bedeckt München
vgwortpixel

Im Alten Kino:Kathartisches Pottpüree

Ebersberger Publikum genießt "Zärtlichkeiten mit Freunden"

Einmal in Keller und Dachboden so richtig aufräumen und dabei allerlei wertvolle und erinnerungswürdige Dinge zu Tage fördern - das kann sich durchaus lohnen. Diese Erfahrung haben auch die beiden "Künstlerinnen" des Duos Zärtlichkeit mit Freunden - Ines Fleiwa und Cordula Zwischenfisch - getan, hinter deren oberflächlicher Perückenverkleidung Stefan Schramm und Christoph Walther stecken. Aus ihren geistigen Rumpelkammern haben sie das denkbar Schlechteste herausgeholt, "Das Letzte aus den besten sechs Jahren" - so der Titel - und im voll besetzten Alten Kino an einem ausgesprochen ansprechenden, dreistündigen Abend dargeboten.

Die zwei schrägen Typen aus dem sächsischen Riesa, die Kunst zum guten Teil auch als spontane Eventhaftigkeit auffassen, haben jedenfalls schon allerlei Kleinkunst- und Comedypreise abgegriffen und abgeräumt. Die Bühne besteht aus einem Schlagzeug mit Cordula und einer Gitarre mit Ines dran, dazwischen steht eine Stehlampe aus der Zeit des Wirtschaftswunders. Geboten wird ein breit aufgestelltes kasperettistisch-komödiantisch-kathartisches Pottpüree, mit dem die beiden "weder Kosten noch Mühen gehabt" haben.

Natürlich geht es um gesellschaftliche Themen, um den demografischen Wandel etwa und die Landflucht. Die Jugendlichen ziehen weg aus dem tristen Ebersberg, "Hier is nix los", sagen sie, "ich geh weg aus dieser Stadt, ich geh in eine andere Stadt, ich geh nach Steinhöring". Cordula und Ines aber kennen ein Gegenrezept: Musik! Musik ist wie eine Perle, ist wie Yin und Yang. Die Töne, erklärt Cordula, entstehen in der analen Gegend, wandern dann das Rückenmark hinauf und über den Hinterkopf oben herum und über die Stirnlappen seitlich ins Ohr. Für Ines mit ihrem Metallbaukastengehirn ist das aber viel zu hoch. Jeden Tag lebensbejahende Rockkonzerte - dann gehen die Jugendlichen nicht weg. Letztlich sagt ein guter Text mehr als viele Worte, und die beiden singen "Jugendliche bleibt!" Bei dem soliden CCR-Rock geht dann plötzlich die große Trommel kaputt. "Das macht nichts", sagt die Drummerin, "das zahlen wir aus der Pornokasse".

Da verschwindet die Cordula, sie muss sich umziehen. Solche Unterbrechungen sind prinzipiell lästig, werden aber hier durch ein musikalisches "Umbau-yah, my Lord" geschickt kaschiert. Da erscheint dann plötzlich die wohl größte Attraktion des Abends: der große alte Fred Astor!!! Mit Stock und verbeultem Zylinder hickelt er heran, gekommen extra für die Ebersberger über den großen Teich, mitgebracht hat er die Big Band "Frank Sinalco". Er selbst bietet pantomimisch-persiflierend allerlei misslingende oder durchschaubare Zaubertricks, steppt herum und liefert sogar einen Moonwalk, wie nur hochbegabte Dreijährige es können. Mit einem souverän popstarigen "Thanks!" und einem tumb-trumpischen "Make Ebersberg great again!" hickelt er wieder davon.

Selbstverständlich verkaufen diese beiden Helden in ihrer Heimat Sachsen auf dem berühmten Thor-Steinar-Festival auch diverse genderfluide T-Shirts - in den Größen XXL, XL und S. Bei einem "Adolf Hitler-Ähnlichkeitswettbewerb" allerdings hat die Cordula, weil sie den typischen Schnurrbart kraft ihrer Intelligenz auf die Backe geklebt hatte, leider nur den dritten Platz belegt.

Wieder verschwindet die Cordula, "Umbau-yah, my Lord". Der gefühlt vier Zentner schwere Sumo-Ringer Kai Ginseng aus Japan erscheint. Er hat in Okinawa an einer "Gerhard-Hauptmann-Samurai-Schule" studiert. Heute trägt er aus dem umfangreichen Anforderungskatalog die Nummer 3b, Absatz 2 vor. Die hohe, ostasiatisch gefärbte Piepsstimme und der brutale Leistungsanspruch lassen vermuten, dass es sich hier in Wirklichkeit um ein Kind handelt, das mit der Dopingflasche großgezogen worden ist. Es ist die Nummer, die das Publikum besonders von den Sitzen reißt, und selbst die sonst so coolen Komödianten können das Lachen hier nicht mehr unterdrücken. Kai Ginseng verabschiedet sich schließlich mit einem bekannten Zitat von Konfuzius: "Tian'anmen kaki is unauch Hiroshima scheißi is".

Zum Kabarett gehört leider auch die Politik, der Sachse sagt dann: "Ich alleene kann gornüscht machen" - freilich sagen das alle, und jeder drückt sich und taucht in der Pegida-Masse unter. Vom "Panzer-Siggi" ist die Rede, von Heckler&Koch-Gewehren beim IS und von den heiligen Arbeitsplätzen bei Thyssenkrupp und Krauss-Maffei und so weiter. Aber warum nicht mal das Konto kündigen bei der Deutschen Bank, die hier im Hintergrund finanzierend tätig ist?! Und was ist mit den Parteien mit dem "C" im Namen? "C" bedeutet, dass es sich hier um Fans von Jesus Christus handelt, der aber war kein Fan von Waffenexporten. Heute würde er in Politik und Wirtschaft die Tische umschmeißen, und angesichts der C-Unionisten würde er sich im Grabe umdrehen, wenn er denn noch drin wäre. So geht es dahin mit viel "Ambient-Music", Gesellschaftskritik und metaphysischer Selbstironie. Der Eintritt, das lässt sich an den Gesichtern der Besucher ablesen, hat sich auf jeden Fall gelohnt.

© SZ vom 26.02.2018
Zur SZ-Startseite