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Im Grafinger Rathaus:Bravour und Präzision

Das "Goldmund Quartett" beeindruckt in Grafing

Das Konzert des Goldmund Quartetts am Sonntag im Rathaus-Saal Grafing war außergewöhnlich, nicht nur hinsichtlich seines Programms, sondern auch der Qualität der Darbietung. Trotz eines Konkurrenzkonzerts des con moto-Chors war der Rathaussaal gut besucht, und der Besuch hat sich gelohnt.

Zum Programm: Am Anfang stand das Streichquartett D-Dur op. 76 Nr. 5 von Josef Haydn aus der Sechser-Reihe der sogenannten Erdödy-Quartette, Haydns Spätstil in der Nähe der Komposition der "Schöpfung" repräsentierend. Danach das "Jagdquartett" aus dem Jahr 2003 des damals zwanzigjährigen Münchener Komponisten Jörg Widmann, und nach der Pause das letzte Streichquartett f-Moll op. 80 von Felix Mendelssohn-Bartholdy, ein nicht nur die Musiker, sondern auch das Publikum forderndes Programm.

Der Anfang mit Haydn war noch vergleichsweise gutlaunig und entspannend, obwohl sich in diesem Quartett schon die Öffnung Haydns zur Zukunftsmusik eines Beethoven und der frühen Romantik andeutet. Die Goldmunds spielten es in feinster dynamischer Abstimmung, was insbesondere dem herrlichen Largo-Satz mit seinem Rückzug ins pianissimo zugute kam. Die allegro-Sätze 1 und 4 in dem von Haydn in den späten Quartetten eingehaltenen raschen Tempo, von ihm bezeichnenderweise "presto" tituliert, wurden von den vieren deutlich artikuliert, wie ein heiteres Ballspiel vorbeirauschend.

Danach der Widmann: eine szenische Kantate, die, durch Kommandorufe skandiert, eine Treibjagd schildert, den vergleichsweise zivilisierten Jagdritus, vornehmen Kreisen vorbehalten, der nur darin der existenziellen Jagd der Urmenschen vergleichbar ist, als manchmal auch ein Schuss daneben geht und einen Teilnehmer trifft. So auch in dieser musiksprachlich kühnen Komposition, in welcher die Hauptrolle dem Cellisten zugewiesen ist (großartig: Raphael Paratore), der am Ende wie tödlich getroffen über seinem Instrument zusammenbricht. Nach Aussage der Musiker - neben Paratore Florian Schötz (1. Geige), Pinchas Adt (2. Geige) und Christoph Vandory (Viola) - haben sie dieses schwierige Stück an dem Abend erstmals aufgeführt und das mit hinreißender Bravour und Präzision, eine Komposition, die, beginnend mit einem Zitat aus den "Papillons" von Robert Schumann, wahrlich über Stock und Stein galoppiert.

Nach der Pause bewies sich die große Qualität des Goldmund Quartetts, ihre sichtbare emotionale Übereinstimmung, Präzision und makellose Stimmführung noch in dem Hauptwerk des Abends, Mendelssohns letztem vollendeten Quartett in f-Moll op.80. Mendelssohn hat dieses Quartett kurze Zeit nach dem frühen Tod seiner geliebten Schwester Fanny Hensel komponiert. Es zeigt einen ganz anderen Mendelssohn als den uns vertrauten "Sonnenschein-Komponisten".

Diese Musik ist nicht nur ein Trauerabgesang über diesen Verlust, man spürt in ihr auch ein gewisses Schuldgefühl des Bruders, der gegenüber seiner hochbegabten komponierenden Schwester zeitlebens ein nicht immer beherrschtes Konkurrenzgefühl entwickelt hatte. So empfand er fünf Tage nach ihrem Tod am 14. Mai 1847 "bittere Reue darüber, dass ich nicht mehr für ihr Glück getan habe, dass ich sie nicht mehr gesehen, mehr bei ihr gewesen bin". Das späte Quartett bringt in allen vier Sätzen diese Gefühlsnähe zwischen Trauer und nachgeholter Zärtlichkeit ergreifend zum Ausdruck.

Das Publikum folgte dem makellosen Spiel des Goldmund Quartetts mit spürbarer Konzentration und Anteilnahme und ließ sich auch durch die Zugabe eines vergeblich um Heiterkeit bemühten Csardas am Ende nicht aus seiner Betroffenheit holen.

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