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Im Museum Wasserburg:Mord per Giftspritze

Museum Wasserburg Ausstellung  "In Memoriam": „Euthanasie“ im Nationalsozialismus
Ernst Lossa

"Zum Andenken": Ernst Lossa, Symbolfigur für die vielen von den Nationalsozialisten ermordeten Kinder.

(Foto: Veranstalter)

Ausstellung klärt über "Euthanasie" auf, auch in Gabersee und Attel mussten Patienten sterben

Die Geschichte der Stadt Wasserburg in der NS-Zeit ist durch ihre Ortsteile Attel und Gabersee eng mit der Geschichte des "Euthanasie"-Programms verbunden. 742 Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen, die im Kloster Attel oder im Bezirkskrankenhaus Gabersee lebten, fielen den NS-Patientenmorden zum Opfer. Begleitend zur Einweihung eines neuen Denkmals für die Opfer des Nationalsozialismus am Heisererplatz zeigt das Museum Wasserburg nun eine Ausstellung, die über diese Epoche aufklären möchte: "In Memoriam" - "Euthanasie" im Nationalsozialismus.

Zwischen 1939 und 1945 wurden 240 000 psychisch Kranke und Menschen mit Behinderung im Rahmen des nationalsozialistischen "Euthanasie"-Programms auf dem Gebiet des Deutschen Reichs getötet. Für diese Mordaktion wählten die Nationalsozialisten den verschleiernden Begriff "Euthanasie", das - nach dem griechischen Wort für "guter Tod" - ursprünglich Sterbehilfe meinte. Kinder, Frauen und Männer aller sozialen Schichten wurden aufgrund ihrer Erkrankung oder Behinderung als "lebensunwert" und ökonomisch "unbrauchbar" eingestuft. Die durch Selektion zum Tode Verurteilten wurden in speziell eingerichtete Tötungsanstalten deportiert oder in den damals als Heil- und Pflegeanstalten bezeichneten Einrichtungen durch Vernachlässigung, Nahrungsmittelentzug oder überdosierte Medikamente zu Tode gebracht.

In der Ausstellung werden anhand von Texten, Schriftstücken, Fotografien und Videointerviews mit Zeitzeugen die verschiedenen Phasen des NS-Vernichtungsprogramms wie die "Aktion T4", das Hungersterben und Tötungen durch Medikamente dargestellt. Die Dokumente zeigen auch unterschiedliche Opfergruppen, die Reaktion von Angehörigen sowie die Haltung der Ärzte und die Auseinandersetzung mit den "Euthanasie"-Verbrechen in der Nachkriegszeit. Originaldokumente lassen einzelne Schicksale nachvollziehbar werden und geben den Opfern ein Gesicht und eine Geschichte. Kuratiert wurde die Ausstellung von Michael von Cranach, ehemals ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, sie wurde seit 1999 an vielen Orten gezeigt. Eine lokale Ergänzung bildet die Schilderung der historischen Ereignisse in den Wasserburger Einrichtungen Gabersee und Attl.

Auf dem Plakat zur Sonderausstellung ist das Gesicht Ernst Lossas zu sehen. Er wurde 1929 in Augsburg geboren, seine Eltern waren Jenische, die in den Sommermonaten über Land fuhren. Seine Mutter starb bereits 1933 an Tuberkulose, der Vater wurde aufgrund seiner Abstammung ins KZ Dachau verschleppt. Ernst und seine Schwestern kamen zunächst ins Kinderheim. Mit 13 Jahren wurde Ernst Lossa aufgrund seines aufmüpfigen Verhaltens in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen und später in deren Zweigstelle Irsee gebracht. Dort erlebte er mit, wie Patienten durch Aushungern und Medikamente umgebracht wurden, und durchschaute wohl das System, das er durch Lebensmitteldiebstähle sabotierte. Bei den Pflegekräften war der hilfsbereite Junge sehr beliebt. Seine Mitwisserschaft und sein aufmüpfiges Verhalten aber führten wohl dazu, dass die Klinikleitung seinen Tod anordnete. Ernst Lossa starb am 9. August 1944 durch eine Giftspritze.

Vor seiner Ermordung hatte Ernst einem Pfleger eine Fotografie übergeben, auf die er "Zum Andenken" geschrieben hatte, "weil er wohl bald sterben müsse", wie er sagte. Der Junge blickt den Betrachter darauf direkt an, seine Augen schauen wissend und doch forschend. In seinem Blick liegt Ruhe, Zuversicht und Gewissheit. Das Schicksal von Ernst Lossa wurde für die NS-Ärzte-Prozesse juristisch aufgearbeitet. Später recherchierte der Journalist Robert Domes seine Lebensgeschichte und verfasste das Jugendbuch "Nebel im August", das 2016 verfilmt wurde. Ernst Lossa ist zu einer Symbolfigur für die ermordeten Kinder des NS-"Euthanasie"-Programms geworden.

Die Ausstellung, die vom 1. Februar bis zum 10. Mai zu sehen ist, wird durch ein Begleitprogramm ergänzt, Schulklassen erhalten auf Wunsch ein Vermittlungsprogramm. Weitere Informationen zum Thema "Euthanasie" in Wasserburg und darüber, wie die Stadt den Opfern gedenkt, gibt es unter www.gedenken.wasserburg.de.

© SZ vom 28.01.2020 / sz
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