Infektionsschutz:Die Antibiotika-Wächter

Infektionsschutz: Doris Sixt, medizinisch-technische Laboratorium-Assistentin, hat schon beim Anblick der Bakterienkultur einen Verdacht, ob es sich um einen infektiösen Erreger handeln könnte. Hier bespricht sie das Ergebnis mit Thomas Bernatik, Chefarzt an der Kreisklinik.

Doris Sixt, medizinisch-technische Laboratorium-Assistentin, hat schon beim Anblick der Bakterienkultur einen Verdacht, ob es sich um einen infektiösen Erreger handeln könnte. Hier bespricht sie das Ergebnis mit Thomas Bernatik, Chefarzt an der Kreisklinik.

(Foto: Kreisklinik/oh)

An der Kreisklinik Ebersberg versucht man, Infektionen schnell zu erkennen und einzudämmen. Dabei spielt die Mikrobiologie eine große Rolle. Und die streng kontrollierte Medikamentengabe

Interview von  Sybille Föll, Ebersberg

Jedes Jahr werden hunderttausende Menschen in deutschen Krankenhäusern wegen einer Infektionserkrankung stationär behandelt. Wie die Erreger identifiziert und die Infekte effizient therapiert werden, erläutern die leitende medizinisch-technische Laboratorium-Assistentin Doris Sixt und Thomas Bernatik, Chefarzt der Inneren Medizin.

In Ebersberg ist die Mikrobiologie in die Klinik integriert. Warum ist das wichtig?

Thomas Bernatik: Der größte Vorteil ist die Zeitersparnis und die dadurch mögliche schnellere Diagnostik. Wenn ein Patient mit Verdacht auf eine ansteckende Infektionskrankheit in die Klinik kommt, wird er zunächst isoliert. Das bedeutet, er kommt in ein Einzelzimmer und der Raum darf nur von Ärzten und Pflegern in Schutzkleidung betreten werden. Denn zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht klar, um welche Art von Krankheitserreger es sich handelt und ob die Erkrankung tatsächlich ansteckend ist. Das ist sehr aufwendig und kann Patienten auch ängstigen. Je früher wir wissen, um welchen Erreger es sich handelt, desto besser.

Wie lange dauert es, bis der Erreger gefunden ist?

Doris Sixt: Das ist ganz unterschiedlich und hängt von seiner Wachstumsgeschwindigkeit ab. Je nach Art der Beschwerden wird beim Patienten ein Abstrich gemacht oder eine Blut-, Urin- oder Stuhlprobe genommen. Dann versuchen wir, den Krankheitserreger auf Nährmedien anzuzüchten, um ihn so von den anderen harmlosen Körperbakterien abgrenzen zu können. Bei den am meisten verbreiteten Arten wie etwa Escherichia coli oder Staphylococcus aureus haben wir bereits nach zirka 16 Stunden Erfolg. Ist das Bakterium gewachsen und wir können visuell erkennen, dass es sich um ein krankheitsverursachendes Bakterium handeln könnte, versuchen wir, den optischen Eindruck durch weiterführende chemische und mikroskopische Tests zu bestätigen. Zeitgleich testen wir das Bakterium auf sein Resistenzverhalten gegenüber Antibiotika, damit mit einem passenden Mittel therapiert beziehungsweise eine schon eingeleitete Ersttherapie bei Bedarf umgestellt werden kann.

Wie sieht eine Ersttherapie aus?

Bernatik: Am Anfang geben wir meistens ein Breitband-Antibiotikum, um eine Verschlimmerung der Erkrankung zu verhindern. Um einer Resistenzentwicklung vorzubeugen, ist es aber wichtig, auf ein spezifisches, aus der Testung als wirksam ermitteltes Antibiotikum umzustellen.

Sind nicht inzwischen einige Bakterien schon resistent gegen diverse Antibiotika?

Sixt: Ja, das ist der Grund, warum wir zeitgleich mit der Erregerdiagnostik eine Resistenztestung des Erregers vornehmen. Reagiert er auf ein bisher funktionierendes Antibiotikum nicht mehr, muss ein anderes gewählt werden. In der Kreisklinik Ebersberg wird nach einem sogenannten Antibiotika-Regime therapiert. Es legt fest, mit welchem Antibiotikum welche Infektionskrankheit primär behandelt wird, vom Magen-Darm-Infekt über Lungenentzündung bis hin zur Endocarditis, einer Entzündung der Herzklappen.

Wie lange gilt dieser Standard?

Sixt: Er wird nach Bedarf angepasst. Einmal im Jahr findet eine Auswertung unserer Keim- und Resistenz-Statistik statt, für die unser Labor die Daten liefert. Sie zeigt uns, wie sich die Zusammensetzung der Erreger verändert und welche Antibiotika gut funktionieren und welche nicht. Das Ergebnis wird in einer Ärztekonferenz bekannt gegeben und diskutiert. Wir haben auch einen sogenannten Antibiotika-Stewardship. Das ist ein speziell ausgebildeter Arzt, der auf allen Stationen unter anderem kontrolliert, ob das geänderte Antibiotikum-Regime beziehungsweise die Zeit der Antibiotikagabe eingehalten wird.

Warum sind viele Bakterien resistent gegen Antibiotika?

Bernatik: Das hat viele Gründe. Einer davon ist der Einsatz von Antibiotika bei der Massentierhaltung, vor allem bei der konventionellen Puten- und Schweinezucht. Wenn wir das Fleisch essen, gelangt das Medikament automatisch in unseren Körper. Die Dosis reicht aber nicht aus, um Bakterien in uns abzutöten, sondern sie gewöhnen sich lediglich an das Medikament. Ein weiterer Grund ist das Reisen in andere Länder. Bereits innerhalb Europas variieren die Bakterienstämme und ihre Resistenzen deutlich. Im südeuropäischen Raum zum Beispiel gibt es wesentlich mehr multiresistente Keime als bei uns, weil dort anders mit Antibiotikagaben umgegangen wird.

Wie sieht es in der Kreisklinik Ebersberg bezüglich der Übertragung von multiresistenten Krankenhauskeimen aus?

Bernatik: Die Rate ist bei uns in Ebersberg sehr gering. Das liegt daran, dass wir sehr penibel sind und ein sehr gut ausgebautes Hygienemanagement haben. Jeder Patient, der aus einem Pflegeheim zu uns kommt oder zuvor in einer anderen Klinik behandelt wurde, wird zuerst auf Krankenhauskeime untersucht, um einer Verbreitung vorzubeugen. Damit folgen wir den Empfehlungen des Robert Koch Institutes.

Wie kann man sich selbst und Patienten der Klinik vor einer Infektion schützen?

Bernatik: Durch gründliches Händewaschen sowie vor und nach dem Klinikbesuch die Hände desinfizieren. Unsere Klinikhygiene ist äußerst aktiv, um die Menschen für die Händehygiene zu sensibilisieren, sie gibt Anleitungsposter heraus und organisiert Informationsveranstaltungen.

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