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Gymnasium Kirchseeon:"Sie haben die Werte der Demokratie verteidigt"

Die Kirchseeoner Schüler schritten ein, als ein rechtsradikaler Videoblogger in der Dachauer KZ-Gedenkstätte einen Propagandafilm drehen wollte.

(Foto: Toni Heigl)

Eine KZ-Besuchergruppe des Gymnasiums Kirchseeon wird mit dem Dachauer Preis für Zivilcourage ausgezeichnet.

Von Thomas Radlmaier, Kirchseeon/Dachau

Die Dachauerin Eva Gruberová und Schüler des Gymnasiums Kirchseeon erhalten den Dachau-Preis für Zivilcourage 2021. Gruberová, die als Referentin an der KZ-Gedenkstätte arbeitet, leitete im Februar 2019 einen Rundgang mit den Gymnasiasten über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Sie und die Schüler schritten ein, als der rechtsradikale Videoblogger Nikolai Nerling in der Gedenkstätte einen Propagandafilm gegen einen vermeintlichen "Schuldkult" drehen wollte. Später sagten Gruberová und die Schüler in zwei schwierigen Gerichtsprozessen gegen Nerling aus, der sich selbst der "Volkslehrer" nennt. Mit ihren Aussagen trugen sie maßgeblich dazu bei, dass Nerling in beiden Verhandlungen schuldig gesprochen wurde, an der KZ-Gedenkstätte Dachau den Holocaust geleugnet zu haben. Nerling ging gegen das Urteil vor, aktuell läuft das Revisionsverfahren am Bayerischen Oberlandesgericht. Mit einer Entscheidung darf laut einem Gerichtssprecher in sechs bis acht Wochen gerechnet werden.

Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) sagt, Eva Gruberová und die Jugendlichen hätten sich diesen "persönlich und psychisch stark belastenden Prozessen, konfrontiert mit einem der bekanntesten deutschen Rechtsextremen und seinem Anwaltsteam" gestellt. Sie hätten den Mut gezeigt, in einer öffentlichen Verhandlung gegen Nerling auszusagen. "Mit der Verleihung des Dachau-Preises für Zivilcourage 2021 möchten die Stadt Dachau und die Jury die couragierte Haltung der Preisträgerinnen und Preisträger würdigen und gleichzeitig ein Zeichen der Solidarität mit ihnen setzen." Die Dachauer Stadträte bestätigten in der Sitzung am Dienstagabend den Vorschlag der Jury.

Eva Gruberová führte im Februar 2019 im Rahmen eines mehrtägigen Workshops am Max-Mannheimer-Studienzentrum Neuntklässler des Kirchseeoner Gymnasiums über das Gelände, als sie Nerling erkannte. Sie stellte ihn zur Rede und alarmierte Verwaltungspersonal an der Gedenkstätte, um Nerling und dessen Kameramann des ehemaligen Konzentrationslagers zu verweisen, wo zwischen 1933 und 1945 mehr als 41 500 Häftlinge ermordet wurden. Währenddessen ging Nerling auf die Schüler zu und sagte, sie sollten nicht alles glauben, was ihnen in der Gedenkstätte erzählt werde - das gaben die Schüler später in den Prozessen übereinstimmend an; die Gerichte werteten Nerlings Aussagen als Holocaustleugnung.

Das Gymnasium Kirchseeon trägt den Titel "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Direktorin Simone Voit sagt, sie sei sehr stolz auf die Schüler. "Sie haben die Werte der Demokratie verteidigt. Das ist gelebte Courage." Thomas Laufer unterrichtet an der Schule in den Fächern Wirtschaft, Recht und Sport. Er betreute die Jugendlichen im Anschluss an den Vorfall in der Gedenkstätte und auch bei den beiden Gerichtsverhandlungen, in denen die Anwälte der Angeklagten die Schüler immer wieder mit harten Fragen unter Druck setzten. "Wir sind wirklich beeindruckt von den Schülern", sagt Laufer. Die Prozesse seien alles andere als einfach gewesen. Doch die Jugendlichen hätten sich nicht einschüchtern lassen. Für Laufer zeigt der Fall den großen Stellenwert historisch-politischer Bildung sowie der Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Geschichte der Konzentrationslager.

© SZ vom 17.06.2021/aju
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