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Wasserburger Ganserhaus:Ein in Holz gegossener Fluss

Heiko Börner schafft Skulpturen, die die Beschaffenheit des Materials hinterfragen. Seine Ausstellung kann nun virtuell besichtigt werden

Linde 15/08 windet sich um sich selbst. Ein hochkantiger Quader, der zu einem Schneckenhaus zu werden scheint. "Linde 15/08" ist ein 57 Zentimeter hoher Block aus massivem Lindenholz, wiegt vermutlich mehrere Kilo und doch scheint das Holz, ein eigentlich so statisches Material, in Bewegung zu sein, sich zu dehnen wie ein Kaugummi, den unsichtbare Kräfte auseinander gezogen haben.

Diese Kräfte sind die Motorsäge und die Schnitzeisen von Heiko Börner. Der in München lebende Künstler stellt derzeit im Wasserburger Ganserhaus seine Holzskulpturen aus, die manchmal nur so groß sind wie ein Unterarm, und dann wieder an die zwei Meter in die Höhe wachsen. "Flow" heißt die Ausstellung - und jedes gezeigte Werk fängt einen Moment zwischen einem Davor und einem Danach ein. Ein in einer bildhauerischen Momentaufnahme gefangener Flow, ein in Holz gegossener Fluss.

Holz ist Heiko Börners Hauptmaterial. Er arbeitet damit, seit er während des Ingenieurstudiums gemerkt hat, dass er doch lieber mit den Händen etwas erschaffen würde und deshalb auf Holzbildhauerei umschwenkte. Erst eine Ausbildung in Thüringen, dann ein Studium in München, zuletzt in Wien. Seitdem sägt Börner Holzbohlen und Klötze in Formen, die eigentlich nicht möglich sein dürften: ursprünglich geometrisch feste Gestalten, die sich in weiche, gezogene Verästelungen verrenken, wie Arme und Hälse. Manchmal erinnern diese Objekte an Wesen aus einem Science-Fiction-Film, mit dünnen Hälsen und langen dreieckigen Kiefern.

Ausstellung Heiko Börner Ganserhaus Wasserburg AK 68

Wesen wie aus einem Science-Fiction-Film.

(Foto: Theresa Parstorfer/oh)

Börner geht es um die Arbeit mit dem Material - mehr als darum, etwas aus dem Material zu machen, das Material nach seinen Vorstellungen zu formen. Das Holz kann man nicht zwingen, das macht immer auch ein bisschen, was es will. Die Kunst besteht dann darin, das zu formen, was schon da ist. Denn Holz hat immer auch ein Eigenleben. "Zeit und Bewegung sind schon immanent im Material", sagt Börner. Er steht vor "Linde 16/04" im Eingangsraum des Ganserhauses, ein fast zwei Meter langes Werk, in dem drei Quadrate wie durch einen sich windenden Lebensmuskel verbunden werden, und erklärt, wie er mit der Motorsäge feine Kanten aus dem Holz arbeiten kann, aber auch geschwungene Linien, die dann aussehen, als hätte er das Holz auseinander gezogen, und nicht hineingesägt.

Jeder Baum ist anders, sagt Börner, also ist auch jeder Holzstamm anders, den er für seine manchmal sehr kleinen und manchmal sehr, sehr großen Arbeiten für den Außenraum verwendet. Ein Astloch, ein dunkler Jahresring, eine unvermutete vermoderte Stelle - all das muss mit in den Prozess einfließen, der immer mit der Motorsäge beginnt und dann mit Schnitzeisen weitergeht. Am Ende lasiert Börner die Arbeiten mit einer Mischung aus Öl und Wachs, die dem Holz eine weiße Färbung verleiht.

Ausstellung Heiko Börner Ganserhaus Wasserburg AK 68

Eine Installation aus Frischhaltefolie und einem Holzrahmen von Heiko Börner.

(Foto: Theresa Parstorfer/oh)

Das älteste in Wasserburg ausgestellte Werk ist aus dem Jahr 2003, noch aus Börners Studienzeiten, doch auch schon hier ist die Bewegung zu sehen, der "Flow", den der Künstler in das Holz legt. Neben seinen plastischen Arbeiten stellt Börner in Wasserburg auch Animationen aus. Für diese kurzen Filmclips scannt Börner miniaturhafte Zeichnungen ein, die einem Daumenkino gleich zeigen, wie beispielsweise ein Quader auf eine zweidimensionale Fläche zufällt, von ihr verschluckt wird und sie gleichzeitig ins Dreidimensionale zieht, und dadurch eine neue Form entsteht. Börner nennt diese Clips Sequenzen, die gewissermaßen den Prozess einfangen, der bei den Skulpturen der Vorstellung des Betrachters überlassen bleibt. Der Künstler will die Zeichnungen dennoch als eigenständige Arbeiten verstanden wissen. "Das sind keine Skizzen", sagt er. Eher eine andere Spielart des räumlichen Denkens, des Fließens, das ihn so fasziniert.

Im Kellerraum hat Börner außerdem ein Kunstwerk eigens für die Wasserburger Ausstellung geschaffen: ein mannshoher Holzrahmen, der mit Bahnen aus Frischhaltefolie umwickelt ist und nur durch das Plastik in einem sehr schrägen Winkel gehalten wird, sodass es aussieht, als habe sich das kleine Fenster in der Rückwand in den Raum hinein verlängert und vergrößert. Ein Spiel mit der Perspektive, ein Spiel mit zwei Materialien, die unterschiedlicher nicht sein könnten, das massive Holz, das normalerweise eine stützende Qualität hat, wird gehalten von hauchdünnem Plastik. "Das ist das erste Mal, dass ich das so gemacht habe", sagt Börner, eine schlaflose Nacht habe er vor dem Aufbau der Installation gehabt. Aber noch hält sie. "Wir werden sehen, wie sich das im Laufe der Ausstellung verändert", sagt Börner. Schließlich ist ja alles irgendwie im Fluss.

Ausstellung Heiko Börner Ganserhaus Wasserburg AK 68

Der in München lebende Künstler stellt derzeit im Wasserburger Ganserhaus seine Holzskulpturen aus. "Flow" heißt die Ausstellung.

(Foto: Theresa Parstorfer/oh)

Die Ausstellung ist zu sehen unter https://arbeitskreis68.de/virtueller-rundgang-heiko-boerner/

© SZ vom 23.04.2020

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