Süddeutsche Zeitung

Historische Entdeckung in Glonn:Der Arm des Widerstands

Hitler-Attentäter von Stauffenberg wurde von Chirurg Max Lebsche aus Glonn behandelt. Das hat Heimatforscher Hans Obermair nun herausgefunden

Von Anja Blum

Dass das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler einst scheiterte, ist traurige Gewissheit. Doch wer weiß, vielleicht wäre es gar nicht erst zu dem waghalsigen Versuch gekommen, wäre der deutsche Offizier nicht zuvor in München Max Lebsche begegnet. Wie der Glonner Heimatforscher Hans Obermair nun herausgefunden hat, war von Stauffenberg mehrere Wochen, möglicherweise sogar Monate, bei dem Professor aus Glonn in Behandlung. Dabei erhielt der Patient vermutlich nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch moralischen Zuspruch, denn "Lebsche war ein Widerständler", davon ist Obermair zutiefst überzeugt. Der Glonner habe von Stauffenberg ganz sicher darin unterstützt, etwas gegen Hitler zu unternehmen. "Ob er die Initialzündung war, weiß ich nicht - aber zuzutrauen wäre es ihm", sagt der Lebsche-Kenner. Am 20. Juli 1944, vor knapp 75 Jahren also, nahm das Schicksal dann seinen unheilvollen Lauf.

Obermair, selbst geboren 1939, hat mit seinen Recherchen weitgehend neues Terrain betreten. Umfänglich bekannt war bislang lediglich, dass Stauffenberg Patient von Professor Ernst Ferdinand Sauerbruch war, einem der bedeutendsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts und zu diesem Zeitpunkt Chef der Charité in Berlin.

Zur Vorgeschichte: Von Stauffenberg wird von 1926 an zum Offizier ausgebildet und verrichtet bei der Reichswehr seinen Dienst, 1943 in Rommels Afrika-Armee. Am 7. April wird er schwer verwundet: Von Stauffenberg verliert sein linkes Auge, seine rechte Hand, sowie Ring- und Zeigefinger der linken. Nach Lazarettaufenthalten in Afrika kommt er bereits am 21. April ins Lazarett I nach München, dessen chirurgische Abteilung Lebsche leitet.

Der Universitätsprofessor Max Lebsche (1886 bis 1957) wird in Glonn nur der "Doktormax" genannt - sein ihm liebster, weil von Kindheit an vertrauter Titel, schließlich arbeitet bereits Vater Max Lebsche als Arzt. Der Sohn besucht die Volksschule in Glonn, danach das Wilhelms-Gymnasium in München, studiert dort und in Würzburg Medizin, promoviert summa cum laude über Wunddesinfektion. Den Ersten Weltkrieg verbringt Lebsche in einer Sanitätskompanie an der Westfront. Danach wird er an der Chirurgischen Universitätsklinik in München Assistent von Sauerbruch, der Lebsche eine Sonderstellung an der Klinik einräumt und eng mit ihm zusammenarbeitet. So bemerkt er einmal: "Ich würde mich nur von meinem Freund Lebsche operieren lassen."

Der Glonner Arzt ist ein Freund des offenen Wortes, seine Reden sind getragen von hoher sittlicher Verantwortung: "Jeder von uns kann sicher noch mehr lächeln, noch mehr schenken, noch mehr verzichten, noch mehr verzeihen und noch mehr danken." Während der Diktatur wird Lebsche aus dem Staatsdienst entlassen, gegen ihn sprechen seine offene Gläubigkeit, eine unbeirrbare Treue zum Königshaus und seine Hilfe für jüdische Kliniken und Patienten. Vor weiteren Repressionen schützen ihn jedoch sein internationales Renommee und die Unentbehrlichkeit als Chirurg. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs meldet Lebsche sich freiwillig zum Kriegsdienst im Lazarett - wo er von Stauffenberg begegnet. "Über das Unheil des Krieges, die Züge von Verwundeten, die bei ihm ankamen, hat Lebsche wohl bitterlich geweint", sagt Obermair. "Oft war er in der Kapelle, um zu beten, ansonsten hat er bis zum Umfallen operiert."

Ein ganz besonderes Buch ließ Obermair die Verbindung Max Lebsches zu dem Widerstandshelden entdecken: Konstanze von Schulthess-Rechberg, geborene Gräfin von Stauffenberg, schrieb bereits vor zehn Jahren ein Porträt über ihre Mutter, Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg. Darin erzählt sie, dass ihr Vater einst von Professor Lebsche operiert worden sei. Und der Stauffenberg-Biograf Peter Hoffmann berichte, so Obermair, dass dies Peter Sauerbruch, der Sohn des großen Arztes, veranlasst habe, weil er Lebsche für den besten Fachmann hielt.

Denn bei der Behandlung von Stauffenbergs ging es wohl unter anderem auch um die Versorgung mit einer sogenannten "Sauerbruchhand", einer besonderen, rudimentär beweglichen Armprothese, die der namensgebende Chirurg bereits 1916 entworfen und Lebsche später weiterentwickelt hatte. Nach seinem Tod sollte sich herausstellen, dass Lebsche mehr als tausend Amputierten mit seiner Wiederherstellungschirurgie die Möglichkeit gegeben hat, in ihrem Beruf zu bleiben. Außerdem hatte er - aufgrund von mehr als 2000 Untersuchungen an Unterarmamputierten - Richtlinien für die prothetische Versorgung erarbeitet. "Deshalb wurde ihm die größte Welterfahrung auf diesem Fachgebiet bestätigt", so Obermeir.

Die Behandlung des verletzten von Stauffenbergs allerdings konnte Lebsche in München nicht abschließen, unter anderem wegen Splitter, die zu Eiterungen führten, wie Obermair erklärt. Nach Lazarettaufenthalten und Heimaturlauben wurde der Offizier im September 1943 nach Berlin versetzt. Bei einem mehrwöchigen Aufenthalt bei Professor Sauerbruch in der Berliner Charité konnte er schließlich mit einer Prothese versorgt werden: Von Stauffenbergs "Lederhand" ist bis heute auf einschlägigen Fotos zu sehen. Fest steht außerdem, dass der Offizier nach seiner Übersiedelung nach Berlin bewusst Kontakt zu Hitlergegnern suchte.

Seine Frau Nina von Stauffenberg berichtet im Buch der Tochter, dass der Münchner Professor ihren Gatten auf eine bayerische-österreichische Nachkriegslösung angesprochen habe. "Also wurde zwischen Stauffenberg und Lebsche über den Widerstand, wenn nicht gar über eine Beseitigung Hitlers gesprochen", schlussfolgert Heimatforscher Obermair. "Wer sich näher mit dem Leben von Professor Lebsche befasst hat, wird dies für wahrscheinlich halten."

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SZ vom 04.07.2019
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