Planspiel am Gymnasium Grafing:"Ohne Kompromiss geht nichts"

Lesezeit: 4 min

Planspiel am Gymnasium Grafing: Die Schülerinnen und Schüler des Grafinger Gymnasiums schlüpfen in die Rolle von EU-Parlamentariern. Manche von ihnen müssen dabei eine Politik vertreten, die nicht ihren persönlichen Überzeugungen entspricht.

Die Schülerinnen und Schüler des Grafinger Gymnasiums schlüpfen in die Rolle von EU-Parlamentariern. Manche von ihnen müssen dabei eine Politik vertreten, die nicht ihren persönlichen Überzeugungen entspricht.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

120 Jugendliche tauchen am Gymnasium Grafing für einen Vormittag in die Welt der EU-Politik ein. Bei einem Planspiel arbeiten sie an einem Gesetzesentwurf über Hassrede und Desinformation im Netz.

Von Sina-Maria Schweikle, Grafing

"Jeder wird mindestens einmal am Tag mit Fake News konfrontiert." Es ist früher Morgen am Grafinger Gymnasium. Etwa 60 Schülerinnen und Schüler der zwölften Klasse sitzen in der kleinen Mensa und blicken auf Kai Buchtal. Er steht auf einer kleinen Bühne - hinter ihm leuchtet eine Power-Point-Präsentation. #Fakt oder Fake? steht da an der Wand. Es ist der Beginn eines Planspiels der Europäischen Kommission. Für einen Vormittag tauchen 120 Schülerinnen und Schüler des Max-Mannheimer Gymnasiums Grafing in die Rollen von Abgeordneten des EU-Parlaments ein. Da die Anzahl an Jugendlichen den Rahmen eines Spieles deutlich überschreitet, laufen zwei Durchgänge parallel. Gemeinsam versuchen sie, einen Kompromiss zu finden, um die EU-Bürger vor Fake News und Hate Speech zu schützen, ohne dabei die Freiheiten im Internet unverhältnismäßig einzuschränken.

Worum handelt es sich bei sogenannte Fake News (Falschnachrichten) und was ist Hate Speech (Hassrede), fragt Kai Buchtal und blickt in die Runde. Ein Schüler hebt die Hand und erklärt, dass es sich bei Fake News um Nachrichten handelt, die zwar aussehen wie Nachrichten, aber deren Inhalte nicht der Wahrheit entsprechen. Bei Hate Speech gehe es darum, dass Menschen und/oder Gruppen im Internet unangemessen angegriffen werden.

Wie funktioniert EU-Politik?

"Das Internet entwickelt sich rasend und bietet immer mehr positive - aber auch negative Möglichkeiten", sagt Kai Buchtal. Er ist freier Mitarbeiter von "Planpolitik", einem Unternehmen, das auf politische Planspiele spezialisiert ist. Der erleichterte Zugang zu qualitativ hochwertigen Informationen über das Internet habe sich positiv auf die demokratischen Prozesse und den gesellschaftlichen Diskurs ausgewirkt. Gleichzeitig könnten soziale Medien zur Verbreitung falscher und irreführender Informationen verwendet werden, heißt es in dem Informationsblatt, das "Planpolitik" gemeinsam mit der Europäischen Kommission ausgearbeitet hat. Die Gesetzgebung würde sich dabei schwer tun, der Geschwindigkeit der Entwicklungen des Internets zu folgen, sagt Buchtal. Bevor die Jugendlichen interaktiv an einem Gesetzesentwurf zum Thema Hassrede und Desinformation auf sozialen Plattformen in der EU arbeiten, müssen jedoch Grundlagen geschaffen werden. Dafür haben Kai Bruchtal und Kollegin Saskia Sterzl eine Präsentation vorbereitet und erklären den Jugendlichen, was EU-Politik bedeutet und wie die verschiedenen Institutionen zusammenhängen.

Planspiel am Gymnasium Grafing: Kai Buchtal und Saskia Sterzl von "Planpolitik" leiten die Jugendlichen durch das Planspiel.

Kai Buchtal und Saskia Sterzl von "Planpolitik" leiten die Jugendlichen durch das Planspiel.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Was kann man selbst gegen die Weiterverbreitung von Desinformation unternehmen? Wie kann gemeinsam mit Falschmeldungen und Hassrede in der EU umgegangen werden? Diese und andere Fragen werden von den Schülerinnen und Schülern diskutiert. Gleichzeitig lernen die Teilnehmenden die EU-Institutionen und ihre Arbeitsweise kennen oder vertiefen bereits erworbenes Wissen rund um die Europäische Union. Um mehr zu lernen, werden die Jugendlichen in unterschiedliche Fraktionen eingeteilt. Auf einem Faltblatt erhalten sie Informationen darüber, wessen Rolle sie in dem Planspiel übernehmen und welchen Job die Person im EU-Parlament innehat.

Die Schülerinnen und Schüler lernen, sich mit ungewohnten Perspektiven auseinandersetzen

"Das ist überhaupt nicht meine politische Linie", sagt die Schülerin Antonia Thewalt. Im Planspiel soll sich die 17-Jährige für die Belange der Liberalen einsetzen, wohingegen sie sich eigentlich in ihrer Freizeit als Sprecherin für die Belange der Grünen Jugend im Landkreis Ebersberg stark macht. Trotz oder gerade wegen der ungewohnten Perspektive sei es interessant, innerhalb der Fraktion im Planspiel zu diskutieren, sagt sie.

Planspiel am Gymnasium Grafing: Antonia Thewalt nimmt eine für sie ungewohnten Perspektive ein.

Antonia Thewalt nimmt eine für sie ungewohnten Perspektive ein.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Für Schulkollege Lorenz Weidner ist es das zweite Planspiel, an dem er teilnimmt. Aktiv zu erleben und zu lernen, was es bedeutet, Politik zu machen, sei für ihn etwas Besonderes. Auch er wurde im Rollenspiel einer Partei zugeteilt, mit der er sich selbst nicht identifiziert. Während er sich politisch eher weiter links sieht, vertritt er im Planspiel nun die Argumente der Europäischen Volkspartei, die als eine eher bürgerliche und konservative mitte-Rechts-Fraktion im Europäischen Parlament gilt, in der sich auch die deutschen Abgeordneten von CDU/CSU organisieren.

Planspiel am Gymnasium Grafing: Lorenz Weidner macht sich im Planspiel stark für die Belange der Europäischen Volkspartei.

Lorenz Weidner macht sich im Planspiel stark für die Belange der Europäischen Volkspartei.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Die wenigsten wissen, wie wichtig die Europäische Union ist", sagt Margot Klinger. Sie ist Lehrerin und Fachbetreuerin für Sozialkunde und hat das Planspiel vor drei Jahren erstmalig in die Schule geholt. Damals lernten die Zwölftklässler die Funktionsweisen der EU am Beispiel der Energiepolitik kennen. Für die Sozialkundelehrerin ist es wichtig, dass ihre Schüler möglichst früh und viel über die Funktionsweisen der EU-Institutionen lernen. "Es ist oft ein abstraktes Gerüst - mit einem solchen Planspiel können die Jugendlichen einen spielerischen Zugang zu dem Thema finden", sagt Margot Klinger.

Planspiel am Gymnasium Grafing: Lehrerin Margot Klinger kritisiert, dass die Europäische Union erst sehr spät im Lehrplan auftaucht.

Lehrerin Margot Klinger kritisiert, dass die Europäische Union erst sehr spät im Lehrplan auftaucht.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Geholfen bei der Organisation und Umsetzung des Planspieles #Fakt oder Fake? hat ihr Ana-Maria Nagl von der Vertretung der europäischen Kommission in München. Gemeinsam mit dem Unternehmen "Planpolitik" hat sie den Spielablauf entwickelt. "Diese interaktive Auseinandersetzung macht Politik erfahrbar", sagt sie. Der Umgang mit Hassrede und Falschnachrichten habe besonders auch mit dem Ausbruch des Ukrainekrieges an Relevanz gewonnen. Auch deshalb müsse das Internet auf EU-Ebene reguliert werden "Es macht keinen Halt vor Landesgrenzen", sagt Ana-Maria Nagl.

Planspiel am Gymnasium Grafing: Für Ana-Maria Nagl ist es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen Medienkompetenz lernen.

Für Ana-Maria Nagl ist es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen Medienkompetenz lernen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Doch nicht nur für Propaganda und Weltpolitik werden die sozialen Medien genutzt. Auch in den Schulen komme man mit den Drohungen beispielsweise in sozialen Medien in Berührung, sagt Margot Klinger. Demnach seien auch hin und wieder Schüler des Max-Mannheimer-Gymnasiums Opfer von Online-Beleidigungen. Eine Erfahrung, die die Kinder und Jugendlichen nicht nur in den Schulen machen müssen, sondern auch in der Freizeit. So berichtet beispielsweise ein Schüler davon, dass er während eines Online-Spiels Opfer von Hassrede wurde. Da die Schule diesen Erfahrungen entgegenwirken möchte und die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit dem Internet sensibilisieren will, habe man an der Schule mittlerweile ein Medienprogramm aufgebaut, erläutert Margot Klinger.

Da es bisher noch kein Gesetz zur Eindämmung von Hassrede und Desinformation auf sozialen Plattformen in der EU gibt, ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche Medienkompetenz auch in der Schule erlernen. Zumindest in dem Planspiel einigen sich die Grafinger Schülerinnen und Schüler am Ende auf ein Gesetz, das trotz langer Diskussion einstimmig von den Teilnehmenden verabschiedet wird. "Politik funktioniert ohne Kompromiss nicht", sagt Lorenz, und die Jugendlichen zeigen der großen Politik, wie es zumindest ihnen gelingt, ideologische Gräben zu überwinden.

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