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Sepp Maier:Wie viel Anzing steckt in der Katze von Anzing?

Sepp Maier vor seinem Brennholzschuppen in Hohenlinden

Immer mit der Rute: Sepp Maier vor seinem Brennholzschuppen in Hohenlinden.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Den meisten ist er als legendärer Torwart bekannt. Die wenigsten kennen den Sepp Maier, der als Kind den Nikolaus und seinen Gehilfen ärgerte. Ein Besuch.

Den Umgang mit Bällen hat er schon damals gepflegt, wenngleich sich die Umgangsformen verändert haben. In den 50er Jahren begann es mit Schneekugeln, damals lebte der Lausbub Josef Dieter Maier mit seinen Eltern und Geschwistern in Haar im Landkreis München. "Und immer wenn der Nikolaus kam, haben wir ihm nachgestellt", erzählt Maier, heute 75, damals zehn. Für den Mann mit der Bischofsmütze und seinen Krampus war es ein schwerer Gang, weil die Maierbuben ihnen Schneebälle hinterherwarfen. "Solange, bis uns der Krampus die Kette nachgeschmissen hat." Was ihm damals durch den Kopf ging? Maier sagt: "Der erwischt mich sowieso nicht."

1998 ist Sepp Maier nach drei Jahrzehnten in Anzing zwei Dörfer weiter nach Hohenlinden gezogen, wo er mit seiner Frau Moni bis heute wohnt. Für seine Beziehung zum Fußball war hingegen die Kindheit in Haar von besonderer Bedeutung. Genauer gesagt: ein Weihnachtsfest. Am Heiligabend 1954 überredete Josef seinen älteren Bruder Horst unter Tränen, die Geschenke zu tauschen: Armbanduhr gegen Lederball. So begann der Weg eines kleinen Geschenkefeilschers hin zu einem 1,85 Meter großen Mann, der sehr ungern eingeschenkt bekam.

Sepp Maier Hohenlinden

Sepp Maier mit seiner Meraner Krippe.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Der zehnjährige Lederball-Knirps sollte später die Nummer 1 der legendären Bayern-Elf werden, die in den Siebzigern dreimal in Folge den damaligen Europapokal der Landesmeister gewinnt. In 13 Jahren in der Nationalmannschaft wird Maier Welt- und Europameister, gilt zeitweise als bester Keeper der Welt. Zuletzt zog sich Sepp Maier aus der Öffentlichkeit etwas zurück, gern nach Südtirol, seinem Zweitwohnsitz. Zeitungen interpretierten dies unlängst so: Aus der Katze von Anzing sei der "Genießer von Meran" geworden.

"Ein schöner Schmarrn ist das", sagt Sepp Maier, der es sich am Nikolaustag daheim in Hohenlinden auf der Couch bequem macht. "Ich war schon immer ein Genießer." Maier erzählt, wie er und seine Mitspieler vom FC Bayern nach Heimspielen am Sonntag um vier Uhr früh das Moulin Rouge oder das Greyhound verließen. "Und um zehn standen wir bereit zum Auslaufen." Nicht so oft, sagt er, "vielleicht zehn Mal im Jahr" - bei 17 Ligaheimspielen. Auf dem Wohnzimmertisch zeigt Maier Fotos aus dieser längst vergangenen Zeit. Heute gilt für Profifußballer eher: Wer feiert verliert. Maier meint: "Wir haben das Geld im Jahr verdient was die heute in fünf Tagen kriegen, da kann man sich schon mal zwölf Jahre zusammenreißen."

Mehr als sechs Jahrzehnte ist es her, seit Sepp Maier zur Adventszeit hinter einem Haarer Gartenzaun mit Wurfgeschossen lauerte. "Manchmal hat uns der Kramperl erwischt, das hat ordentlich blaue Flecken gegeben." An diesem Dezembertag verläuft dass Passieren seines Gartenzauns ohne Zwischenfälle, vielleicht weil gerade noch kein Schnee liegt, oder eben aus Gründen der Seriosität.

Sepp Maier

In den Siebzigern galt Maier zeitweise als bester Torwart der Welt.

(Foto: Privat)

Gleich im Flur hat Maier eine echte Südtiroler Krippe aus Meran stehen, zum ersten Advent stellt er die jedes Jahr auf. Südtirol ist Maiers Urlaubsdomizil geworden. Und Hohenlinden seine Wahlheimat. Eine Doppelhaushälfte mitten im Wohngebiet, so unauffällig wie ein guter Schiedsrichter. Draußen laufen Buben und Mädchen auf der Straße herum und spielen Fangen. Und drinnen fängt Sepp Maier auf seiner Couch an zu erzählen. Wie viel Anzing steckt in der Katze von Anzing?

15 Kilometer westlich von Anzing fing alles an: in Haar, dort spielte Maier beim TSV als Stürmer und fuhr mit dem Moped jeden Tag nach München, wo er Maschinenschlosser lernte. Maier erzählt, wie ihm seine Mutter Maria damals mit dem Fahrrad das Mittagessen brachte. "Soß mit Knedl, Nudelsuppe mit Wiaschtl, Pichelsteiner oder Schmoiznudln", sagt er. Maier wird jetzt etwas leiser in der Stimme. Er erzählt, wie seine Mama starb, da war er 18. Eine schwierige Zeit für Maier, das sieht und hört man ihm an. Er sagt: "Ich bin dann ausgezogen, dann fiel ich immerhin dem Papa nicht mehr zur Last."

Sepp Maier gilt als der Karl Valentin des Fußballs. Doch in diesem Moment ist der Klamauk wie weggeblasen. Maiers langjähriger Weggefährte Franz Beckenbauer sagte einmal: "Seine Heiterkeit hat immer auch einen ernsthaften Hintergrund. Der Sepp braucht sie, um Schwierigkeiten zu überwinden."

Auf seinem Smartphone hat Sepp Maier Dutzende alte Schwarz-Weiß-Fotos, mit Beckenbauer, Uli Hoeneß, Gerd Müller, der Kern der damals besten Mannschaft Europas auf dem Handyschirm, seine Karriere in Taschenformat. Sepp Maier sagt: "Ich hatte schon ein Smartphone, da hatten die anderen noch nicht mal ein Telefon." Der Schalk ist zurück.

Vor einigen Jahren hat Sepp Maier in einem Interview eher scherzhaft gesagt, dass er 100 Jahre alt werden wolle. Jetzt sagt er, auch nicht sonderlich ernst: "Haar, Anzing, Hohenlinden - und der nächste Ort ist der Friedhof." Seine erste Frau hat ihn mit 18 Jahren nach Anzing geführt, wo er einst ein Tenniszentrum aufbaute. "Da hab ich dann gegen den Bulle Roth gespielt", sagt Maier. Franz Roth, sein Teamkollege bei den Bayern, ein Mittelfeldhaudegen, der für seine kraftvolle Spielweise bekannt war. Maier erzählt, dass der damalige Bayerntrainer Zlatko "Tschik" Čajkovski in Roths Laufstil "eine kräftige Kuh" erkannt haben wollte, worauf der Torwart präzisierte: "Trainer, Sie meinen einen Bullen." Im Gegenzug, so glaubt sich Maier zu erinnern, habe Bulle Roth wiederum seinen eigenen Spitznamen erfunden. Norbert Nigbur, Keeper des FC Schalke, nannte man damals ob seiner zupackenden Art den Panther vom Schalker Markt. FCB-Verteidiger Werner Olk hieß wegen seiner Armbewegungen beim Laufen der Adler von Giesing. Und im Tor der Münchner stand nun die Katze von Anzing.

Die Tennisanlage hat Sepp Maier vor zehn Jahren verkauft, als Namensgeber blieb er jedoch erhalten. Bis heute prangt das Schild "Tennispark Sepp Maier" an der Fassade, drinnen hängen Fotos mit Sepp Maier in Tenniskluft. Auf einem Bild duckt er sich vor einer Ladung Tennisbällen weg, wie bei einer Schneeballschlacht, bei der es heißt: Einer gegen alle.

Sepp Maier

Sepp Maier bei seiner Firmung am Schliersee im Jahr 1955.

(Foto: Privat)

Als Torwart hat er Tausende Treffer verhindert. Als Lausbub hat er einige erzielt. Sepp Maier hat viele Schlachten geschlagen, mit Winter- oder Torwarthandschuhen. Aber "nie" mit Woll- oder Thermohandschuhen wie die heutigen Feldspieler, sagt er. Bilder, bei denen der Maier Sepp den Kopf schüttelt, wenn er sie dieser Tage sieht. "Solcherne Weicheier, aber Hauptsache kurze Trikots, damit man die Tattoos sieht", sagt er und verzieht das Gesicht, als würde Jürgen Klinsmann persönlich auf der Türschwelle stehen. Der Fußballtrainer Klinsmann ist für Sepp Maier so etwas wie der Nationalelf-Krampus gewesen. Im Oktober 2004 warf der damalige Bundestrainer den Bundestorwarttrainer nach 16 Jahren im Amt hinaus. Maier schoss damals verbal zurück. Und heute?

15 Jahre später sitzt Maier mit Cordhose und Wollpullover in seinem Wohnzimmer in Hohenlinden. Die Wanduhr tickt, Bilder von August Macke im Treppenhaus, Maier trinkt die zweite Tasse Kaffee und lehnt sich ins Polster. Die alten G'schichten. Warum wieder alles aufwärmen, wo er doch einen Kachelofen im Wohnzimmer stehen hat, und genügend Brennholz draußen im Schuppen. Wenn er spricht, hat er die Mundwinkel meist nach oben gezogen, als läge ihm der nächste Kalauer auf der Zunge. So reinsteigern wie sein früherer Teamkollege Uli Hoeneß werde er sich beim Fußball nicht mehr, sagt er. "Kopf- und Kreislaufmäßig" halte er das für die gesündere Herangehensweise. Weil man sonst "immer so eine rote Birn' aufhat".

Die Cholerik ist das seine nicht, berühmt ist er für Schabernack. Maier führt hinaus in den Garten, wo er die Scheite für seinen Ofen in einem Holzschuppen geschichtet hat. Er nimmt sich einen Besen, der eher einer Rute gleicht, und holt zum Schlag aus. Dann grinst er, als hätte er dem Krampus gerade eine Ladung Schnee übergezwiebelt. Da ist er wieder, der Mann, der einst im Torwarttrikot einer Ente hinterher hechtete, als wäre der Vogel ein Ball.

Die Ente, im Müncher Olympiastadion gegen Bochum, 15. Mai 1976. Maier erinnert sich gut. "Es war a bisserl ein langweilig's Spui", sagt er. Also fing er an, Gras zu zupfen, und das Tier zu locken. Dann hechtete er los. Was auf dem Video von damals nicht zu sehen ist: "Im Bochumer Strafraum hatte Paul Breitner gleichzeitig einen Elfmeter verwandelt." Hinter dem Tor von Maier war aber Breitners Treffer zum 2:0 weniger von Interesse. "Die Zuschauer haben gelacht weil sie mir zug'schaut hamm, ob ich die Antn fang." Der Ball zappelte im Netz - und dennoch hatten gar die Bochumer ihre Freude. Weil die Ente dem Torwart entkam.

Manchmal sieht man ihn mit seiner Frau Moni in Ebersberg im Restaurant sitzen, oder auf dem Ebersberger Golfplatz, "Handycap 6,5", sagt Maier. Im Sommer schaut er gern am Hohenlindener Volksfest vorbei, "auf ein Hendl und eine Mass Bier". Ins Stadion ziehe es ihn hingegen nicht mehr so oft. Man kriegt ja auch so einiges mit, gerade wenn man begabt am Smartphone ist. Die Bayern? "Eigentlich ist nur der Müller Thomas ein echter Bayer", sagt Maier. Mia san mia? Bei der Fluktuation? "Das ist eher ein 'Mia san wieder furt'."

Es waren andere Zeiten, damals in den Siebzigern, als der Kern des FC Bayern und der Nationalmannschaft über Jahre aus den gleichen sechs, sieben Spielern bestand. Als es an der Säbener Straße nicht mehr als 1000 Angestellte gab, sondern unter zehn. "Manager, Präsident, Trainer, Platzwart und Schuster", sagt Maier. "Des hat damals gelangt." Es war die Zeit, als der Krampus noch mit der Route zugehauen hat. Eine Zeit, in der es an Weihnachten etwas ganz Besonderes war, wenn Josef Dieter Maier und seine Brüder runde Pakete aufmachen durften. Selten war ein Fußball drin. "Meistens waren es nur a paar Plätzerl und Nüsse", sagt Maier. "Aber des hat auch gelangt."

© SZ vom 24.12.2019/fema/cat
Fußball "Ein normaler Mensch wird kein guter Torwart, das ist klar"

Zum 75. Geburtstag von Sepp Maier

"Ein normaler Mensch wird kein guter Torwart, das ist klar"

Sepp Maier ist für seine Erfolge bekannt und für seine massentauglichen Scherze beliebt. An diesem Donnerstag wird er 75 - und feiert fernab der Fußballwelt, die ihm fremd geworden ist.   Von Maik Rosner