Aktiv werden für die Ukraine„Diese Pakete tragen Liebe in sich“

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Kerstin Bockler, Mitglied im Vorstand der Kolpingsfamilie Ebersberg, und ihre Kinder Katharina (17) und Thomas (12) packen Familienpakete für Menschen in der Ukraine mit Lebensmitteln und einer persönlichen Botschaft.
Kerstin Bockler, Mitglied im Vorstand der Kolpingsfamilie Ebersberg, und ihre Kinder Katharina (17) und Thomas (12) packen Familienpakete für Menschen in der Ukraine mit Lebensmitteln und einer persönlichen Botschaft. Christian Endt

Die Kolpingsfamilie Ebersberg sammelt Familienpakete für Menschen in der Ukraine, Abgabe ist am 26. April. Für die Lebensmittel mit persönlicher Botschaft findet Vasyl Savka, Geschäftsführer des ukrainischen Kolpingwerks, dankbare Worte.

Von Michaela Pelz, Ebersberg

„Was fehlt noch?“, ruft Thomas seiner Schwester zu: „Reis, Mehl und Zucker haben wir schon!“ Die beiden Geschwister tauschen sich nicht etwa über den Wocheneinkauf aus. Sie packen Pakete. Nicht für Verwandte oder Freunde, sondern für völlig unbekannte Menschen in der Ukraine. Der Zwölfjährige und die 17-jährige Katharina sind im Einsatz für die Hilfsaktion der Kolpingsfamilie Ebersberg und hoffen, dass sich noch zahlreiche andere beteiligen und am 26. März ganz viele Pakete mit Lebensmitteln und Botschaften im Katholischen Pfarrheim in Ebersberg abgeben werden.

2024 hatte ihre Mutter Kerstin Bockler, Mitglied im Vorstand der Kolpingsfamilie Ebersberg, von einem alten Freund aus der Kolpingjugend von dessen Hilfsgütersammlung in Limburg erfahren. „Ich dachte sofort, da machen wir mit!“, sagt die fünffache Mutter, „verdrängen kann man den Krieg und das Leid der Menschen ja nicht und auch die Kinder beschäftigt das sehr.“ Gerade für Kinder und Jugendliche sei es in Zeiten mit so vielen Ereignissen, auf die sie keinen Einfluss haben, immens wichtig, aktiv werden zu können.

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In Ebersberg stieß die Idee gleich auf Zustimmung: In Kooperation mit dem Kolpingwerk Limburg wurden im vergangenen Sommer Lebensmittel, Schulranzen und Kinderkleidung verschickt, Mitte November tat man sich für die Weihnachtspakete mit der Poinger „Osteuropahilfe“ zusammen. Drei Tonnen Hilfsgüter konnten so auf den Weg gebracht werden, gespendet von Menschen jeden Alters und verschiedenster sozialer Hintergründe.

Die Biologin Bockler, derzeit als Familienreferentin für das Kolpingwerk in München tätig, steht in engem Kontakt mit Vasyl Savka, der alles vor Ort koordiniert. Obwohl der Ukrainer nie in Deutschland gelebt hat, spricht und schreibt er die Sprache perfekt. „Ich habe in Czernowitz Germanistik und Sprachwissenschaften studiert, wollte eigentlich als Lehrer für Deutsch und Englisch arbeiten“, erklärt er. Stattdessen fing der 45-Jährige 2003 bei Kolping an, ist mittlerweile Geschäftsführer des ukrainischen Kolpingverbandes und Vorsitzender von Kolping Europa.

Vasyl Savka vom ukrainischen Kolpingverband koordiniert die Hilfe vor Ort.
Vasyl Savka vom ukrainischen Kolpingverband koordiniert die Hilfe vor Ort. privat

Per E-Mail gibt Savka einen Einblick in das, was ihn bewegt. Er schildert, wie die vergangenen drei Jahre für ihn wie wohl für alle im Land geprägt waren von einem ständigen Spannungsfeld – zwischen Erschöpfung und Hoffnung, zwischen Angst und Verantwortung. „Persönlich hat der Krieg mich verändert. Ich spüre eine Müdigkeit, manchmal auch eine Ohnmacht. Aber gleichzeitig ist da eine neue Form von Entschlossenheit in mir gewachsen“, erläutert er. Die Frage „Was kann ich tun?“ sei zu einem inneren Antrieb geworden. Er habe gelernt, mit weniger auszukommen, mit mehr Unsicherheit zu leben – aber auch, tiefer zu vertrauen. „Was mich trägt, ist der Glaube an das Gute im Menschen und die Überzeugung, dass unsere Arbeit bei Kolping Ukraine einen Unterschied macht“, lässt er wissen.

Genau das motiviert auch Bockler und ihre Mitstreiter. Man könne den eigenen Kindern durch solche Initiativen mitgeben: „Das große Ganze in der Welt kann ich persönlich vielleicht nicht ändern, aber ich kann kleine Schritte vor Ort tun, um in die richtige Richtung zu gehen.“ Danach berichtet die 48-Jährige von einem Gespräch mit Sohn Thomas beim Mittagessen. Aufgrund einer Knieverletzung musste der Sechstklässler sein Ferien-Fußballcamp absagen; auch wird er die nächste Zeit nicht einfach nach draußen gehen und mit seinen Freunden spielen können. „Dann haben wir überlegt: Für ihn wird dieser Zustand ein oder zwei Wochen dauern. Andere können das schon seit drei Jahren nicht mehr unbeschwert tun.“

„Und jeden Tag fragt man sich: Werde ich morgen noch von ihnen hören?“

Ständige Ungewissheit ist auch eines von Savkas Themen. Er schreibt: „Man gewöhnt sich nie daran, mit der Angst zu leben – besonders um die Menschen, die einem nahestehen und direkt an der Front oder in stark betroffenen Kriegsgebieten sind.“ Viele der Menschen, mit denen er befreundet ist, die er kenne oder die aus dem Kollegenkreis stammen, leisteten Dienst oder seien als Helfer in extrem gefährlichen Situationen tätig. „Und jeden Tag fragt man sich: Werde ich morgen noch von ihnen hören?“

Es sei dies eine Angst, die sich „tief ins Herz frisst“. Sie werde begleitet von der Ohnmacht, nichts tun zu können, außer zu hoffen und weiterzumachen. „Gleichzeitig sehe ich, wie sehr auch die Zivilbevölkerung leidet – Menschen, die geflohen sind, die alles verloren haben. Familien, die getrennt wurden. Kinder, die seit Monaten keinen sicheren Ort erlebt haben.“

Vor allem die Kinder leiden unter dem Krieg, hier ein Bild von einer Hilfsaktion in der Region Mykolaiv im vergangenen Oktober.
Vor allem die Kinder leiden unter dem Krieg, hier ein Bild von einer Hilfsaktion in der Region Mykolaiv im vergangenen Oktober. privat

Genau diese Kinder sollen von den „Familienpaketen“ profitieren, für die neben Grundnahrungsmitteln und Drogerieartikeln (eine genaue Liste findet sich auf der Internetseite der Kolpingsfamilie Ebersberg) explizit auch um Spielsachen und Süßigkeiten gebeten wird. Außerdem sollen in das Paket auch persönliche Botschaften.

„Wir haben beim Abendessen gemeinsam überlegt, welche Bedeutung der Inhalt für uns hat“, berichtet Katharina. Darum sind neben Thomas’ Lieblingstee und dem Pudding „Glücksmomente“, den die Oma immer kocht, auch Gummibärchen dabei, die es in der Familie stets bei Ausflügen gibt. „Und Kakao, der mit Marshmallows Teil des Rituals ist, wenn wir uns zum Reden mit der Mama hinsetzen“, fügt die Elftklässlerin hinzu. Diese kleinen Geschichten haben die Kinder aufgeschrieben, von einer Software im Internet ins Ukrainische übersetzen lassen und dann ausgedruckt. Schnell noch eine kleine Zeichnung drauf, dann fehlt nur noch die Unterschrift.

Katharina Bockler und ihr Bruder Thomas haben für die Kinder in der Ukraine kleine, persönliche Geschichten zu den  Inhalten ihrer Pakete verfasst ...
Katharina Bockler und ihr Bruder Thomas haben für die Kinder in der Ukraine kleine, persönliche Geschichten zu den  Inhalten ihrer Pakete verfasst ... Christian Endt
... und von einer Software ins Ukrainische übersetzen lassen.
... und von einer Software ins Ukrainische übersetzen lassen. Christian Endt

Das alles bedeutet für die Menschen vor Ort eine Menge, wie Savka betont. Nicht nur praktische Hilfe, sondern tiefe emotionale Unterstützung: „In einer Zeit, in der so viele Strukturen zerfallen sind, ist jede Hilfe aus Deutschland ein Zeichen: Ihr seid nicht vergessen. Für viele ist das der Unterschied zwischen Resignation und Zuversicht. Wenn ein Lkw mit Hilfsgütern ankommt, spürt man eine besondere Atmosphäre – es ist wie ein Aufatmen. Menschen sagen oft: Diese Pakete tragen Liebe in sich.“ Die Helfenden wiederum spürten „ein Gefühl von Verbundenheit, das uns trägt“.

Die können sie gut brauchen, wenngleich es, so Savka, auch unglaublich schöne, bewegende Momente gäbe. „Wenn ich sehe, wie Menschen sich gegenseitig stützen, wie Nachbarn füreinander kochen, wie ein einfaches Spiel ein Kind wieder zum Lachen bringt – dann weiß ich: Hoffnung ist ansteckend.“ Er selbst schöpfe Hoffnung aus der Solidarität, die er „aus der Ukraine heraus, aber auch durch Partner wie Kolpingverbände in Deutschland, Polen, Rumänien, Litauen, Österreich, aus der ganzen Welt“ erlebe.

Kolpingverbände aus zahlreichen europäischen Ländern unterstützen die Menschen in der Ukraine, hier ein Bild von der vergangenen Weihnachtsaktion.
Kolpingverbände aus zahlreichen europäischen Ländern unterstützen die Menschen in der Ukraine, hier ein Bild von der vergangenen Weihnachtsaktion. privat

Die soll sich bei der April-Aktion, bei der die Ebersberger mit dem Kolping-Bezirksverband Augsburg kooperieren, aber nicht nur in Paketen zeigen. Gesammelt wird auch Ausstattung für ein Krankenhaus in Beryslav in der Region Cherson auf dem rechten Dnipro-Ufer, etwa 1,5 Kilometer entfernt von der besetzten Gegend. Es wurde vollständig durch russische Raketen- und Bombenangriffe zerstört. Nun zieht das medizinische Personal in einen etwas sichereren Ort um, um dort die medizinische Versorgung weiterhin aufrechtzuerhalten.

Neben Krankenhausnachttischen brauche man hier vor allem Dieselgeneratoren mit der Leistung zehn bis zwölf Kilowatt. „Sollte also jemand einen im Keller haben, den er nicht mehr braucht oder Kontakt zu jemandem haben, der solche Geräte herstellt oder vertreibt und uns beim Erwerb entgegenkommen kann, bitte melden!“, sagt Bockler.

Am Ende hat sie noch einen Hinweis für alle, die zwar helfen wollen, aber keine Pakete packen können. „Wir freuen uns auch immer über Geldspenden!“ Allerdings sei ihr lieber, diese würden auf das Konto der Kolpingsfamilie überwiesen, statt wie unlängst bar in ihrem privaten Briefkasten zu landen. Ein Spender habe dort 1000 Euro deponiert, zusammen mit einer handschriftlichen Notiz, dass er damit die Hilfsaktion unterstützen wolle, aber ohne Absendernamen. „Wenn er das liest, was ich hoffe, möchte ich mich herzlich für die großartige Hilfe bedanken!“

Ukraine-Hilfstransport der Kolpingsfamilie Ebersberg, Abgabe Samstag, 26. April, 10 bis 12 Uhr, Sammelstelle Pfarrheim St. Sebastian, Baldestraße 18, Ebersberg. Weitere Infos gibts online unter www.kolpingsfamilie-ebersberg.de.

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