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Humor in Anzing:An der Schwelle zum Paradies

Alfred Mittermeier mit neuem Programm im Weinbeisser: geradezu sündhaft gut

Auf seine Anfänge als Kabarettist angesprochen, hat er einmal gesagt: "Ich hab' aufgelegt, und der Michael hat die Pointe abgeschossen. Bumm!" Ich, das ist der 55-jährige Alfred Mittermeier aus Dorfen im Nachbarlandkreis Erding. Michael ist sein zwei Jahre jüngerer Bruder, der vor allem in den 90er Jahren deutschlandweit große Erfolge als Comedian gefeiert hat. Nun war Alfred Mittermeier mit seinem neuen Kabarettprogramm im Anzinger Weinbeisser zu Gast - und schon nach kurzer Zeit wurde deutlich: Heute ist er nicht mehr Vorlagengeber, sondern selbst derjenige, der die Pointen mit dem Instinkt eines Torjägers reihenweise im Kasten versenkt.

Die kleine Kleinkunstbühne im Landkreisnorden meldete mit exakt 53 Zuschauern mal wieder ausverkauftes Haus. Dabei war im Vorfeld nur schwer abzusehen, was da auf der aus Europaletten gezimmerten Spielfläche eigentlich passieren würde, denn das Programm mit dem Titel "Paradies" ist sozusagen noch druckfrisch und wartet nur darauf, endlich auf Publikum losgelassen zu werden. Und die Anzinger erweisen sich als dankbare Begleiter, als Mittermeier sie mitnimmt auf seine ganz spezielle Suche nach dem Himmelreich.

Ähnlich der thematischen Gratwanderung zwischen Diesseits und Jenseits bewegt sich der Kabarettist auch formal zwischen schlicht-derbem Humor und philosophischen Gedankenspielen - jedoch stets mit der nötigen Trittsicherheit. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Abend von der ersten Minute an ein guter zu werden verspricht. Eine kleine Enttäuschung muss das Publikum allerdings gleich zu Beginn verkraften. Nein, er wisse nicht, wie das Paradies aussehe und könne das deshalb auch heute nicht klären. "Details gibt's keine. Das wären sonst Fake-News und Aufschneiderei", stellt Mittermeier klar. Dem 55-Jährigen geht es auch gar nicht groß darum, den letzten Sehnsuchtsort der Menschheit zu beleuchten, er will vielmehr den Weg dorthin beschreiben. Und um diesen zu beschreiten, braucht es natürlich zunächst ein gewisses Maß an religiösem Vertrauen, oder, wie Mittermeier es pointiert formuliert: "Erst muss man dran glauben, und dann muss man dran glauben."

Das mit dem Glauben sei aber so eine Sache in der heutigen Zeit, schließlich seien seit dem letzten Wunder schon rund 2000 Jahre vergangen. "Damals war das Glauben noch einfacher, wenn ich sehe, wie da einer übers Wasser schlendert." Mittermeier kommt deshalb zu dem Schluss, dass es gerade heutzutage mal wieder ein richtiges Wunder bräuchte: "Etwas, das selbst Experten nicht erklären können. Zum Beispiel: Berlin eröffnet einen Flughafen."

Aber momentan tue sich in Sachen Wunder eher wenig, weshalb Mittermeier sich dem Paradies aus anderen Richtungen anzunähern versucht - und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt, selbst wenn er sprachlich gewandt das Sexualleben eines alten Ehepaars illustriert oder sich an seine eigenen Beichterfahrungen erinnert: "Zuweilen war der Stuhlgang hart." Möglich, dass der fortschreitende Alkoholgenuss hier seine Wirkung zeigt, bei den Anzingern kommt dieser bissige und zuweilen schamlose Humor jedenfalls zunehmend besser an.

Zwischendrin stimmt Alfred Mittermeier aber durchaus nachdenkliche Töne an. Etwa, als er von seinen eigenen Erfahrungen mit dem Tod erzählt. Er sei schon häufiger als Trauerredner engagiert worden - "ein anderes Genre und ein anderes Publikum". Und mit einem Rundumblick durch den Weinbeisser fügt er hinzu: "Besser angezogen und durch die Bank Freikarten." Seiner Annäherung ans Paradies gibt das aber ebenso wenig den entscheidenden Schub wie seine Ausführungen zum Testament als Druckmittel gegenüber der ungeliebten Verwandtschaft oder zur Beerdigung als letzter großer Party. Deshalb muss sich Mittermeier dem ureigensten aller biblischen Stilmittel bedienen, dem Gleichnis. Mit dem Paradies sei es wie mit einem Kühlschrank: "Wenn ich die Tür zumache, dann glaube ich, dass das Licht ausgeht". Aber wie beim Himmelreich gelte: "Nix gwiss woas ma ned." Man bräuchte also jemanden, der schon mal gewisse Zeit in einem Kühlschrank verbracht hat, oder analog dazu, bereits im Paradies war. Aber alle Nahtoderfahrungen nützten nichts, denn die meisten hätten spätestens dann umgedreht, wenn sie da oben ihrer Ex-Frau begegnet seien.

Und so bleibt die Frage nach der Beschaffenheit der letzten menschlichen Sehnsuchtsstätte fürs Erste unbeantwortet. Wobei, wer den nötigen Sinn für Humor mitbringt und sich auf Alfred Mittermeiers wild-witzigen Streifzug einlässt, der kommt dem Paradies zumindest ganz schön nahe.

Anzinger Weinbesser, Programm Winter/Frühjahr 2020: Josef Pretterer, Jubiläumsprogramm (15. Januar), Faltsch Wagoni, "Auf in den Kampf, Amore" (5. Februar), Weiberfasching (20. Februar) und Holger Paetz, "Fürchtet Euch!" (4. März). Informationen und Tickets unter www.derweinbeisser-anzing.de.

© SZ vom 16.11.2019
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