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In der evangelischen Kirche Grafing:Wasser in der Wüstenei der Etüden

Klaviertheater Schackow

Ein Team aus Lehrerin und Schülerin: Constanze Schackow liest, Anna Kattloher spielt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mit einem märchenhaften "Klaviertheater" öffnen die Schülerinnen und Schüler von Constanze Schackow fantasievoll die Tür zur Musik

Vier Geschichten gibt es zu erzählen, vielleicht sogar fünf, nach dem "Klaviertheater", das am Montagnachmittag in der Grafinger Auferstehungskirche zu erleben war. Die erste handelt vom "Wasser des Lebens". Die Brüder Grimm haben in ihren "Hausmärchen" aufgeschrieben, wie die drei Prinzen unter allerlei Widrigkeiten - böser Zwerg, verwunschene Schlucht! - das Lebens des sterbenskranken Königvaters mit einem Wunderwasser zu retten versuchen, wobei die älteren beiden an ihrem Hochmut und ihren Betrügereien immer wieder und zuletzt gründlich scheitern, während der jüngste Sohn Tapferkeit, Edelmut und Herz zeigt und so am Ende alles gewinnt, auch die Hand einer Jungfrau, die er aus den Händen des Zwergs befreit hat. Ein klassisches Märchen mit dem Zeug zum Weihnachts-Vierteiler im Fernsehen und, weil voller überraschender Wendungen, spannend bis zum "Und wenn sie nicht gestorben sind..."

Die zweite Geschichte handelt von der Musiklehrerin Constanze Schackow aus Grafing, die sich dieses Märchens angenommen und es in einzelne, musikalische Szenen gegliedert hat. Die heißen dann "Der kranke König" oder "In Eile" oder "Seemannslied" oder "Funkelspiel" und erzählen, jede für sich von Gefühlen und Stimmungen, von Landschaften und Abenteuern. Als Erzählerin trägt Schackow die einzelnen Episoden vor, alle folgen aufmerksam. Danach nehmen die Schüler am Klavier Platz und verwandeln das Gehörte in eine Melodie. Jede davon ist nicht nur dramaturgisch am Inhalt ausgerichtet, sondern auch am Können und musikalischen Entwicklungsstand der Interpreten.

Das hat, kurz die dritte Geschichte, schon Johann Sebastian Bach so gehalten. Sowohl seinen Söhnen als auch seinen Lieblingsschülern unter den Thomanern schrieb er Stücke auf den Leib.

Woraus sich die vierte Geschichte entwickelt, die etwas mit Musikpädagogik und Begeisterungsfähigkeit zu tun hat. In der sonnendurchfluteten Stunde im leider nur halb besetzten Kirchenraum konnten die Zuhörer nämlich nicht nur ein spannendes Märchen kennenlernen, sondern auch ein gutes Dutzend junger Musikerinnen und Musiker, bei denen man noch nicht so genau weiß, ob ihr Lernen und Üben in eine märchenhaften Karriere mündet oder in eine schöne Erinnerung an die Kindheit. Denen aber allen das innere Vergnügen und die Spielfreude anzumerken war, genau genommen eben jenes titelgebende "Wasser des Lebens", das man in dieser Phase der Ausbildung so oft mühsam suchen muss in der Wüstenei von Etüden und Pflichtstücken, die nur so selten dem eigenen Lebensgefühl entsprechen.

Die Mühe, die sich Constanze Schackow mit der Komposition der Stücke, mit dem Erlernen durch jeden einzelnen Schüler und mit der Zusammenführung zu einem in der Form ungewöhnlichen Klaviertheater gemacht hat, fand sich beim Konzert durch und durch bestätigt. Vor allem deshalb, weil jeder Erzählschritt seinen eigenen Charakter fand, weil das "Wasser des Lebens" von einer Welle der Begeisterung getragen wurde. Selbst wenn da am einen oder anderen Holperer noch nachträglich erkennbar wurde, wo es schon beim Üben immer gehapert hat, selbst wenn es manchmal noch am Gefühl für Laut und Leise mangelte, ja, selbst wenn der Solist sich vor einem schwierigen Lauf noch einmal die schweißnassen Hände am T-Shirt trocken reibt: Was diese nachwachsende Generation spielerisch ausstrahlt, macht Hoffnung auf ein gutes Ende des Märchens. Weshalb (in der Reihenfolge ihres Auftretens) Philipp Mader, Konstantin Krummer, Maxime Linnemans, Louisa Doulmaali, Jospehine Schackow, Michael Tinaca Röhrig, Franziska Maier, Lucius Ahr, Anna Kattenloher, Linda Krug, Johannes Schackow, Vincent Linnemans, Lukas Pauker, Laurin Remiger, Justus Krummer und Linus Ahr nicht nur der verdiente, herzliche Applaus nach der Aufführung zukommen soll, sondern auch die Verneigung des Kritikers an dieser Stelle.

Bleibt noch die, vielleicht, fünfte Geschichte. Sie soll nächstes Jahr in ähnlicher Form zu hören sein. Schackow kündigte an, mit der Suche schon begonnen zu haben. Es dürfte sich lohnen, gerade für jene, die diesmal etwas anderes vorhatten, die Augen offen zu halten und sich den Termin freizuhalten.

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