In Moosach Einfach zum Verrücktwerden

Ozren Grabarić wendet seine Figur vom Innersten aufs Äußerste.

(Foto: Veranstalter)

Musiktheater nach Gogol erfüllt mit bewegender Spannung

Von Ulrich Pfaffenberger, Moosach

Ein Mann arbeitet in einer Behörde. Jeden Tag die gleiche Tätigkeit, Routine ohne Anspruch. Es ist zum Verrücktwerden. Die Kollegen? Unsichtbar. Keine Kontakte, keine Gespräche. Es ist zum Verrücktwerden. Der Chef: Entrückt, herablassend, ein Funktionär. Es ist zum Verrücktwerden. Seine Tochter: zum Verlieben schön, eine Herzbeschleunigerin, aber unerreichbar, des Standesunterschieds wegen. Es ist zum Verrücktwerden. Aksenti Iwanow Propristschin hat keine andere Wahl: Er muss ein paar Zustände verrücken, sonst wird er wirklich verrückt. Seine, arbeitstechnisch, brachgelegte Fantasie hilft ihm beim Zurechtrücken der Realität: Seine Arbeit wird staatstragend, seine Herkunft von adligem Blut, er entwickelt Fähigkeiten, die anderen fehlen. So kann er nun Hundegesprächen lauschen, die ihm Mut machen. So viel Mut, dass er schließlich sein wahres Ich erkennt, das des Königs Fernando von Spanien. Jene Rolle, die ihn heraushebt aus den Verrücktheiten, die ihn umgeben. Um ihn schließlich dorthin zu bringen, wo das Verrückte normal ist: in eine geschlossene Anstalt.

Es ist eine zeitlose Geschichte, die sich der russische Dichter Nikolai Gogol 1835 ausgedacht und als fiktives "Tagebuch eines Wahnsinnigen" veröffentlicht hat. Das Paradoxon eines Menschen, den die Welt so aus dem Gleichgewicht bringt und dessen Selbstachtung sie so bedroht, dass er die verrücktesten Dinge glaubt, um nicht verrückt zu werden - und es dadurch um so sicherer wird. Scheinbare Wahrheiten, absichtlich selektiv interpretierte Nachrichten, unglaubliche Glaubenssätze: Es braucht 2019 nur ein paar Klicks durch die Internet-Welt, um Gogolsche Tagebücher zuhauf zu finden. Bis hin zum radikalen Lösungsansatz, unliebsame Spinner wegzusperren, sind die Parallelen unübersehbar.

Axel Tangerding hat sich diese Geschichte nun ins Haus geholt, als vermeintliches Ein-Mann-Stück "Diary of a Madman" des Moving Music Theatre. Als Darsteller des Titualarrats Propristschin wendet Ozren Grabarić seine Figur mit souveräner Selbstverständlichkeit und grausamer Offenheit vom Innersten aufs Äußerste. Die Ausdruckskraft seines Spiels, seine nervenkitzelnde Singstimme, sein schonungsloser Umgang mit allem, was Gefühl und Seele ausmacht, und ein bis zur Erschöpfung zugespitzter Einsatz von Sprache und Körper machen aus Zuschauern Beteiligte. Niemand im leider nur spärlich besetzten Meta-Theater, der sich der Verzweiflung des tragischen Helden hätte entziehen können, niemand, dem nicht selbst Gefühl und Verstand verrückt geworden wären angesichts der unaufhaltsamen, aber so zweifelsfrei absehbaren Selbstzerstörung. Eine Ladung Spannung und Nähe, die den kleinen Bühnenraum bis zum Bersten füllte.

Ihre dramaturgische Größe bezieht die Inszenierung auch daraus, dass es nicht dem Schauspieler allein überlassen bleibt, Emotionen zu vermitteln. Denn Marjan Nečak, an einem mit Elektronik bestückten Pult positioniert, ist nicht nur mitspielender Regisseur, der - wie ein Puppenspieler - den orientierungslosen Propristschin an unsichtbaren Fäden durch die Welt schleudert. Er hat auch die Musik zum Stück komponiert und variiert sie mit seiner Steuerung von Szene zu Szene, von Ausdruck zu Ausdruck, von fantastischen Höhenflügen zu zerstörerischen Abstürzen. Der Pianospieler von einst, der als Brückenbauer zwischen Leinwand und Publikum zum Stummfilm improvisierte, hat hier seinen digitalen Nachfahren gefunden.

Wobei selbst die Leinwand eine neue Dimension gefunden hat: Projektionsflächen, auf denen Texte und Zeichnungen, Gesichter und Stimmen erscheinen, wie sie in die Gedanken Propristschins eindringen und aus ihnen herausquellen. Es ist Videokunst auf hohem Niveau, die sich nicht als Selbstzweck versteht, sondern als vierte Dimension eines aufs Minimum reduzierten Bühnenbilds, mit der ein Dritter im Ensemble mitgestaltet und dem Madman Leben verleiht. Marin Lukanović liefert eine Performance, wie sie nur ein realer (Bühnen-)Raum erlaubt, wie wir sie in der Zweidimensionalität alltäglicher Monitortur vergeblich suchen.

Berührend, geistreich, dramatisch, fesselnd: Verrückt, wer sich das hat entgehen lassen, dachte sich wohl das Publikum in Moosach - und brach nach Sekunden staunenden Atemholens in begeisterten Applaus aus.