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Neue Publikation aus Ebersberg:Von Rachsucht und Widerstand

Das Jahrbuch des Historischen Vereins für den Landkreis Ebersberg bietet wieder allerlei lesenswerte Beiträge, beleuchtet werden Geschehnisse vom 15. Jahrhundert bis heute.

Von Nathalie Stenger

Sie trägt ein langes Kleid und geschlossene Haare, er eine Uniform mit Hut. Hinter ihnen steht ein Ziegelhaus mit der Aufschrift "Eglharting" - ihr Zuhause und gleichzeitig die Bahnstation. Die Aufnahme ist nicht sehr scharf, Gesichtszüge sind schwer zu erkennen, aber die Blicke des Paares scheinen direkt in die Kamera gerichtet zu sein. Fast so, als hätten die beiden bereits geahnt, dass sie dereinst das Cover des Jahrbuchs des Historischen Vereins für den Landkreis Ebersberg schmücken würden.

Selbstverständlich ist die Aufnahme um das Jahr 1890 nicht aus diesem Grund entstanden, das Bahnhofsvorsteher-Ehepaar macht sich dennoch gut auf dem dunkelgrünen Einband von "Land um den Ebersberger Forst". Bereits zum 22. Mal erscheint das Buch, seit der Vereinsgründung gibt es jedes Jahr es eine weitere Ausgabe, "mit Geschichtsbeiträgen von Mitgliedern sowie Außenstehenden", erklärt der Vorsitzende Bernhard Schäfer. Viele Texte seien Ergebnis der Vereinsarbeit aus dem vorhergehenden Jahr, so Schäfer weiter, "teilweise sind es aber auch verschriftlichte Vorträge von Veranstaltungen, die mir gut gefallen haben". Dann gehe er auf die Referenten zu und frage nach einem Aufsatz für das Jahrbuch. So sei es normalerweise. Dieses Jahr aber gab es freilich aufgrund der Pandemie keine Vorträge, außerdem ist die aktuelle Ausgabe deswegen später erschienen.

Nun aber kann jeder selbst einen Blick in die 248 Seiten werfen. Die Arbeit des Bahnhofspaares Josef und Maria Enders und Geschehnisse rund um Eglharting und Kirchseeon auf der Zugstrecke München - Rosenheim, zusammengestellt von Hans Sichler, sind nur ein kleiner Teil dessen, was Geschichtsinteressierte in dem Buch erfahren und lernen können. So beginnt die Zeitreise für Leserinnen und Leser mit einem Sprung ins 15. Jahrhundert, indem Ferdinand Steffan einer unbekannten Linie der Hirschauer zu Hirschberg auf Hirschbichl nachgeht. Der nächste Aufsatz von Willi Kneißl handelt vom Werk und Leben des Kirchenmalers und Bildschnitzers Anton Vicelli, der von 1698 bis 1733 in Markt Schwaben lebte. Thomas Freller schreibt über die Malteser und das Kloster Ebersberg, Peter Maicher über den Zornedinger Abgeordneten Anton Grandauer und Stefan Trinkl über den Anzinger Ökonomiepfarrer und Schriftsteller Andreas Scheuerecker. Der Geschichte des "Apfelpfarrers" Korbinian Aigner, Widerständler zu NS-Zeiten, widmet sich Monika Mündel, Georg Weilnböck hat sich der Grafinger Marktkirchen-Krippe angenommen. Antje Berberich beschreibt die Entwicklung der protestantischen Gemeinde und den Kirchenbau in der Kreisstadt, und Gottfried Mayr hat erstaunliche Daten rund um ein Haberfeldtreiben in Sauerlach zusammengetragen.

Auch eine Rubrik "Mitteilungen und Notizen" gibt es in dem Buch. Hier ist ein Bericht über das 750-Jährige Bestehen des Dorfs Forstseeon zu finden, außerdem würdigen Nachrufe das Wirken zweier Bürger aus dem Landkreis: Ernst Weeber schreibt über den im vergangenen Jahr verstorbenen "Perschtenvater" von Kirchseeon, Hans Reupold, und Eva Niederreiter-Egerer über den ebenfalls 2019 verstorbenen Kirchenbauer Franz Lichtblau.

Wie der Name "Land um den Ebersberger Forst" schon verrät, geht es in den Aufsätzen manchmal auch um Vorkommnisse außerhalb der Landkreisgrenzen. Besonders, wenn Ebersberger in die Sache verwickelt sind. So beschreibt Gottfried Mayr in "Das gekaufte Haberfeldtreiben" ein Geschehen in Sauerlach in der Nacht des 26. auf den 27. Oktober 1895. Auszüge aus der Anklageschrift des königlichen Staatsanwalts - schwungvolle Schriftzüge auf vergilbtem Papier - erlauben Einblicke in das Ereignis, Namen, Geldbeträge und Urteile werden hier fein säuberlich aufgelistet. Geldbeträge deshalb, weil das Haberfeldtreiben - ein oftmals inoffizielles Rügegericht - offenbar von dem damaligen Sauerlacher Bürgermeister in die Wege geleitet und sogar bezahlt worden ist. Um die Personen bloßzustellen, "die er in seiner persönlichen Rachsucht treffen wollte", schreibt der Autor. Mehr als 20 Seiten beinhaltet das Kapitel, sogar die altertümlichen Verse, die damals laut vorgetragen worden sind, können nachgelesen werden. Sie bestätigen, was Bernhard Schäfer im Vorwort des Jahrbuchs schreibt: Dass die "allgegenwärtige Verbreitung von Hass und Hetze, von Lügen und Verleumdungen" keine neue Erscheinung sei.

Ebenfalls lang und informativ ist der Aufsatz von Antje Berberich. Das 60-Jährige Bestehen der Heilig-Geist-Kirche in Ebersberg gibt ihr Anlass, zurückzublicken, schreibt Bernhard Schäfer vorneweg, "auf das, was einst als protestantische Diaspora-Gemeinde im Herzen des katholischen Altbayerns begann und sich durch die Zeitläufe des 20. Jahrhunderts zu einer blühenden evangelisch-lutherischen Pfarrei entwickelte". Neben historischen Eckdaten - ein Beispiel: 1867 gibt es in Ebersberg zehn Protestanten - verdeutlichen Grundrisse und Porträts die Entstehung der Heilig-Geist-Kirche in der Kreisstadt. Abbildungen erinnern an die Montage des Engels auf dem Glockenturm, Luftaufnahmen zeigen die eben erst fertiggestellte Kirche von oben und die ehemals unbebaute Umgebung. Des Weiteren folgen Daten zum Bau des Gemeindehauses und zum ersten integrativen Haus für Kinder im Landkreis, die Arche.

Anfangs war das Jahrbuch des Historischen Vereins ein kleines Heft. "Inzwischen ist es ein Selbstläufer", sagt Schäfer, es sei schwierig, alle Beiträge unterzubringen. "Auch die nächste Ausgabe ist schon voll." 500 Exemplare gibt es, 217 davon gehen an die Vereinsmitglieder. Historiker Schäfer übrigens lektoriert die Beiträge für die Jahrbücher in seiner Freizeit. Sicher keine leichte Aufgabe: "Das Buch geht nach München in die Staatsbibliothek und in Geschichtsarchive. Das muss alles Hand und Fuß haben."

"Land um den Ebersberger Forst - Beiträge zur Geschichte und Kultur": Für 19,90 Euro erhältlich in den örtlichen Buchhandlungen, im Museumsladen in Grafing, beim Verein unter (08092) 33 63 73 oder www.ebersberger-historie.de.

© SZ vom 12.12.2020
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