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Grafinger Rathauschefin:"Frauen müssen den Mut haben, sich vorne hinzustellen"

Angelika Obermayr ist seit 2014 Bürgermeisterin in Grafing. An diesem Freitag hat sie Kolleginnen aus ganz Oberbayern zu Gast, um über Parteigrenzen hinweg über politische Themen zu sprechen und zu netzwerken.

(Foto: Christian Endt)

Angelika Obermayr lädt zum Führungstreffen der oberbayerischen Bürgermeisterinnen ein

Interview von Daniela Gorgs, Grafing

Kommunalpolitik ist nach wie vor eine Männerdomäne. In Bayern sind nur knapp neun Prozent der Bürgermeistersessel mit Frauen besetzt. Im Landkreis Ebersberg führt ein einzige Frau ein Rathaus: Angelika Obermayr (Grüne) in Grafing. Nach Ursula Bittner, die zwölf Jahre lang das Rathaus in Kirchseeon leitete, ist Angelika Obermayr erst die zweite Bürgermeisterin im Landkreis. An diesem Freitag, 16. März, ist sie erstmals Gastgeberin des Führungstreffens der oberbayerischen Bürgermeisterinnen. Derzeit führen 46 Frauen ein Rathaus in Oberbayern.

Woran liegt es, dass so wenig Frauen in der kommunalen Politik Spitzenpositionen besetzen?

Angelika Obermayr: Es ist wohl die extrem hohe Arbeitsbelastung, die viele abschreckt. Ich bin als Bürgermeisterin zirka 60 bis 70 Stunden die Woche unterwegs. Das geht, weil meine drei Kinder erwachsen sind und mein Mann mich unterstützt. Ich kenne aber Kolleginnen, die noch jüngere Kinder haben und täglich einen Riesenspagat leisten müssen, um neben der Familie das Bürgermeisteramt auszuüben. Kommunalpolitik an der Basis kann man flexibler handhaben. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich habe mich zuvor 18 Jahre lang als Stadträtin engagiert.

Wir haben seit zwölf Jahren eine Bundeskanzlerin, auch viele andere politische Spitzenämter sind weiblich besetzt. Wie wichtig sind solche Vorbilder gerade auch für junge Frauen, die mit dem Gedanken spielen, sich politisch zu engagieren?

Sehr wichtig. Deswegen hat sich die Arbeitsgemeinschaft des Bayerischen Gemeindetages "Frauen führen Kommunen" gegründet. Wir Bürgermeisterinnen treffen uns regelmäßig zum Austausch. Ziel ist, mehr weiblichen Nachwuchs zu gewinnen. Vor allem auch, Netzwerke aufzubauen, präsent zu sein. Oder zu erfahren, wie andere mit Themen und Problemen umgehen, wie sie politisch handeln.

Ist Angela Merkel für Sie ein Vorbild?

Auf jeden Fall. Ich finde es großartig, wie unsere Bundeskanzlerin mit ruhiger Hand Politik macht.

Was ist anders, wenn Frauen regieren?

Die weibliche Sicht ist oft anders. Ich glaube, Frauen sind konsensorientierter. Der Umgangston ist offener und freundlicher. Es geht mehr um die gemeinsame Sache.

Was muss man tun, um mehr Frauen für Kommunalpolitik zu begeistern?

Frauen interessieren sich generell für lokale Politik. Und wie ich finde, erkennen sie eher, was noch verbessert werden kann.

Zum Beispiel?

Früher waren typisch weibliche Themen Verkehr aus Sicht von Kindern und Kinderwagen oder auch die Kinderbetreuung. Heute sind das aber Themen von Eltern, also Müttern und Vätern.

Welche Eigenschaften müssen Frauen für eine Spitzenposition in der Politik mitbringen?

Die gleichen wie die Männer auch. Allerdings, sie müssen das Spitzenamt wollen. Frauen müssen den Mut haben, sich vorne hinzustellen. Wissen Sie, in meiner Generation, ich bin 58 Jahre alt, ist man als Frau noch so sozialisiert, dass man sich eher zurückhält. Man hat Hemmungen, sich zu präsentieren und öffentlich seine Meinung zu vertreten. Das ist bei den jüngeren Frauen heute anders. Wichtig ist, dass man es ertragen kann, auch mal Unmut und Ärger einzustecken.

Haben Sie jemals Ablehnung als Frau im Amt erlebt?

Nein, und wenn, dann habe ich es nicht gemerkt.

Haben Sie ein Thema bei Ihrem Seminar an diesem Freitag?

Ja, unser Thema an diesem Vormittag ist Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit, Anm.d.Red). Wir Bürgermeisterinnen werden von vielen Seiten mit vielen Anforderungen konfrontiert. Wir haben eigene Ansprüche und Ziele im Kopf. Manchmal prasselt viel auf uns ein. Wir Frauen wollen gemeinsam über die Parteigrenzen hinweg diskutieren, wie man das alles am besten vereint, und wie man im Alltag besteht.

© SZ vom 16.03.2018
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