Hochwasserschutz in Grafing:Kalkuliertes Abfließen

Überschwemmungen im Landkreis - Grafing

Überschwemmte Keller wie hier in der Bahnhofsstraße sind nichts gegen das, was Grafing bei einem sogenannten 100-jährigen Hochwasser erwartet. Mit zwei Regenrückhaltebecken im Westen der Stadt geht es nun mit der Umsetzung eines großangelegten Hochwasserschutzkonzepts los.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das Planfeststellungsverfahren für zwei Rückhaltebecken im Westen der Stadt beginnt. Die Sache wird dauern - und am Ende wohl erst durch ein Gericht entschieden

Von Thorsten Rienth, Grafing

Sollte sich der Himmel über Grafings Westen einmal sintflutartig öffnen, hätte die Stadt ein gewaltiges Problem: Wie durch einen Trichter würde das Wasser durch das Urteltal in Richtung Zentrum drücken - aber von dort nicht mehr so einfach in die Attel ablaufen können. Ein paar Stunden nur und die Stadtmitte wäre großflächig überflutet. Mit zwei großen Regenrückhaltebecken, sogenannten Retentionsflächen, will Grafing im Westen der Gemeinde gegensteuern. Nun startet das Planfeststellungsverfahren mit der öffentlichen Auslegung der Pläne im Rathaus.

Dieses sonst eher von Großprojekten wie etwa der Grafinger Ostumfahrung bekannte Prozedere ist nötig, weil auch das Hochwasserschutzprojekt, nun ja, groß, ist. Hunderte Meter messen die Seitenlängen der Rückhaltebecken. Doch wo die Becken liegen erkennen nur wirklich geübte Augen. Oder exakte 3D-Modelle aus Satellitenbilder. Die Böschungen an den Rändern steigen so langsam, dass die Landwirtschaft die Flächen ganz normal weiternutzen kann. Im Inneren aber schaffen die Konstrukte Platz für Tausende Kubikmeter Hochwasser. Aber die Rechnung ist komplexer.

Zuerst dreht sich bei ihr alles um die Zahl 1,5. So viele Kubikmeter Wasser pro Sekunde kann der Flaschenhals Urtel in der Stadtmitte gerade noch nach Süden zur Attel ableiten, ohne über die Ufer zu treten. Bei einem "HQ100", einem Hochwasser, wie es statistisch alle 100 Jahre vorkommt, fließt etwa das Fünffache von Westen auf die Stadt zu.

Die beiden Becken zwischen der Grafinger "Walche" und der Taglachinger Kläranlage sind deshalb in einer Art Linie innerhalb gefährlichen Hochwasser-Trichters angeordnet. Quer unter den Dämmen führen Abflüsse hindurch. Ihre Lage und Durchmesser regeln, wie viel Wasser maximal vom oberen ins unsere Becken weitergegeben werden kann. Die Planer berechnen sogar mit ein, wie der Wasserdruck mit dem Beckenpegel steigt und folglich auch mehr Wasser durch die Rohre gepresst wird.

Am östlichen Rand des zweiten Beckens, also dem letzten "Damm" vor der Stadt, sind erneut Durchlässe verbaut. Erst wenn ein bestimmter Wasserstand erreicht ist, fließt das Sintflutwasser hindurch. Und auch das wieder nur zu einem bestimmten Volumen pro Sekunde.

Im Mittelpunkt von alldem steht also eine Art hydraulische Verzögerungstaktik. Es geht darum, die für die Innenstadt so bedrohlichen Hochwasserspitzen abzuschneiden, oder besser: Die Spitzen so zu entzerren, dass alles Wasser kontrolliert durch die Stadt in die Attel fließen kann. Und wenn alles kontrolliert abgeflossen ist, trocknen die Rückhaltebecken von selbst. Wie bei normalen Regenfällen.

Allerdings, und an dieser Stelle kommen die Grundstückseigentümer ins Spiel, können ihre Wiesen - je nach Sintflutregenmenge - auch mal ein paar Tage überflutet sein. Schlicht, weil eben nicht mehr als die 1,5 Kubikmeter durch die Stadt passen. Läuft es unglücklich, kann auch mal eine Ernte geringer ausfallen. Freilich sieht das Gesetz für solche Fälle Entschädigungszahlungen vor.

"Ich hoffe, es gibt keinen Streit", sagte CSU-Fraktionschef Max Graf von Rechberg vor ein paar Wochen, als die Sache im Bauausschuss formal auf den Weg gebracht worden war. Es dürfte ein Wunsch bleiben. "Mit diesen Planungen saufe ich ab", hatte einer der Eigentümer durch den Stadtrat gerufen, als dort vor drei Jahren die ersten Skizzen auf der Leinwand erschienen. Er werde das Vorhaben verhindern, wo er nur könne. "Da können Sie sicher sein." Das klingt nach einer Klageankündigung gegen den Planfeststellungsbeschluss - noch bevor das Planfeststellungsverfahren so richtig angelaufen ist.

Die Pläne liegen bis Ende Mai zu den Öffnungszeiten im Rathaus zur Einsichtnahme aus. Als nächstes will die Stadt mit den Planungen für ähnliche Rückhaltebecken im Norden Grafings beginnen. Hier sollen es womöglich gar drei Becken werden.

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