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Im Zyklus des Kulturvereins:Musik aus dem Herzen

Georgisches Kammerkonzert im Alten Speicher

Botschafter im Exil: das "Georgische Kammerorchester Ingolstadt" und sein Dirigent Ruben Gazarian beim Konzert im Alten Speicher Ebersberg.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Beglückend: Das "Georgische Kammerorchester Ingolstadt" und Geigerin Nina Karmon im Alten Speicher Ebersberg

Das Konzert für Streicher im Alten Speicher Ebersberg beginnt mit Trommelschlägen: Ein Tamburin in Händen, ruft Surab Shamugia, Stimmführer der Cellisten im Georgischen Kammerorchester Ingolstadt, zum Tanz, dem ersten von acht "Miniaturen" des georgischen Komponisten Sulchan Zinzadse. Und die Streicher unter Leitung von Ruben Gazarian beginnen ihren Reigen, spielen Lieder und Weisen, fröhliche, feierliche, filigrane Melodien, aber auch melancholische, zarte Sätze - Musik, die aus dem Herzen kommt. Gewürzt sind die Stücke mit extravaganten Effekten, mit Glissandi, schwebenden oder schleifenden Klängen und anderen Saiten- und Bogenzaubereien.

Viel Freude bereitet diese aus der reichen Klang- und Tanztradition Georgiens geschöpfte Musik, ob elegischer Hirtentanz aus dem Kaukasus, Kampf der Männer in orientalischer Harmonik oder das "Indi-Mindi" genannte Stück, eine Art musikalischen Unfugs. Auch das traditionelle Liebeslied "Suliko" kommt zur Aufführung. Aus dem Programmheft erfährt man, dass es das Lieblingslied von Josef Stalin gewesen sei. Nun, dafür kann es nichts. Das letzte Kammerkonzert der Saison des Kulturvereins Zorneding-Baldham am Sonntagabend beschert dem Publikum jedenfalls - zunächst zu Beginn und nochmals in der Zugabe - eine Begegnung mit der mitreißenden Musik Georgiens und einem Ensemble, das sich als deren Botschafter versteht.

1964 in Tiflis (Tbilisi) gegründet, ging das Orchester 1990 ins Exil nach Ingolstadt. Unter anderem haben die Dirigenten Yehudi Menuhin und Kurt Masur die Klangsprache des Orchesters geprägt, das mit bedeutenden Solisten arbeitet.

In Ebersberg ist es die deutsch-finnische Geigerin Nina Karmon, die den Solopart in Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in d-Moll spielt, ein Werk, das eine bewegte Geschichte hat. Komponiert hat er es als 14-Jähriger im Jahr 1822, lange vor seinem berühmten in e-Moll. In dem frühen Konzert drückt sich die Bewunderung des jungen Komponisten für die Musik Johann Sebastian Bachs und seinen Geigenlehrer Eduard Rietz aus. Die fünf Jahre später entstandene Fassung hat Mendelssohn im Berliner Salon der Familie uraufgeführt, 1950 hat Yehudi Menuhin das Werk wiederentdeckt, erneut bearbeitet und 1952 eingespielt.

Sowohl im Kopfsatz, dem Allegro mit seinen rasanten Läufen und Kaskaden, als auch im Andante und im abschließenden Allegro gelingt Nina Karmon eine ausnahmslos durchhörbare, brillante, mit viel Emphase gestaltete Interpretation. Ihr Ton ist warm, eindringlich, körperreich, in der Höhe geschmeidig und weich. Trotz der kompositorischen Dichte des Werks bringt die in Ebersberg lebende Solistin, die 2008 das Kammermusik-Festival auf Burg Schaubeck in Steinheim an der Murr gegründet hat, jeden Ton zur klanglichen Entfaltung. Das Orchester ist ihr ein kongenialer, mit viel Emotion und Einfühlung musizierender Partner.

Solche Musiker-Qualitäten zu erlernen, hat Paul Hindemith 1927 seine fünf Stücke für Streichorchester geschrieben. Sie sind Teil eines für - fortgeschrittene - Laienmusiker gedachten Schulwerks für das Instrumentalzusammenspiel, sind aber trotz transparenter und verständlicher Klangsprache überaus anspruchsvoll.

Um die berühmte Serenade für Streichorchester in C-Dur von Peter I. Tschaikowsky so lebendig und bewegend zu spielen wie das Georgische Kammerorchester in Ebersberg, braucht es nicht nur reifes und homogenes Musizieren, sondern vor allem sinnliche Spielfreude sowie eine luftige und plastische Klangsprache. Großen Anteil an der strahlenden Interpretation hat dabei der Geiger und Dirigent Ruben Gazarian, der überdeutlich Impulse setzt. Er springt auf, lässt seine Hand flattern, als wär sie ein Vogel, holt mit dem Arm aus und streicht mit energischer Geste einen Bogen über imaginäre Saiten. Und so kostet das Orchester alles aus, was die Partitur hergibt: Pathos, Lyrik, Elegie, Zartes und Ungestümes, sogar die Stille. "Ein Stück vom Herzen" hat der Komponist seine Serenade einst genannt. Und dann gibt's nach dem fesselnden Finale noch ein Stück fürs Herz: ein romantisches Nocturne des georgischen Komponisten Vaja Azarashvili - beglückender Ausklang eines Konzerts, einer Saison. Und das Unwetter draußen ist nun auch vorbei.