Kunstverein Ebersberg:Kippmomente

Bei Gregor Passens' Ausstellung "Otro Zoo" in der Alten Brennerei geben sich unter anderem ein monumentales Monstrum und Schäfchen ein Stelldichein.

Von Michaela Pelz, Ebersberg

Und dann saß man da, 1976, im dunklen Kinosaal und sah Jessica Lange in dieser gewaltigen Handfläche liegen und man wusste nicht, sollte man vor Angst kreischen oder die Frau beneiden, die das Vertrauen des gewaltigen Kraftprotzes gewonnen hatte. Als knapp 30 Jahre später das angebliche Gorilla-Monster in einer weiteren Verfilmung der Geschichte nicht nur das Herz von Naomi Watts, sondern sämtliche Sympathien des Filmpublikums erobert hatte, machte ein ganz besonderer King Kong ebenfalls schon zum dritten Mal Furore - in der Kunstwelt, als Werk von Gregor Passens.

Nach München und Tirana wurde 2005 Santiago de Chile zum Standort der immer wieder individuell gebauten und danach "entsorgten" Monumentalskulptur des Bildhauers und Videokünstlers. Nun ist die sechste Variation und Weiterentwicklung seiner Grundidee für die Diplomarbeit an der Münchner Kunstakademie beim Kunstverein Ebersberg zu sehen. Zufall ist das nicht, sind dessen erster Vorsitzender und Passens doch Weggefährten aus Studienzeiten. "Ich war beim Aufbau des ersten Kong als Helfer beteiligt", sagt Andreas Mitterer und lacht. "Wir hatten immer Kontakt, deswegen habe ich ihn eingeladen, sich bei uns um eine Ausstellung zu bewerben."

So kam es zu "Otro Zoo", einer Schau, angelehnt an einen Buchtitel von Rodrigo Rey Rosa, die durch Vielfalt besticht, sowohl in "tierischer" Hinsicht als auch im Hinblick auf die künstlerische Ausdrucksform. Am spektakulärsten ist dabei natürlich das rund vier Meter hohe Geschöpf, platziert zwischen den beiden Säulen des Eingangsraums als wären es Käfigstangen und auf den ersten Blick garantiert ebenso imposant wie das, was sich der seinerzeit 28-jährige Passens traute, als Abschlussarbeit in die gerade frisch renovierte, historische Aula der Akademie der Bildenden Künste München zu stellen. Inspiriert hatte ihn dazu "King Kong und die weiße Frau" von 1933, wo es unter anderem um die Produktion eines Kinofilms ging. "Diese Kunstfigur, die eigentlich natürlich ist, wollte ich in den Kunstkontext stellen und bringen."

Kunstverein Ebersberg: Ebenso zu sehen ist ein Film von einer sehr ungewöhnlichen Installation.

Ebenso zu sehen ist ein Film von einer sehr ungewöhnlichen Installation.

(Foto: Christian Endt)

Das hat der Wahlmünchner nach einer langen Pause, die einerseits seinen vielen anderen Projekten geschuldet war, aber auch mangelnden räumlichen Gegebenheiten, in den vergangenen vier Jahren immer wieder getan. 2017 ließ er im Haus der Kunst einen fast elf Meter hohen Kong im Westflügel auf den Händen balancieren, der die Decke auf seinen Schultern zu tragen schien, bedeckte dafür ein Metallskelett mit 55 Rollen Dachpappe.

In Ebersberg hingegen kamen auf die, das Gerüst bildenden, 520 laufenden Meter Dachlatten aus Fichte lediglich etwa 15 Rollen, also 150 Quadratmeter besandeter Dachpappe. Doch das ist mehr als ausreichend, um sich neben diesem Koloss klein und unbedeutend zu fühlen und das zu spüren, was Passens den spannenden "Kippmoment" nennt. Dabei geht es um die, zuweilen fließende, Grenze zwischen Schutz und Bedrohung - "hält er das Gebäude oder zerstört er es?"

Auch im angrenzenden Oberlichtenraum ist dieses "Kippen" ein Thema. Im Zentrum liegt eine "Geheimpfade der Natur" genannte Bärenskulptur aus gegossenem Aluminium. Nach wie vor Raubtier, ist seine, durch die unter den Kopf geschobene Pfote vom Künstler intendierte Melancholie andererseits deutlich zu erkennen. Flankierend hängen an den Wänden die gleichzeitig entstandenen Bleistiftzeichnungen kuscheliger Teddybären, die "Leo", "Carlo" oder "Rocco" heißen.

Ohne Namen kommen die glasierten Keramik-"Bozzetti" im Westraum aus, jede von ihnen ein kleines, schimmerndes Kong-Unikat mit leicht unterschiedlicher Haltung, die man sich gut ins Wohnzimmer stellen könnte. Wer dort eher nicht hineinpasst, sich aber, Überraschung, in einer Kirche ganz hervorragend macht, ist die im selben Ausstellungsraum in Endlosschleife zu sehende Schafherde. 2014 schickte er für ein Kunstprojekt die neun, mit der Flasche aufgezogenen Tiere in die extra mit Teppich ausgelegte Erlöserkirche in Schwabing - "nur ein Wandgemälde war mir zu langweilig". Zweieinhalb Stunden durften sie sich innerhalb eines kleinen Weidezauns im Altarraum bewegen, stets im Blick von zwei Kameras.

Kunstverein Ebersberg: Gregor Passens hat seine Monumentalskulpturen unter anderem schon in Tirana und Santiago de Chile aufgebaut.

Gregor Passens hat seine Monumentalskulpturen unter anderem schon in Tirana und Santiago de Chile aufgebaut.

(Foto: Christian Endt)

Auf die ursprünglich geplante Livemusik per Orgel musste aus Sicherheitsgründen verzichtet werden - "zu schreckhaft" - ebenso wie auf den ursprünglichen Plan, die komplette Herde des Schäfers aus dem Englischen Garten hineinzutreiben. Für 1500 Tiere wäre wohl doch nicht genügend Platz gewesen. So gut hat die Installation der Gemeinde gefallen, dass sie sie gekauft hat und nun seit 2014 in der Fastenzeit auf dem millimetergenau in den Altarblock eingepassten Monitor zeigt.

In Ebersberg gibt es neben dem Schaf-Movie "Ho poimen ho kalos" aber noch einen zweiten Film zu bewundern, in Raum 5, dem kleinen Kabinett: "Striptease" heißt der rund drei Minuten lange Streifen aus dem Jahr 2007, in dem drei Laientänzerinnen, kostümiert als die Comicfiguren Bugs Bunny, Tweety und Daffy Duck, zu Cumbia-Klängen tanzend hinter einer Stranddüne in Argentinien hervortreten und sich dann ihrer Kostüme entledigen.

Ob das beim Publikum am Eröffnungsabend unter Anwesenheit des Künstlers auch der Fall sein wird, zwischen Kong und den "Bremer Stadtmusikanten", einer sehr frühen Arbeit noch aus Berchtesgadener Zeiten, gestaltet vom dort geborenen Absolventen der Holzbildhauerschule als Fenster für ein Krankenhaus, das wird sich zeigen. An der Musik soll es nicht scheitern, konnte man doch z.a.m. modular gewinnen, mit ihrem, so Mitterer, "von experimentell elektronisch bis angenehm hörbaren" Synthesizer-Sound.

Bleibt nur noch eine Frage, was später, während der Ausstellungsdauer, im dunklen Klosterbauhof beim Blick durch die Tür auf das mit einem Nachtlicht erhellten Objekt überwiegen wird: Furcht oder Faszination? Am besten selbst ausprobieren.

10. September bis 3. Oktober: Gregor Passens "Otro zoo". Eröffnung: 19 Uhr, ab 20 Uhr: z.a.m. modular. Sonntag 3. Oktober, 16 Uhr: Finissage mit Künstlergespräch. Kunstverein Ebersberg. Öffnungszeiten: Freitag 18 bis 20 Uhr, Samstag, Sonntag 14 bis 18 Uhr. Einlass nur für Geimpfte, Genesene oder Getestete.

© SZ vom 09.09.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB