Neue Reihe in Ebersberg:Ein Spaß - mit Luft nach oben

Lesezeit: 3 min

Klaffl & Gast - Jörg Brustmann

Auf der Couch: Hans Klaffl (rechts) bittet seinen Freund und Kollegen Josef Brustmann zur Analyse.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Kabarettist Hans Klaffl und sein Gast Josef Brustmann plaudern im Alten Speicher live und im Stream. Dabei zeigt sich: Wer aus dem Haus geht, hat mehr vom Abend.

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg

Künstler hat Künstler zu Gast und plaudert mit dem über das, was war, und das, was ist. Ein Format, fast so alt wie das Fernsehen, auf jeden Fall aber überlebenstauglich auch im Internet. Warum also greift nun, nach all den anderen, auch AltesKino.TV zu diesem Standard? Weil es das kann. Die testweise Vorpremiere am Freitagabend zeigt, dass "Hans Klaffl und Gast: Gut, dass wir darüber gesprochen haben!" von eigenständiger Größe ist - auch wenn in diesem frühen Stadium das Festhalten am Ablaufplan und den vorbereiteten Fragen noch etwas angestrengt wirkt. Eben weil Klaffl eine Rampensau ist wie aus dem Bilderbuch, spielt er fast nur das Publikum im Saal an und spart sich die pseudo-vertrauliche Anbiederung an jene, die "draußen an den Schirmen" sitzen. Seinem Gast Josef Brustmann, frei von der Leber weg und kraftvoll im Dialekt, passt das offenbar hervorragend in den Kram - die Bühne lebt.

Klaffl wäre sich selbst untreu, wenn sein Opener nicht in der Welt von Schule & wir spielte. Man kann getrost davon ausgehen, dass sein kabarettistisches Aufbereiten der mehr oder weniger 13 Jahre zwischen Erdkundebuch, Turnbeutel und Pausenbrot für die meisten Besucher der größte Suchtfaktor ist. Mit feinen Spitzen und groben Schlägen geht Klaffl der Frage auf den Grund, warum sich Lehrer durch die Pandemie nicht haben schrecken lassen, sondern sie im Gegenteil fast schon genießen konnten. "Den Umgang mit widersprüchlichen Zahlen und chaotischen Anweisungen aus der Politik - da hat uns der vergebliche Versuch, das Gymnasium von G 9 auf G 8 umzustellen, nachhaltig imprägniert", merkte er an und erhielt kenntnisreichen Beifall eines anscheinend mit-betroffenen Publikums.

Eine Zeit lang zeigt ein Großbildschirm neben dem Vorhang das, was die Zuschauer im Online-Stream serviert bekommen. Das ist vor allem für Anwesende in den hinteren Reihen recht spannend, die gelegentlich die gemurmelten Ansagen aus der Regie mitbekommen. Als sich zum Beispiel Brustmann zur Analyse auf die Psycho-Couch vom Therapeuten Klaffl legt, wechselt das TV-Bild immer wieder die Perspektive: Gesicht, Oberkörper, Gegenschnitt auf den Fragesteller. Fürs Präsenzpublikum ändert sich dagegen optisch nichts. Je nach Platzierung im Saal: Schuhsohlen, Anzug, Nasenlöcher. Der Gefragte ist nur Stimme. Das hat durchaus seinen Reiz - aber vor allem wegen des Vergleichs. Ansonsten dauert dieses Wegtauchen etwas zu lang. Vielleicht schafft künftig ein Spiegel Abhilfe?

Ansonsten hat Live eindeutig Oberwasser gegenüber Streaming. Was den Internet-Zuschauern entgeht, ist das Geplänkel der beiden Kabarettisten nach Sendeschluss. Eine ganze Dimension entspannter und lockerer geht es da zur Sache, befreit vom engen Ablaufplan. Vor allem aber sind es die Stücke, für die sich Brustmann dann noch einmal an die Zither setzt, Belohnung dafür, dass sich Gäste auf den Weg gemacht, die Künstler mit Anwesenheit gewürdigt haben. Ist die saitenklar in die Luft geschnittene Version der Beatles-Nummer "Across the Universe" schon ein galaktisches Crossover-Erlebnis, gerät die Fahrt zum ADAC-Klassiker (Brustmann-Fans kennen die Geschichte dazu, die anderen glucksen vernehmlich) zum "Highway to hell" von himmlischer Güte. Die finalen zweieinhalb Minuten "Amazing Grace" mit geschleudertem Reisealphorn schließlich waren den ganzen Freitagabend wert.

Über welches Potenzial "Gut, dass wir darüber gesprochen haben!" verfügt, das wird bei einem kurzen, aber intensiven Geländeritt durch die Sprachlandschaft deutlich. Brustmann berichtet, dass er als Kind von Heimatvertriebenen durch den Dialekt einer Mischehe sprachlich zunächst nirgends daheim gewesen sei, über die älteren Geschwister und mit spitzen Ohren aber dann die Mundart der neuen Heimat in einer Qualität erworben habe, dass sie für ihn heute Mittel und Werkzeug ist, sich künstlerisch auszudrücken. "Wie farbig und bunt der Dialekt ist, wie der abschneid't und abkürzt" ist er sich mit Klaffl einig und für einige kostbare Minuten fühlt man sich wie ein stummer Zeuge des vertrauten Gesprächs unter Freunden. Das glänzt genauso verlockend wie das anekdotische Goldstück vom Kaufgespräch zum Brustmannschen Konzertflügel, auf dem schon Wagner und Liszt gespielt haben, dessen Verkäuferin aber eher praktische Bedenken hatte, sich von dem guten Stück zu trennen: "Wo stell ich dann mein Kripperl hin?"

Um es in Schulnoten auszudrücken: Dieser Erstling war schon mal ein guter Dreier. Thema verstanden, ordentlich umgesetzt, gelegentliche Überraschungen, aber mit noch Luft nach oben. Entsprechend der alten Übersetzungs-Devise "so wörtlich wie nötig, so frei wie möglich" wird Klaffl sich deutlich steigern, wenn er seine früher gezeigten Fähigkeiten stärker ins Spiel bringt, der Improvisation mehr Raum gibt und den Eindruck verwischt, das sei alles vorher schon abgesprochen. Schauen wir uns also die nächsten Folgen an, das Format und weitere Gäste von der Klasse eines Josef Brustmann haben es verdient.

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