Hackbrett- und Harfenvirtuosen Ein Hauch von Ewigkeit

Nostalgie in der Schrottgalerie: Rudi Zapf konzertiert mit Elisabeth Huber. Die Harfenistin gibt dem Duo ein prägnantes Profil. Auf dessen Auf- und Abwinden gleitet der Hackbrettvirtuose elegant dahin.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nach 40 Jahren treffen sich Rudi Zapf und Elisabeth Huber in der Glonner Schrottgalerie zu einem bewegenden Konzert mit Hackbrett und Harfe wieder

Von Ulrich Pfaffenberger, Glonn

Nostalgischer Moment für Rudi Zapf: Knapp vierzig Jahre nach dem gemeinsamen Bühnendebüt konzertierte er wieder mit Elisabeth Huber. Barocke Sonaten für Hackbrett und Harfe standen, wie einst, auf dem Programm ihres Auftritts in der Glonner Schrottgalerie, einem Ort, der sonst wenig mit klassischer Musik in Verbindung gebracht wird. Trotzdem fügte sich die Vorpremiere der beiden so harmonisch in den Raum, als wäre er für Konzerte wie diese geschaffen worden. Mangels volksmusikalischer Elemente verböte sich der Begriff "Stubenmusik", aber man könnte sich daran gewöhnen, die von Huber und Zapf gebotene Variante als Bereicherung des Genres zu empfinden.

Die Rollenverteilung zwischen Huber und Zapf ist klar geregelt. Die Harfenistin steuert mit ruhiger Hand die tragenden Elemente der Stücke bei, ganz im Sinne eines "basso continuo", aber viel eleganter, auch variantenreicher, als man das aus den Standardwerken der Epoche kennt. Das hat damit zu tun, dass ihr zwar diese Funktion zukommt - anders wäre das Hackbrett nicht einsetzbar - dass sie sich aber nicht auf darauf reduzieren lässt. Mit der ganzen, langen Erfahrung einer versierten Orchestermusikerin gibt sie dem Duo ein prägnantes Profil. Auf dessen Auf- und Abwinden gleitet Zapf wie ein Segelflieger dahin, genießt den großzügigen Freiraum, den ihm seine Partnerin gewährt. Gleichwohl sind sie und ihr Instrument stets hellwach und präsent. Besonders kunstvoll bewegt sie sich durch jene Passagen, die wenig Raum für Nachhall geben, ihr fast schon den Part der Rhythmusgruppe aufdrängen. Da lässt sie die Saiten, und da lassen die Saiten die Luft nur so kurz vibrieren, als wären sie Pfeifen einer französisch gedämpften Orgel, "tremblant á vent doux" genannt. Ein feines Gewebe von Klängen erzeugt sie da, makellos und klug strukturiert, ein Genuss für sich.

Was die Auswahl, die Zapf für den Abend getroffen hat, aus dem Konzertalltag ebenfalls heraushebt: Viele der Titel waren über lange Zeit verschollen oder nur in Teilen erhalten. Er habe sich manche beim Hören angeeignet, um sie spielen zu können, bevor die Noten große Verbreitung erfuhren, teilt er seine Erinnerungen mit dem aufmerksamen Publikum in der fast vollbesetzten Schrottgalerie. Die Monza-Sonate in C-Dur gehört zum Beispiel dazu, deren galante, empfindsame Art sich in sanft auf die Saiten gehauchten Seufzern äußert. Der zweite Satz, ein Largo, gerät zu einem Wandel durch Gedankengänge, versunken in Betrachtung, ständig auf der Suche nach dem stimmigen Ausdruck. Oder die Chiesa-Sonate zum Abschluss, prall gefüllt mit fröhlichen, jubelnden Akkorden, die funkeln wie eine Schatzkammer. Wie ein Jongleur wirbelt Zapf durch die beiden Allegros, trennscharf die einzelnen Töne, aber in so geschwinder Abfolge, dass die Intervalle sich in nichtmessbaren Abständen auflösen. Beim Largo dazwischen dagegen bewegt er sich versonnen durch die Seele der Komposition wie ein Verliebter nach dem ersten "Ja".

Insgesamt sieben Sonaten sind an diesem Abend zu hören, neben den zwei genannten je eine von Pietro Beretti und Angelo Conti, eine zweite von Monza sowie zwei Transkriptionen von Werken, die Vivaldi für andere Instrumente verfasst hat, wobei Zapf da den Oboen den Vorzug gibt, die seien am nächsten am Hackbrett, "nicht zu schnell und nicht zu langsam". Vom Charakter her neigt sich nur eine, die von Conti, der förmlichen Kammermusik zu, die anderen zeigen sich freimütig und eigenständig, reich ausgestattet mit barocker Leidenschaft, die sich in der munter-lebendigen Interpretation durch Zapf und Huber variantenreich entfaltet. Da verfliegen zwei Stunden wie im Fluge.

Das Publikum, das den Auftritt am Ende mit begeistertem Applaus würdigen und drei Zugaben dafür erhalten wird, findet sich aber auch als Zeugen einer sehr persönlichen Auseinandersetzung zwischen Werken und Künstlern wieder. Im Lauf des Abends würdigt Rudi Zapf mehrfach seinen Lehrer, Karl-Heinz Schickhaus für dessen musikarchäologische Tätigkeit, bei der er zahlreiche Noten wieder zutage gefördert hat, unter anderem in der Casa Paganini in Genua. Man merkt ihm an, wie dankbar er bis heute ist, damit spektakuläre Literatur an die Hand bekommen zu haben, um die Rolle seines Instruments in der klassischen Musik zu zelebrieren. Wer genau hinschaut und hinhört, erlebt den Hackbrett-Künstler an diesem Abend einen Deut weniger artistisch in den Bewegungen als sonst, aber noch eine kräftige Dosis stärker konzentriert und vertieft, als man ihn sowieso schon kennt, wenn er an seinem Lieblingsinstrument steht. Allein schon diese Begegnung mit einem, den man zu kennen meint und plötzlich von einer neuen Seite sieht, verleiht dem Konzert einen Hauch von Ewigkeit.