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Große Aufführung in Aßling:Kreativ und solidarisch

Akrobatik, Tänze und Sketche bietet der "Mädchenzirkus", unter anderem einen "Tanz der Eisköniginnen". An dem Projekt beteiligt sind etwa 50 junge Darstellerinnen und zahllose Helfer hinter den Kulissen.

(Foto: Christian Endt)

Der Aßlinger "Mädchenzirkus" wirbt durch sein Wirken. Sein 45-jähriges Bestehen feiert er nun mit einem bunten und lebendigen Programm

Von Wolfgang Langsenlehner

Gleich ist es soweit! Das Pfarrzentrum in Aßling ist proppevoll und die erwartungsvolle Nervosität steigert sich bis zum Höhepunkt. Endlich beginnt das diesjährige Frühjahrsprogramm des "Mädchenzirkus" und nach Einzug, Begrüßung und Würdigung der Trainerinnen legt der letztjährig gegründete Aßlinger Kinderchor los. Was folgt, sind erheiternde und abwechslungsreiche zwei Stunden. Dargeboten werden von den fünf Gruppen mit Akrobatik, Tänzen und Sketchen alle Elemente eines herkömmlichen Zirkus - mit dem Unterschied, dass es sich bei den Akteuren um ungefähr 50 Mädchen zwischen vier und dreizehn Jahren handelt.

Doch wie kam es zu dieser einzigartigen Einrichtung? Der damalige Pfarrer Konrad Ederer gründete 1975 in seinem ersten Wirkungsjahr in Aßling den Mädchenzirkus. Er bewirkte damals viel für die katholische Gemeinde und Gemeinschaft und genießt bis heute einen legendären Ruf. Am Anfang handelte es sich um einen "Kinderzirkus", denn auch Jungs waren dabei. Sein ursprüngliches Konzept stützt sich auf die sogenannte Zirkuspädagogik nach Ernst Kiphard, einem Kinder- und Jugendpädagogen und Psychotherapeuten. Seiner Ansicht nach kann "das Medium 'Zirkus' wichtige therapeutische und pädagogische Impulse geben", wie im Begleittext zum Programm ausgeführt wird. Denn es gibt keine Sieger und Besiegten und nur "durch das Zusammenspiel aller kann eine 'Nummer' gelingen".

Ein transportabler Barren wird hereingeschleppt und die "American Stars" zeigen bei flotter Musik Akrobatik an zwei Stangen. Ihre fließenden, gut aufeinander abgestimmten Bewegungen und kunstvollen Figuren lassen die gute Vorbereitung erkennen. Der Winter und insbesondere Musik und Figuren von Disneys "Eiskönigin" finden ebenso ihren Niederschlag im Programm. Eisprinzessinnen tanzen in schöner, anmutiger Choreografie und passendem Outfit, die Frauenneuhartinger Gardemädels ziehen mit Schneeflocken ein und bieten einen "frostigen" Tanz, doch am ungewöhnlichsten zeigt sich die Mittwochsgruppe. Die Mädchen stellen zusammen selbst eine große Schneeflocke dar und bieten Bodenfiguren zur Musik von "Schneeflöckchen, Weißröckchen".

Fragt man ein paar Mädchen, warum sie im Mädchenzirkus mitmachen, stehen an erster Stelle der Spaß und das Treffen mit Freundinnen. Während Miriam Langsenlehner außerdem den Applaus anführt, erwähnt Sarah Kurz die "anderen Mädchen, die ich vorher noch nicht kannte und die mir jetzt auch ganz wichtig geworden sind". Ein weiteres Mädchen, Franziska Riesch, deren Mutter schon im Mädchenzirkus aktiv war, hat gleich noch die ganz große Perspektive im Blick: "Das wichtigste für mich ist, dass der Mädchenzirkus auch noch in hundert Jahren bleibt." Sie meint das im Gegensatz zu Dingen, die auseinander fallen, weil keiner mehr bereit ist, sich freiwillig und ehrenamtlich zu engagieren.

Die Bandbreite der Aufführungen ist enorm. Da springen die Jüngeren als Raubkatzen verkleidet mit Hilfe eines Trampolins über Hindernisse und durch Reifen, da gestaltet sich das Warten auf Bimbo, den kleinen Zirkuselefanten, als Running Gag, die Größeren machen mit einem Gardetanz in Kostümen und eigener Choreografie den Faschingskindergarden Konkurrenz oder es wird musikalische Akrobatik auf Stühlen dargeboten. Der Fantasie und Kreativität der Beteiligten wird keine Grenze gesetzt. Im Gegenteil, beim Mädchenzirkus soll genau das gefördert werden. Eine ergreifende Szene bildet den Abschluss eines lustigen Sketches vom "frechen Pferd": Ein Mädchen wird in die Mitte gebeten, von ihren Mitstreiterinnen umringt, und die Trainerin macht darauf aufmerksam, dass diese den Sketch selbst geschrieben und sich auch um die Besetzung gekümmert hat. Sie erhält einen Sonderapplaus, der sie sichtlich rührt und mit verdientem Stolz erfüllt.

Vroni Zweckstetter ist Trainerin seit 16 Jahren, war zuvor selbst Zirkusmädchen unter Pfarrer Ederer, ist also insgesamt etwa 21 Jahre mit dieser Institution verbunden. Sie betont, wie wichtig und schön es sei, wenn man sieht, was die Kinder alles können und wie positiv sie sich entwickeln, wenn ihnen etwas zugetraut wird. Sie erzählt das Beispiel eines etwas ruhigeren Mädchens, das bei einer Nummer eine Hauptrolle übernommen hat, die sie gut spielt, obwohl man es ihr vorher gar nicht zugetraut hätte. Die Kinder können in den Gruppen und im gemeinsamen Üben des Programms Fähigkeiten entwickeln, die vielleicht im (Schul-)Alltag nicht unbedingt gesehen, verlangt oder gefördert werden. Auch Anny Schmidtke, Leiterin und Trainerin, das Rückgrat und die ordnende, ruhige Hand des Mädchenzirkus, betont, dass es für sie "fantastisch ist, wenn ich sehe, wie sich die Mädchen entwickeln in der Gruppe, wie sie lernen aufzutreten, sich etwas sagen zu trauen und miteinander auszukommen". Sie ist seit 31 Jahren dabei und hat als Gemeindereferentin eine Zeitlang den Mädchenzirkus hauptamtlich betreut, als Teil der Kinder- und Jugendarbeit der katholischen Pfarrgemeinde Aßling.

Beide Trainerinnen sind sich einig, dass die Freiwilligkeit eine tragende Säule ist. Die Kinder kommen, weil sie es möchten. Sie müssen nichts bezahlen, die Trainerinnen arbeiten ehrenamtlich und alle beteiligten Unterstützer, die aufbauen, sich um Technik und Ton kümmern und Getränke verkaufen, engagieren sich, weil ihnen der Mädchenzirkus etwas bedeutet. In der Pause wird ein Kuchenbüfett dargeboten, denn auch die Eltern leisten ihren Beitrag mit einer Kuchenspende und tragen so zum Erfolg und zur Nachhaltigkeit des Unternehmens bei. Um das Erfolgsgeheimnis in ein Wort zu fassen: es ist das "Herzblut", das drinsteckt, und natürlich die persönlichen Bindungen, die bei einer so langen Zeit des Zusammenwirkens entstehen. Ein gut funktionierendes Sozialsystem in dieser Größe hat eine Magnetfunktion und wirbt durch sein Wirken.

In den heutigen Zeiten der Gender- und Gleichstellungsdebatten stehen hier keine sich selbst produzierenden, oft egomanischen Männer auf der Bühne, sondern Mädchen, die zeigen, wie Erfolg aussehen kann: kooperativ, solidarisch und mit einer guten Portion Empowerment. Hier werden die grundlegenden Schlüsselqualifikationen der Zukunft eingeübt und das in vertrautem, nahezu familiärem Umfeld. Das ist der viel zitierte Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Erst vor kurzem ist wieder eine neue Gruppe ins Leben gerufen worden. Ausschließlich Kindergartenkinder treffen sich schon regelmäßig. Und unter den acht Trainerinnen sind drei Jugendliche, die vor ein paar Jahren selbst noch in Gruppen tanzten und jetzt in ihrer Freizeit die eigenen Erfahrungen und Ideen unmittelbar an die nächste Generation weitergeben. So bleibt zu hoffen, dass es an Nachwuchs, Trainerinnen, Helfern und Unterstützern des Mädchenzirkus in den kommenden 100 Jahren nie mangelt!

© SZ vom 10.03.2020
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