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Grundlegender Wandel:Immer mehr junge Frauen wollen Bäuerin werden

Helene Ippisch und Andrea Stangl (von links) wohnen im Landkreis Erding, Lisa Niedermaier kommt von einem Hof aus Siegersdorf bei Ebersberg und Eva Fuchs stammt aus Wolnzach im Kreis Pfaffenhofen. Beim Forstlichen Wettbewerb in Ebersberg geht es mit Motorsäge und Helm um Punkte.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Beim Forstlichen Wettbewerb in Ebersberg gibt es so viele Teilnehmerinnen wie nie. Mit der Motorsäge geht es um Punkte - und die angehenden Landwirtinnen schneiden im Vergleich mit ihren Kollegen gut ab.

Lisa Niedermaier hat die Hosen an. Die mit dem Schnittschutz, wenn die Kettensäge doch mal abrutscht. Bei der 18-Jährigen rutscht aber nichts, jeder Handgriff sitzt. Ein sauberer Schnitt, kerzengerade nach unten, dann fällt die Holzscheibe ins Gras. "Da oben ist unser Hof", sagt Lisa Niedermaier, sie deutet Richtung Siegersdorf. 25 Kühe stehen dort im Stall, die Eltern sind Bauern. Es ist gerade kompliziert, "der niedrige Milchpreis macht uns zu schaffen", sagt Niedermaier. Die Branche, die sie sich ausgesucht hat, ist nicht grade einfach. Aber was ist schon einfach. Lisa Niedermaier klappt das Visier nach unten und greift sich ihre Säge. Auf zur nächsten Station.

Beim Forstlichen Wettbewerb der Nachwuchs-Landwirte in der Region um München sind an diesem Donnerstag so viele Teilnehmerinnen dabei wie noch nie. Unter den insgesamt 78 Lehrlingen aus ganz Bayern sind elf Frauen auf die Wiese vor dem Ebersberger Landwirtschaftsamt gekommen, um sich in den wichtigen Disziplinen des Landwirtsberufs zu messen. Der Frauenanteil ist dieses Jahr also bei gut 14 Prozent - und damit mehr als doppelt so hoch wie in den Vorjahren, wenn die Ebersberger Landwirtschaftsschule zum Regionalentscheid einlud.

Warum dieser Anstieg? Nachfrage bei Försterin Kirsten Joas, sie steht mit Klemmbrett und Stoppuhr neben einem jungen Mann, der Buchentriebe in die Erde pflanzt. Joas glaubt, dass bei Bauerstöchtern ein neues Selbstverständnis entstanden ist, das es so lange nicht gab. "Früher war es üblich, dass die Tochter in einen anderen Betrieb reinheiratet", sagt Joas. "Mittlerweile gibt es viele, die den Hof der Eltern übernehmen wollen." Die Emanzipation der Frau sei nun wohl auch in der Landwirtschaft angekommen.

Andrea Stangl aus Walpertskirchen (Kreis Erding) während der praktischen Prüfung.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Das alte Bild vom Holzknecht in Lederhose hat in der Praxis ausgedient

Dazu passt die Geschichte von Helena Ippisch aus Oberding im Landkreis Erding. Die 17-Jährige hat gerade den sogenannten Kombinations-Schnitt hinter sich gebracht. Der Prüfling muss dabei einen Stamm von zwei Seiten zersägen - und zwar so, dass sich die Schnitte in der Mitte treffen. "Ich lag ein bisserl daneben", sagt Ippisch. "Da muss ich mich noch verbessern". Dann erzählt sie vom Hof der Eltern im Oberdinger Ortsteil Notzing. "Den möchte ich irgendwann übernehmen", sagt Ippisch. Vorher muss sie im Juli noch die Abschlussprüfung bestehen. Weil der Forstliche Wettbewerb zwar ein Kräftemessen ist, aber einen noch nicht für den Beruf des Landwirts qualifiziert.

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Aber trotzdem geht es hier um einiges. Nicht nur, dass sich die vier Punktbesten für die gesamtbayerische Ausscheidung qualifizieren (in Ebersberg sind nur Lehrlinge von Ausbildungsbetrieben aus den Landkreisen Ebersberg, Erding, Freising, München und Stadt München am Start). Es geht auch um die eigene Gesundheit. Schließlich waren Baumfällaktionen seit Jahren nicht mehr so gefährlich wie gerade. Sturmschäden lockten den Borkenkäfer in Bayerns Wälder, diese Kombination macht die Arbeit mit der Säge besonders gefährlich. So kam es, dass 2017 so viele Menschen bei Waldarbeiten starben wie lange nicht mehr in Bayern. Auf der Wiese am Ebersberger Stadtrand geht also nicht nur um Punkte.

Geprüft wurde am Donnerstag auf der Wiese neben dem Ebersberger Landwirtschaftsamt.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Jedes Kind kennt das ikonische Bild vom Holzknecht, der mit Pfeife, Trachtenhut und Lederhose im Wald steht und sich auf eine Axt stützt. Von Holzmägden ist in alten Büchern nie die Rede gewesen, das Fällen von Bäumen überlassen die Geschichtenerzähler ganz dem Mann - egal, ob ein klassischer Holzknecht oder ein Waldbauer die Axt schwingt. Eigentlich müsste das aber gar nicht so sein, findet Kirsten Joas, Försterin und Fällerin. "Bei der Arbeit mit der Motorsäge kommt es vor allem auf die Technik an", sagt sie, gar nicht so sehr auf die Kraft also. Und beim Holz spalten. "Ich verwende einfach eine schwerere Axt, dann brauch ich nicht so viel Kraft", sagt sie.

Das alte Bild vom Holzknecht hat in der Praxis ausgedient. Mit einem Trachtenhut würde einen der Revierförster Christian Pflanzl zusammenfalten und aus dem Wettbewerb ausschließen. Pflanzl kommt aus Schwaig im Kreis Erding und ist seit acht Jahren Organisator und Punktrichter beim Forstlichen Wettbewerb in Ebersberg. "Wenn das Visier beim Schneiden nicht unten ist, gibt es ordentlich Abzüge", sagt er. Einen Frauenbonus gibt es bei den Punktrichtern nicht, das braucht es aber auch gar nicht. "Die Mädels halten absolut mit den Jungs mit", sagt Pflanzl.

Die Statistik bestätigt die Einschätzung des Försters: Sechs der elf Teilnehmerinnen landen am Ende in der oberen Hälfte der Rangliste - ein gutes Zeugnis für Lisa Niedermaier, Helena Ippisch und ihre Kolleginnen. Es ist ganz eindeutig: Die Frauen haben an diesem Frühlingstag in Ebersberg gut abgeschnitten.

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