht geprägt waren, oder vom Versuch, Musik zu machen, und trotzdem die Hygieneauflagen zu erfüllen. Letzteren Weg hat auch der Don Camillo Chor aus Baldham eingeschlagen - mit Erfolg. Das Ergebnis kann man von Sonntag, 29. November, an im Internet bestaunen: eine Vokal-Show mit dem zeitgemäßen Titel "Auf Abstand".

"Dieses Projekt hat uns gerettet", sagt Chorleiter Matthias Seitz, und er meint das so pathetisch, wie es klingt. Denn die Alternative wäre Stillstand im wahrsten Sinne des Wortes gewesen, der Feind eines jeden Ensembles. Wie viele es nicht über die Corona-Krise hinaus schaffen und sich auflösen, das wird erst die Zeit zeigen. Der Don Camillo Chor aber, er wird wohl nicht dazu gehören. Gott sei Dank, denn das A-cappella-Ensemble ist einer der besten Jazz- und Popchöre Deutschlands, ausgezeichnet mit diversen Preisen.

Doch nun hat Corona den Erfolg der Don Camillos jäh gebremst: Im Frühjahr mussten wegen der Pandemie alle Auftritte und die Proben im Pfarrsaal von Maria Königin abgesagt werden. Doch nachdem der erste Schock überwunden war, begannen die Sängerinnen und Sänger nach neuen Wegen für das gemeinsame Musizieren zu suchen. Wie viele andere Ensembles entdeckte auch der Don Camillo Chor die verschiedenen Online-Hilfsmittel für sich. Allerdings war die Ernüchterung bald groß, da ein gemeinsames Singen in Onlinekonferenzen nicht möglich ist, wegen immenser zeitlicher Verzögerung.

Don Camillo Chor Vaterstetten Baldham "Auf Abstand"

Singen auf Abstand war für den Don Camillo Chor eine ganz neue und eher unangenehme Erfahrung.

(Foto: Veranstalter)

Doch die Don Camillos gaben nicht auf und fanden kreative Lösungen, um auch in einem virtuellen Probenraum ihre musikalische Arbeit fortzuführen. Und nicht nur das: Bald sprudelten ganz neuartige Ideen, um dieses besondere Chorjahr 2020 zu gestalten, vor allem als klar wurde, dass normale Konzerte noch für längere Zeit nicht möglich sein würden. So wurde das Projekt einer Online-Show geboren - das der Chorleiter und seine Mitstreiter fortan hoch motiviert verfolgten. "Ich habe gemerkt: In solchen Zeiten ist es enorm wichtig, ein Ziel zu haben, auf das man hinarbeitet", sagt Seitz. "Denn nur so machen die ganzen Anstrengungen, die die Pandemie Chören abverlangt, überhaupt Sinn."

Um ein Konzertvideo auf die Beine zu stellen, bedurfte es nicht nur regelmäßiger Onlinebesprechungen, auch die Probenarbeit wurde unter erschwerten Bedingungen fortgesetzt. Als es wieder möglich war, trafen sich die Don Camillos im Freien, in Tiefgaragen und Lagerhallen. Doch auf Abstand zu singen, war eine ganz neue akustische Erfahrung: "Das ist echt schwierig", erklärt Chorsprecherin Signe Faber, "denn wenn man den Nachbarn endlich hört, ist es schon zu spät." Deshalb müsse man sich noch viel mehr als sonst am Dirigenten orientieren, um Synchronität zu erreichen. Auch den Computer nutzte der Chor, um am Programm zu feilen: Seitz erklärte online seine Vorstellung der Interpretationen, sang einzelne Stimmen vor, produzierte Dirigiervideos, technische Tutorials und Playback. Die Sängerinnen und Sänger übten vor dem Bildschirm in diversen Konstellationen: alleine zur Demoversion, in kleinen Gruppen, mit ausgeschaltetem Mikro gemeinsam mit Seitz. "Das größte Problem dabei ist, das man kein Feedback bekommt", erklärt der Chorleiter. "In der normalen Probe höre und spüre ich, ob jemand etwas braucht - aber so?"

Trotzdem habe das alles sehr gut funktioniert, sagt Faber, sogar neue Stücke habe man auf diese Weise einstudiert. "Da gab es einen echten Gänsehautmoment, als wir eines das erste Mal alle zusammen gesungen haben. Da konnten wir nicht fassen, wie gut das geklappt hat - und waren echt stolz." Insofern ist denn auch der Chorleiter voll des Lobes für seine Sängerinnen und Sänger: Sie hätten sich sehr engagiert, sich willig und geduldig auf Neues und den ganzen Aufwand eingelassen. "Wer hat denn schon ein Mikro und ein Aufnahmeprogramm? Und kann auch noch damit umgehen?" Überdies sei es für Laien eine Herausforderung, die eigene Stimme aufzunehmen und das Ergebnis dann dem Chorleiter zu schicken. "Da muss man echt über seinen Schatten springen", so Seitz. Was letztendlich aber die meisten getan haben, von mehr als 30 habe man nur ein paar wenige Mitstreiter verloren, sagt Faber. "Und für die anderen war es eine tolle Erfahrung: Es hat riesig Spaß gemacht und ich habe sehr viel Neues gelernt."

Entstanden ist ein etwa einstündiges Programm, das dem Zuschauer vor Augen führen will, was das Ensemble mit den neuen Probenmethoden geschaffen hat. Zu sehen sind mehrere Musikvideos, dazwischen gibt es eine ebenfalls aufgezeichnete Moderation. Gedreht wurde im Freien, in einem Theater, im Pfarrsaal und in einer Lagerhalle. "Manche Stücke sind aber auch alternativ bebildert, zum Beispiel mit Legomännchen", verrät Faber. Außerdem werde es bei der Erstausstrahlung ein Gewinnspiel geben.

Gespannt sein darf man aber auch auf einen "völlig neuen Sound" des Don Camillo Chors: Da diesmal alle Stimmen einzeln aufgenommen werden mussten, entspreche das Ergebnis den gängigen Standards der Popmusik, erklärt Seitz. "Es klingt ganz direkt und perfekt - modern eben." Zumindest akustisch habe Corona dem Ensemble also einen großen Innovationsschub verpasst. Immerhin.

Zum ersten Mal ausgestrahlt wird das Video am Sonntag, 29. November, um 19 Uhr auf www.doncamillo-chor.de. Das Zuschauen ist kostenlos, um Spenden wird gebeten.

© SZ vom 26.11.2020
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