In der Christophoruskirche Zehn Kapitel bester Dichtung - und Grimassen

Peter Wurm bedankt sich bei Gabi Schlereth und Karin Ossig, ohne deren unermüdlichen Einsatz der "Literarische Herbst" wohl längst vorüber wäre.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der "Literarische Herbst in Zorneding" feiert mit einem fröhlich-sympathischen "Best-of"-Rückblick seinen ersten runden Geburtstag

Von Manuel Kronenberg, Zorneding

Es beginnt mit Kapitel zehn: Der evangelische Pfarrer Manfred Groß begrüßt die rund 60 Leute, die in den Gemeindesaal der Christophoruskirche in Zorneding gekommen sind, um das Jubiläum des "Literarischen Herbstes" zu feiern. Dabei trägt eine amüsante Kurzeinführung über das zehnte Kapitel vor, welche Bedeutung es in Romanen hat, was an dieser Stelle in einer Geschichte geschehen sollte. Das zehnte Kapitel hat in diesem Jahr auch der Literarische Herbst aufgeschlagen: Im Jahr 2009 eröffneten der Förderverein Pro Christophoruskirche und die Gemeindebücherei Zorneding die Lesereihe und bieten in diesem Herbst ihr abwechslungsreiches Programm nun zum zehnten Mal in Folge an. Groß beendet seine kurze Rede mit einem Zitat aus Kapitel zen von Kafkas "Das Schloß": "Auf die wild umwehte Freitreppe trat K. hinaus und blickte in die Finsternis." Die augenzwinkernde Botschaft: Mehr Spannung geht nicht! Ungefähr genauso gespannt kann man auf den Abend sein, den die Verantwortlichen des Literarischen Herbstes vorbereitet haben. Dass es dabei ganz und gar nicht finster zugehen wird, verschweigt Groß. Aber das werden sich die meisten Besucher wohl schon selbst gedacht haben.

Sogleich entführt Peter Wurm vom Verein Pro Christophoruskirche das Publikum in das erste Kapitel, zurück an die Anfänge im Jahr 2009. Als erstes zeigt er ein Bild von den vier "Haupttätern", wie er sie nennt. Karin Ossig, Gabi Schlereth, Bürgermeister Piet Mayr und er selbst sind darauf zu sehen. Alle vier sind natürlich auch an diesem Abend da und wechseln sich, mit Unterstützung von Till Gerhard, beim Vortragen von Kurzgeschichten und Literatur aller Art ab. Bei der Gründung begann der Literarische Herbst mit Dichtungen und Balladen. Und so soll nun auch an das erste Kapitel mit Gedichten erinnert werden. Darunter auch die - vorsichtig formuliert - "Kritik" an der Gedichtform des Sonetts von Robert Gernhardt, die durch ihre derben Worte das Publikum zum Lachen bringt und schon zeigt, wie der Abend sich entwickeln wird: zu mit Witz und Spaß gefüllten Stunden in familiärer Atmosphäre. Besonders aufgelockert wird die Stimmung durch die Spontaneität der Vortragenden - und die angenehme Art von Peter Wurm, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Warum sich etwa den Aufwand machen, die Fotos herauszusuchen, die einen im besten Licht zeigen? Eher wirkt es, als habe Wurm sich extra Mühe gegeben, gnadenlos die Bilder hervorzukramen, auf denen er und seine Mitstreiter besonders ausgefallene Grimassen präsentieren.

Zu der Rückschau durch die zehn Kapitel der Geschichte des Literarischen Herbstes gehören auch Fotos von den Abenden mit bekannten Gästen wie Wolf Euba, Axel Hacke, Christian Ude, Amelie Fried, Heribert Prantl oder Udo Wachtveitl. Musik steuert das Salontrio Regina Graf bei. Zu den Höhepunkten gehören aber die Vorträge der "Haupttäter", die passend zu jedem Jahr ausgewählt wurden. Etwa aus dem sechsten Kapitel (2014) die Bildergeschichte "Die kühne Müllerstochter" von Wilhelm Busch, die Karin Ossig vorträgt. Oder das szenisch präsentierte Telefongespräch zwischen Irene Prugger und einem Almbauern aus Kapitel sieben.

Zum Abschluss liest Bürgermeister Piet Mayr das bayerische Gedicht "Geh weiter, Zeit, bleib steh" von Helmut Zöpfl vor. Die vermeintlich abschließenden Worte "Wart bloß a bisserl, 's war grad so schee" passen zwar wunderbar zu diesem Abend, aber ganz so bedeutungsschwer wollen die Veranstalter ihre Rückschau doch nicht enden lassen. Als die Besucher schon denken, es sei Zeit zu gehen, und sich bereits aufmachen wollen, kramen Karin Ossig und Gabi Schlereth noch einen Duschvorhang hervor und halten ihn hoch. Darauf zu sehen: Herr Müller-Lüdenscheidt und Doktor Klöbner in der Badewanne aus dem berühmten Loriot-Sketch. Viele Anwesenden müssen sofort lachen, sie erinnern sich noch an die Aufführung im Jahr 2014 - und wissen schon, was nun kommt: Wurm und Mayr schlüpfen in die Rollen der alten Herren und lesen, ihrerseits mit Badehauben auf dem Kopf. So entlassen die Veranstalter die Zuschauer in heiterer Stimmung. Eine Dame darf sogar mehr als nur gute Laune mit nach Hause nehmen: nämlich einen neuen Vorhang für ihre Dusche. Für die kommenden Kapitel müssen Wurm und Mayr also wohl einen neuen Sketch einstudieren - jetzt, da ihnen die Kulisse fehlt.