Süddeutsche Zeitung

Überschwemmungsgefahr in Kirchseeon:"Ich will nicht, dass die absaufen"

Lesezeit: 4 min

Unter den Grundstücken von Oliver Gampe und Günther Nutschel soll der Hochwasser-Abfluss für die Nachbarn ausgebaut werden. Ihr Dilemma: Damit riskieren sie, dass ihre eigenenHäuser abrutschen.

Von Andreas Junkmann, Kirchseeon

"Wir wollen nicht als die Blockierer dastehen", sagen Oliver Gampe und Günther Nutschel. Die beiden Nachbarn wohnen im idyllisch gelegenen Osterseeon, einem Ortsteil des Marktes Kirchseeon. Normalerweise ist dort inmitten der Wiesen und Wälder im Südosten der Gemeinde nicht allzu viel geboten - außer an den Tagen, an denen das Wasser kommt. Dann nämlich verwandelt sich das Rinnsal namens Seeoner Bach in einen ausgedehnten Stausee, Häuser und Zufahrtsstraßen werden überflutet, das Moos geht unter. Oliver Gampe und Günther Nutschel könnte all das eigentlich relativ egal sein, denn sie wohnen geschützt auf einem Hügel. Bis zu ihren Grundstücken steigt der Pegel nicht - und dennoch steht den beiden das Wasser bis zum Hals.

Davon ist zunächst wenig zu sehen, als die Nachbarn an einem sonnigen Tag Ende Mai zu sich nach Hause in Osterseeon laden. Doch das Problem liegt tief - im wahrsten Sinne des Wortes. Unter Gampes und Nutschels Grundstücken nämlich verläuft jenes Rohr, das eigentlich die nötige Entlastung bei Hochwasserlagen bringen soll. Dieses war bereits seit Jahren arg sanierungsbedürftig, nach einer Kamerabefahrung im Sommer 2019 stand dann endgültig fest: Die Gemeinde muss sofort handeln oder die Bewohner im Moos gehen beim nächsten Starkregen baden. Dazu sollte ein neues Rohr in das bestehende eingeführt und zusätzlich eine zweite Leitung - ein sogenannter Bypass - gelegt werden. Zusammen hätten beide Durchlässe dann die selbe Menge an Wasser ableiten können wie das bisherige Rohr.

Doch daraus wurde nichts. An dieser Stelle der Geschichte kommen nun Oliver Gampe und Günther Nutschel ins Spiel, die ein Veto gegen die Pläne der Gemeinde einlegten - und das aus gutem Grund, wie sie vor Ort erklären. Der Bypass hätte direkt unter den Grundstücken der beiden gegraben werden sollen, hinein in ein Erdreich, das laut eines früheren Gutachtens als "breiig" und "nicht tragfähig" eingeschätzt worden ist. "Das trägt nicht unbedingt zum Sicherheitsgefühl bei", sagt Oliver Gampe, dem die Ergebnisse der Probebohrungen von 2015 vorliegen. Es habe Jahre gedauert, bis das Gutachten überhaupt fertiggestellt war. Versuche, sich mit dem damaligen Bürgermeister Udo Ockel und der ausführenden Baufirma auszutauschen, hätten sich als schwierig gestaltet. "Wir sind immer wieder versetzt worden", sagt Gampe. Nachbar Günther Nutschel ergänzt: "Man kommt sich verarscht vor."

Dabei haben die beiden Männer durchaus Interesse daran, den Hochwasserschutz im Kirchseeoner Moos voranzutreiben. "Meine Schafkopf-Freunde versinken im Wasser. Ich will nicht, dass die absaufen", sagt Nutschel, der genauso wie Oliver Gampe nun fürchtet, im Ort als Buhmann dazustehen. Die derzeitige Situation aber ist für alle Seiten unbefriedigend. Da die Gemeinde den Bypass nicht ohne Einwilligung der beiden Nachbarn bauen darf, bleibt zum Schutz der tiefer gelegenen Anwohner nur das sanierte Rohr - das nun aber einen deutlich geringeren Durchmesser hat und entsprechend weniger Wasser von der Marktgemeinde aus in Richtung der Stadt Grafing ableiten kann.

Diese heikle Lage wollte die Gemeinde eigentlich unbedingt verhindern und hat den beiden Nachbarn auch Geld geboten, um den Bypass verlegen zu dürfen. Etwa 500 beziehungsweise 1000 Euro sollten Gampe und Nutschel bekommen - und dafür ein schwer kalkulierbares Risiko tragen. "Wir haben einfach die Sorge, dass das absackt", sagt Nutschel. Das müsse ja nicht sofort passieren, sondern könne auch erst in ein paar Jahren der Fall sein. Eine Angst, die selbst Bürgermeister Jan Paeplow (CSU) nachvollziehen kann. Das Risiko von Gebäudeschäden sei bei solchen Maßnahmen nie ganz auszuschließen, sagte der Rathauschef in einer Gemeinderatssitzung Ende März, als es mal wieder um den Hochwasserschutz in Osterseeon ging. Ihre Grundstücke jedenfalls würden durch die Grabungen im Erdreich deutlich an Wert verlieren, sind Gampe und Nutschel überzeugt.

Zumal die beiden Zweifel an der Seriosität der Planung hegen, und damit nicht alleine dastehen. In einer Gemeinderatssitzung kritisierte Rüdiger Za (Grüne) die Arbeit des ausführenden Büros jüngst als "grottenschlecht". Er wolle die Planer in Kirchseeon nicht mehr sehen, sagte der Gemeinderat, der selbst im Moos wohnt. Auch Gampe und Nutschel erzählen von recht fragwürdigen Vorgängen rund um das Hochwasser-Rohr. So sollten vor Jahren ihre Häuser vermessen werden. Die dafür angebrachten orangefarbenen Aufkleber sind heute noch an der Hauswand zu sehen - passiert ist allerdings nichts. Günther Nutschel stört sich zudem an der Idee, das Wasser über den Hügel nach oben abzuleiten. Der Bypass nämlich sollte auf einer Länge von 100 Metern eine Steigung von einem halben Meter überwinden. "Ich bin nicht überzeugt, dass das funktioniert."

Die beiden Anwohner begrüßen deshalb die neuen Bestrebungen des Marktes, statt auf den Bypass zu drängen, lieber nach der Ursache der regelmäßigen Überflutungen zu suchen. Die Erstellung eines entsprechenden Gutachtens hatte der Gemeinderat im März in Auftrag gegeben. In der Zwischenzeit soll eine mobile Pumpe angeschafft werden, die im Notfall überschüssiges Wasser aus dem Ortsteil entfernt. Gampe und Nutschel könnten sich auch die Aushebung eines Baggersees im Moos vorstellen, der das Wasser auffangen könnte. "Das wäre wenigstens was Langfristiges", sagen die beiden.

Doch selbst gegen die Bypass-Lösung würden sich die Anwohner nicht mit allen Mitteln spreizen. Es sei vor allem eine Frage der Herangehensweise. Wenn sich alle anderen Optionen als nicht umsetzbar herausstellten, könne man darüber durchaus nochmal reden, sagt Günther Nutschel. Dann brauche es aber eine seriöse Planung, die den beiden Nachbarn auch die nötige Sicherheit verspricht. "Nach allem, was geschehen ist, haben wir einfach kein gutes Gefühl", ergänzt Oliver Gampe.

Nun liegt es also an der Gemeinde, entweder eine Alternative für den Hochwasserschutz zu finden, oder den beiden Nachbarn das verloren gegangen Vertrauen zurückzugeben. "Wir werden nie die perfekte Lösung finden", sagt dazu Bürgermeister Paeplow. Die Gegend sei einfach ein Hochwassergebiet, nun gehe es darum zu schauen, wie man die Situation verbessern könne. Bis dahin werden die Bewohner im Kirchseeoner Moos aber wohl noch häufiger einen bangen Blick Richtung Himmel werfen, wenn wieder mal dunkle Regenwolken über dem Markt aufziehen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5308621
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 01.06.2021
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.