Süddeutsche Zeitung

Nahverkehr in Ebersberg:Der Freifahrradschein

Die Grünen fordern eine kostenlose Mitnahme von Rädern in der S-Bahn bis zur Innenbereichgrenze im Großraum München - nach dänischem Vorbild.

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Im Bestreben, den Autoverkehr zunehmend auf Schienen zu verlagern, gehen die Grünen im Landkreis Ebersberg mit einem Konzept in die Offensive: Die S-Bahnen sollen Fahrrad-freundlicher werden, und das in mehrfacher Hinsicht. Der grünen Vision nach soll es in Zukunft eine Regelung geben, wonach Fahrräder im Großraum München künftig kostenlos mittransportiert werden können. Bisher brauchte es dafür eine Fahrradtageskarte für drei Euro. Um die Mitnahme des Radls darüber hinaus attraktiver zu machen, sollen die S-Bahnen fahrradfreundlich umgerüstet werden. Der Ebersberger Kreisausschuss für Umwelt und Verkehr (ULV) votierte nun für den Grünen-Antrag - mit einer Einschränkung.

In den Zügen soll es bessere Fahrradständer geben

Inspiriert ist das Vorhaben aus Ebersberg von der Stadt Kopenhagen. Dem dänischen Vorbild nach, so die Forderung im Antrag, sollen die Fahrräder in den S-Bahnen in Zukunft quer zur Schienenrichtung abgestellt und befestigt werden können. Die Kreisgrünen hatten sich zunächst auf die S-Bahnlinien im Landkreis Ebersberg konzentriert, also auf die S4/S6 zwischen Innenraum und Kreisstadt sowie die S2 bis Markt Schwaben. Der Ebersberger Landrat Robert Niedergesäß (CSU) wies diesen Punkt zwar als "nicht machbar" ab, befürwortete den Antrag aber in allen anderen Teilen. Er halte es "für sinnvoll, dass wir damit in die MVV-Gremien gehen."

Landrat Niedergesäß ist nun dazu aufgefordert, sich als Sprecher der MVV-Verbundlandkreise in der Gesellschafterversammlung des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds für den Antrag samt Freifahrradschein einzusetzen. Grünen-Kreisrat Thomas von Sarnowski erklärte in einer kurzen Rede, warum dieser Schritt aus seiner Sicht "ein wichtiger Punkt für die Verkehrswende" sei. Er erinnere sich noch an Zeiten, als man für sein Fahrrad noch eine Kurzstrecke auf der Streifenkarte lösen durfte. "Jetzt ist es teilweise ziemlich viel Geld", so Sarnowski. Die Ausstattung der S-Bahnen sei zudem auch nach den Umrüstungen der vergangene Jahre nicht für den Transport von Fahrrädern tauglich. "Man kann sein Rad nicht einmal mit einem Gurt festmachen."

Hintergrund ist, dass im Großraum München bis zum Jahr 2034 sukzessive eine neue Zuggeneration eingeführt werden soll, welche die Baureihe 423 ersetzen wird. Die Grünen wollen ihren Antrag als Anregung verstanden wissen. Demnach sei es vorstellbar, dass - nach dem Vorbild der Kopenhagener S-Bahn - pro Zug zirka sieben "leicht bedienbare Querparker" installiert werden. Das sind ausklappbare stabile Halterungen für den Vorderreifen. Diese "Mehrzweckbereiche" sollen zudem so gestaltet sein, so die Idee der Grünen, "dass dort auch die immer mehr Verbreitung findenden Lastenräder Zugang und Platz finden".

Der Ausschuss hatte bereits vor sechs Jahren einen ähnlich lautenden Antrag angenommen. Nun bekräftigen die Grünen viele der damals gestellten Forderungen. Dazu zählt die gewünschte Änderung der Sperrzeiten, in denen Fahrräder in S-Bahnen generell verbannt sind. Aktuell gilt diese Regel an Wochentagen zwischen sechs und neun Uhr sowie - mit Ausnahme der Schulferien - von 16 bis 18 Uhr im kompletten S-Bahn-Bereich. Die Grünen wollen nun erreichen, dass dies auf den Münchner Innenraum begrenzt bleibt. Nach Ansicht der Grünen leeren sich die Bahnen stadtauswärtsfahrend bis zur Innenraumgrenze (M+1) bereits stark und füllen sich in der Gegenrichtung erst von diesem Punkt an. "Die derzeitigen Sperrzeiten verhindern somit, dass Berufspendler (...) Bahn und Rad kombinieren können."

Eine Gegenrede gab es im Ebersberger Gremium keine. Stattdessen kam Unterstützung von der christsozialen Fraktion. CSU-Kreisrätin Franziska Hilger erklärte, sie teile die Einschätzung, "dass die S-Bahnen bei uns oft sehr leer" sind. Womöglich könnten neue digitale Lösungen helfen, die Zugauslastung anzuzeigen, um noch validere Erkenntnisse zu erhalten. Für sie sei es nach Möglichkeit vorstellbar, so Hilger, "dass sich Ebersberg als Modellregion zur Verfügung stellt".

Ihr Parteikollege Josef Oswald erinnerte schließlich daran, dass es Gemeinden gebe, die ohne S-Bahnhof auskommen müssten, etwa in seinem Heimatort Glonn, wo er als Bürgermeister im Rathaus sitzt. Wenn man die Bahnen fahrradfreundlich umgestalte, "dann brauchen auch die Busse einen Radelträger hinten", so Oswald. Bei der Abstimmung votierte er dennoch wie alle anderen Mitglieder des Gremiums für den Antrag.

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SZ vom 29.03.2021/wkb/koei
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