Waldpflege im Ebersberger Forst:Frühjahrsputz in der Hohenlindener Sauschütt

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Ein Ungetüm. Im Ebersberger Forst wird der Harvester zur Holzernte eingesetzt. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Seit Ende Januar ist der Bereich rund um den Erlebnispfad in der Hohenlindener Sauschütt abgesperrt, das Kreischen von Sägen ist zu hören. Was das für die Besucher des Ebersberger Forsts bedeutet.

Von Karlotta Hohmann, Ebersberg

Große Scheinwerfer scheinen grell zwischen den Baumstämmen des Waldes hindurch. Eine Säge kreischt. Einzelne Waldabschnitte sind mit Warnhinweisen abgesperrt. Was wie der Ort eines neuen Gruselfilms klingen mag, ist in Wahrheit eine wichtige Maßnahme zur Erhaltung des Baumbestandes rund um den Erlebnispfad in der Hohenlindener Sauschütt.

Seit Ende Januar, ist der Forstbetrieb Wasserburg der Bayerischen Staatsforsten, der auch für den Ebersberger Forst zuständig ist, bei Hohenlinden mit Waldpflege- und Holzerntemaßnahmen beschäftigt. Und wer da so gespenstig seine Scheinwerfen zwischen den Bäumen hin und her gleiten lässt, ist der Harvester, ein Holzvollernter. "Wenn die Leute so eine Maschine sehen, denken sie immer, das ist der Untergang vom Wald", so Heinz Utschig, Forstbetriebsleiter aus Wasserburg, lächelnd.

Heinz Utschig, Forstbetriebsleiter, vor einer Karte des Ebersberger Forstes. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dass sie dabei genau das Gegenteil tut, kann man bei ihrem Anblick zuerst schwer glauben. Der moderne Harvester ist mit acht Reifen ausgestattet, sodass sich der Bodendruck optimal verteilen kann. Das Besondere an der Maschine ist aber nicht nur ihre effiziente Arbeitsweise - anstelle von drei Festmetern durch einen Waldarbeiter schafft er bis zu 20 Festmetern in der Stunde -, sondern auch die Bänder über den Reifen. Sie schonen den Wald, indem sie die Druckverteilung verbessern. "Die Bänder ziehen natürlich mehr Dreck mit auf die Waldwege und machen sie schlammiger", ein kosmetischer Schaden, über den sich so manch ein Waldbesucher ärgere, erklärt Lisa Pausch, die seit Sommer 2019 Revierförsterin im Ebersberger Forst ist.

Lisa Pausch, Revierförsterin Revier Forstinning, in einer Zone, die sie im Herbst mit 100 Tannen aufforsten wird. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Alternative wäre eine flächige Befahrung. Der wahre Schaden passiert dann aber unsichtbar, denn bis sich der Boden von dem Druck erholt, kann es viele Jahrzehnte dauern. "Deswegen versuchen wir auch durch Rückegassen die Schäden minimal zu konzentrieren", so Lisa Pausch. Alle 30 Meter befindet sich eine sogenannte Rückegasse, auf deren vorgezeichneten Linien sich der Harvester den zu fällenden Bäumen - markiert mit einem roten Strich - nähern darf. Vom Borkenkäfer befallen sind sie nicht und trotzdem müssen sie gefällt werden. Heinz Utschig erklärt, warum: "Auf keinen Fall wollen wir Kahlflächen schaffen. Aber es müssen Gefahrenstellen, wie beispielsweise morsche Bäume oder abgestorbene Äste im Wegbereich beseitigt werden." Dabei wird nicht nur an der Sicherheit für Waldbesucher gearbeitet, sondern auch Platz geschaffen, um der neuen Baumgeneration Raum zum Wachsen zu geben und die Vielfalt der Waldes zu bewahren.

Struktur schaffen bedeutet auch, unterschiedliche Schichten schaffen

Die Konkurrenz zwischen den Bäumen und lange Sommerdürren können etwa die Gründe für das natürliche Absterben der Bäume sein, die daraufhin gefällt werden müssen. Darüber hinaus wird durch die Holzernte aber auch die Waldstruktur positiv gefördert, sodass in mehreren Schichten dünne und dicke, große und kleine Bäume nebeneinander wachsen und so einen besonders vielfältigen Wald gestalten können. "Wir öffnen wie mit einem Skalpell kleinere und größere Lichtlöcher, damit zum einen am Boden wieder etwas Neues wachsen und zum anderen aber auch der alte Waldbestand erhalten werden kann", erklärt Heinz Utschig. Durch diese Art von Bewirtschaftung kann also trotz Nutzung ein "Wald-Kontinuum" ermöglicht werden. Das neu gewonnene Licht hilft nicht nur dem Boden sich besser vorzubereiten, sodass Naturverjüngungspflanzen nachkommen können, sondern auch den verbleibenden Bäumen, da es ein besseres Wachstum begünstigt.

Damit junge Bäume genügend Licht bekommen, müssen ältere Bäume weichen. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Um das Wachstum zu fördern, müssen aber auch einzelne Bedränger entnommen werden. Nach genauen Kriterien wählt die Försterin die zu fällenden Bäume aus. Stehen etwa zwei Bäume zu nah beieinander, so wird der dünnere von ihnen markiert. Andere Bäume müssen den Platz für eine neue Tannengruppe, bestehend aus 100 Tannen, frei machen, die im kommenden Herbst in einem Umkreis von zehn Metern angepflanzt werden sollen. "In diesem Bereich gibt es keine Tannen, also bringen wir sie aktiv hinein", erläutert Heinz Utschig die Maßnahmen. Morsche Bäume bilden durch ihre Nähe zum Weg eine Gefahr für den Erholungsverkehr und müssen ebenfalls gefällt werden.

Manche Bäume, wie diese alte Buche, dürfe aus ästhetischen und ökologischen Gründen stehenbleiben. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

So manch einer darf aber auch stehenbleiben, denn eine Besonderheit bei der Art der Waldbewirtschaftung im Ebersberger Forst ist, dass bestimmte Strukturmerkmale gefördert und belassen werden. "Es gibt Bäume, die so ein Hingucker sind, dass wir sie aus ästhetischen Gründen einfach stehen lassen müssen", erklärt Utschig. Sie sind ein gestalterisches Mittel für den Wegesrand und oft, so sagt er, sind es ja gerade die urigen Altbaumbestände, die den Wald für die Menschen so interessant machen. Sie werden sehr schnell zu sogenannten Biotopbäumen, also bereits sterbenden Bäumen, die aber noch eine Lebensraum für andere Lebewesen bieten können.

Nachhaltigkeit ist in der Forstwirtschaft besonders wichtig, sagt Heinz Utschig

Etwa 120 bis 140 Festmeter Holz wachsen innerhalb von zehn Jahren in einem Wald. "Davon wird in dieser Zeit maximal zweimal ein ausgewählter Teil gefällt, etwa 60 Festmeter, sodass der Wald nicht zu dicht wächst und wieder Neues entwickelt werden kann", betont Heinz Utschig. Die einzelnen, gefällten Bäume werden zudem vollständig verwertet, wobei die dickeren Stämme zu Bauholz, dünnere Stammteile zu Paletten und Papier verarbeitet werden. Die anteilig kleinste Menge wird als Brennholz verwendet. Mithilfe des abgetrennten Reisigs kann auch die Rückegasse ausgekleidet und der Bodendruck somit um ein weiteres verringert werden.

Die Rückegassen werden mit Reisig ausgelegt, um den Druck auf den Waldboden zu verringern. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dass die Waldpflege manchmal am Anfang noch nicht schön aussehen kann, muss Heinz Utschig zugeben. "Für uns ist das normal, aber in diesem intensiven Erholungsbereich sind sehr viele Leute unterwegs, die bei dem Anblick der Maschinen Sorge um den Wald haben." Daher sei es so wichtig zu erklären, warum die Holzernte betrieben wird. Einigen Buchen am Wegesrand fehlt beispielsweise die Krone. "Sie sind mit Pilzen bewachsen, was meist ein Zeichen dafür ist, dass sie aufgrund ihres Alters von einem Fäulepilz befallen sind und im Inneren etwas nicht mehr stabil ist", erklärt Lisa Pausch.

Was lustig aussieht, ist in Wahrheit ein Indiz für innere Unruhe: Pilzbefall an einer Buche. (Foto: Peter Hinz-Rosin)
Die sogenannten Hochstümpfe bleiben stehen, um Tieren einen neuen Lebensraum zu bieten. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dann müsse man handeln, besonders in so sensiblen Bereichen wie um das Wildschweingehege und an den Waldwegen. Also wurden die Buchen zu Hochstümpfen umgewertet, sodass sie als wertvoller Lebensraum dienen können, aber keine Gefährdung mehr darstellen. "Es ist immer wichtig, einen Kompromiss zwischen Verkehrssicherung und Naturschutz zu finden", so Pausch. Hochstümpfe sehen vor allem dann toll aus, wenn sie zu modern anfangen. Diesen Prozess aktiv zu beschleunigen, um Vielfalt zu gestalten und Strukturen von gesunden schönen Bäumen wie auch modernden Hochstümpfen zu verbinden, sei eine aktive Maßnahme für den Naturschutz, erklärt Lisa Pausch.

Rechtzeitiges Durchforsten verhindert, dass die Bäume zu dicht stehen und instabil werden

Ein besondere Pflege bedarf es bei Fichtenwald, denn stehen die Bäume zu dicht, so verschiebt sich ihre Krone immer weiter nach oben und damit auch ihr Schwerpunkt. Aufgrund der flachen Wurzeln findet die Stabilisierung nämlich in der Krone statt und so wird das Konstrukt durch die Verschiebung des Schwerpunktes zunehmend instabiler und hält sich nur noch gemeinschaftlich durch die benachbarten Bäume, erklärt Pausch. "Damit das gar nicht erst passiert, müssen wir rechtzeitig durchforsten."

Und das wird nun in der Winterjahreszeit gemacht, um bei der Holzernte so bestandsschonend wie möglich zu arbeiten. Grund dafür ist die Winterruhe der Bäume, während welcher sie nicht im Saft stehen. Denn kaum beginnt der Fühlung, so beginnt auch das Wasser wieder zu fließen und lässt die Bäume aktiver werden. "Dann platzt die Rinde viel schneller auf und bildet Einrisspforten für Pilze", erklärt Försterin Pausch. Um das zu verhindern, wird unter anderem auch der Harvester eingesetzt. Er kann die Fallrichtung der Bäume aktiv bestimmen und vermindert somit Streifschäden an den Bäumen. Die Bäume, die der Harvester mit seinen neun Metern Länge nicht erreichen kann, werden ihm schließlich von seinem Beifäller zugefällt, sodass die Maschine sie wieder greifen, herausziehen, entasten und in Stammteile zerlegen kann.

Wo der Harvester die Bäume nicht erreicht, kommt Beifäller Georg Niedermaier zum Einsatz. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Um den Besuchern den Wald trotz der Holzernte zugänglich zu machen, wurde zuerst nur ein kleiner Bereich abgesperrt mit dem Schwerpunkt, den Waldweg wieder sicher zu gestalten. So wird in naher Zukunft die ganze Fläche des Ebersberger Forstes bearbeitet, indem immer wieder einzelne Bereiche abgesperrt und gepflegt werden. "Die Absperrungen sollte man dann unbedingt beachten und zu seiner Sicherheit nicht betreten", erinnert Heinz Utschig. Die Arbeiten werden im Bereich der Sauschütt noch im Februar beendet sein und sich dann weiter südlich ziehen.

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