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Baumängel:Grafinger Stadthalle war 23 Jahre lang ein Schwarzbau

Grüne Stadthalle - St. Patricks-Day

Am St. Patricks Day 2018 leuchtete die Grafinger Stadthalle grün.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Je umfangreicher Architekten und Fachplaner Einblick erhalten, desto länger wird die Mängelliste. Die Geschichte eines Gebäudes, das so nie entstehen hätte dürfen.

Die Lüftungszentrale müsste komplett abgeschottet sein - ist sie aber offenbar nicht. Die Lüftungsrohre verlaufen durch mehrere Brandabschnitte - unzulässig. Und der Einbau der Brandschutzklappen ist zu einem beachtlichen Teil nicht ordnungsgemäß erfolgt. All dies geht aus dem jüngsten Gutachterbericht zur Grafinger Stadthalle hervor, der offenbar massive Versäumnisse bei Bau und Abnahme des Gebäudes aus dem Jahr 1986 aufdeckt. "Das entspricht heute nicht den Vorschriften. Und es hat auch schon damals nicht den Vorschriften entsprochen."

Der Mann, der das so deutlich formuliert, heißt Melchior Kiesewetter. Der Architekt ist Mitglied des Planungsteams, das die aktuelle Sanierungsmaßnahmen der Stadthalle betreut. Am Mittwochnachmittag stand er im Großen Festsaal des Gebäudes und versuchte , vor einigen Pressevertretern eine kommunikative Gratwanderung hinzubekommen: Den brandschutztechnischen Zustand der Halle beschreiben - ohne Panikmache und ohne Schönreden. Die Aufgabe ist alles andere als einfach, das hatten die zurückliegenden Untersuchungen hinter allerlei Wandverkleidungen und Decken ergeben.

Zu den bisher bekannten Mängeln an der Lüftungszentrale, an den Lüftungsrohren und an den Brandschutzklappen selbst kommt also offenbar noch einiges hinzu. Auch die Kanalführung der Küchenabluft sei unzulässig, verweist Kiesewetter auf den Bericht eines vereidigten Brandschutz- und Lüftungssachverständigen. Zudem fehle die brandschutztechnische Verkleidung der Lüftungskanäle.

Warum fiel all das nicht schon im Jahr 1986 bei der Bauabnahme auf? "Ich weiß es nicht, ich war ja nicht dabei", erklärt der 38-Jährige diplomatisch. Seine Mimik sagt: Wie um Himmels Willen konnte das alles so durchgehen? Dass derartige Abnahmen stichpunktartig erfolgten, sei nicht unüblich. Seine Vermutung: "Unglücklicherweise wurden damals wohl die falschen Stichproben genommen."

Die Entstehungsgeschichte ist wenig rühmlich

Dieser Ablauf fügt sich treffend ein in die ohnehin wenig rühmliche Entstehungsgeschichte der Halle: So hatte der damalige Bauunternehmer wesentliche Abschnitte des Gebäudes abweichend von den Vorgaben errichtet. Erst im Jahr 2009 genehmigte der Grafinger Stadtrat - und wenig später auch das Landratsamt - den zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alten Bestand nachträglich. Man könnte sagen: Von 1986 bis 2009 entsprach der rechtliche Status der Stadthalle dem eines Schwarzbaus. Auch diesen Umstand mussten die Planer am Mittwoch erst einmal wieder ins kollektive Gedächtnis zurückrufen.

Dass die Stadthalle derzeit überhaupt noch betrieben werden darf, liegt an einem Paket in den vergangen Monaten bereits umgesetzter Sofortmaßnahmen. Dazu gehören etwa zusätzliche Rauchmelder im Saal, in den Lüftungskanälen sowie eine nachgerüstete Schaumsprinkleranlage in der Küche der Stadthalle. Bei besucherstarken Veranstaltungen verlangt das Landratsamt zudem eine Feuerwache.

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Das alles lässt Grafings Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne) bei dem Mittwochsrundgang auch deshalb so detailliert darlegen, weil die Angelegenheit Grafing wohl auf Jahre beschäftigen wird. Und weil der Ortsverband und die Stadtratsfraktion der CSU der Bürgermeisterin zuletzt Versäumnisse vorgeworfen hatten.

"Obwohl dafür ausreichend Haushaltsmittel (. . .) zur Verfügung gestellt wurden", sei die Sanierung der Stadthalle nicht angegangen worden kritisierten die Christsozialen. Konkret bezieht sich ihr Vorwurf auf einen Beschluss des Grafinger Bauausschusses aus dem Herbst 2017. Damals hatte das Gremium für den Austausch der asbesthaltigen Lüftungsklappen rund 188 000 Euro freigegeben.

Thema in der nächsten Stadtratssitzung

Dies sei aber nur die eine Hälfte der Geschichte, sagt Obermayr. "Gefällt wurde ein Maßnahmenbeschluss, aber keine Auftragsvergabe." In der Sitzung sei auch darauf hingewiesen worden, "dass weitere Untersuchungen notwendig sind, um das Ausmaß der Baumaßnahmen festzustellen". Bei diesen weiteren Untersuchungen durch einen vereidigten Prüfsachverständiger für Lüftungsanlagen seien dann die bislang unbekannten Mängel wie die nicht abgeschottete Lüftungssteuerung offensichtlich geworden. Spätestens seit der Stadtratssitzung am 30. Juli ist dies auch in aller Breite bekannt.

Gleiches gilt auch für die Antwort auf die Frage, warum die Lüftungsklappen aus Asbest nicht einfach gegen unbedenkliches Material ausgetauscht werden können. "Um überhaupt an die Klappen heranzukommen, müsste man die Anlage großflächig zurückbauen", erklärte Architekt Klaus Beslmüller bei dem Stadthallenrundgang. "Dafür würde wohl nicht einmal das Doppelte der 188 000 Euro ausreichen", schätzte der Architekt. Und außerdem: Auf den großen Rest der langen Mängelliste hätten die Klappen überhaupt keine Auswirkungen.

Weil sich dennoch in Teilen des Stadtrats hartnäckig die Ansicht hält, dass mit dem Austausch der Klappen das meiste erledigt sei, war für den Donnerstagnachmittag ein weiterer Rundgang veranschlagt. Diesmal mit dem kompletten Gremium.

Öffentlich kommt der Stadtrat das nächste Mal zur Sitzung am Dienstag, 17. September, zusammen. Bürgermeisterin Obermayr mahnt schon einmal vorsorglich eine sachliche Debatte an. "Wir müssen hier eine fundierte Lösung finden", sagt sie. "Für Wahlkampfrhetorik taugt das Thema nicht."

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