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Grafinger Künstlerin:Die Unbeirrbare

"Nach vorne schauen": Die Grafinger Malerin Waltraud Fichter inmitten ihrer aktuellen Serie mit dem Titel "Fortschritt".

(Foto: Christian Endt)

Die Malerin Waltraud Fichter ist künstlerisch angekommen, sie hat ihren Stil gefunden. Seit nunmehr zehn Jahren ist sie mit einer Galerie in Grafing präsent

"Fortschritt" nennt Waltraud Fichter ihre aktuelle abstrakte Bilderserie - und das kommt nicht von ungefähr. "Ich nehme die Pandemie ernst, keine Frage, aber man darf sich von all dem nicht runterziehen lassen, man muss nach vorne schauen", sagt sie. Und wer die Grafinger Künstlerin kennt, weiß: Etwas anderes sähe ihr ohnehin nicht ähnlich. "Ich würde nie etwas Negatives zum Ausdruck bringen", sagt sie über ihre Malerei.

Insofern jammert Fichter nicht - obwohl sie selbst freilich auch von den Coronabeschränkungen betroffen ist. Seit zehn Jahren betreibt sie nun eine Galerie in Grafing und hätte das Jubiläum gerne mit einer großen Vernissage gefeiert - allein, wann diese stattfinden kann, steht in den Sternen. Trotzdem freut sich Fichter, dass sie ihre Galerie in der Lederergasse nach sechswöchiger Schließung zumindest wieder öffnen durfte. Dort kann man die Malerin besuchen und sich ein Bild von ihrem Schaffen machen. Mehr als 300 Bilder stapeln sich in dem lichten Raum, nur ein Bruchteil davon passt an die Wände, doch Fichter genießt es sehr, so viele Werke um sich zu haben. "Das Schöne an der Kunst ist, dass sie bleibt, dass man das Ergebnis sehen kann", sagt sie und strahlt.

Im Gespräch wird schnell klar: Waltraud Fichter zieht ganz persönlich enorm viel aus ihrer Malerei, sie ist vermutlich der vornehmliche Grund für die positive Einstellung der 71-jährigen Powerfrau. "Die Kunst ist eine große Bereicherung für mein ganzes Leben", sagt sie. Und dass sie sehr dankbar sei für die Möglichkeit, sich der Malerei in großem Umfang widmen zu können: Zeit, Geld, Kraft - viel sei dafür nötig. Und nicht jedem gegeben. Ihre Mutter zum Beispiel sei sehr kreativ gewesen, habe dies jedoch nie in dieser intensiven Form umsetzen können. Waltraud Fichter hat die künstlerischen Gene offenbar geerbt - und sehr viel daraus gemacht.

Den Anstoß dazu, erzählt die gebürtige Grafingerin, gab ihr Mann. Der nämlich bewunderte regelmäßig die Zeichnungen von Modeentwürfen, die seine Frau als gelernte Schneiderin mit schnellen Strichen aufs Papier warf - und wies sie hin auf das bis dato brach liegende Talent. Und so fing Fichter vor fast 40 Jahren an, sich die Welt der Kunst zu erschließen. Besuchte zahllose Kurse und Seminare, widmete sich zunächst dem Zeichnen und der Aquarellmalerei, bis sie bei der freien Kunst landete. Sprich: ihre gegenständlichen Motive immer mehr verfremdete und auflöste. Dieser Stilrichtung ist sie auch treu geblieben, allerdings arbeitet die Grafingerin heute nur noch mit Acryl. "Aquarell verzeiht einem keinen Fehler", erklärt sie, "Acryl hingegen lässt einem sehr viel mehr Freiheiten." Und Freiheit, das ist eines der drei Schlagworte, um die Fichters Kunst kreist. Die anderen beiden sind Natur, als Quelle der Inspiration, und Bewegung, als ein ihre Malerei durchdringendes Prinzip.

Waltraud Fichter arbeitet gerne seriell, ihre Themen sind vor allem Landschaften, Florales, Szenen mit Menschen, Sport und gänzlich abstrakte Darstellungen. Doch so unterschiedlich ihre Bilder daherkommen, ihnen allen gemein sind, ja genau, Freiheit und Bewegung. Nicht nur Fichters Segelboote oder Skifahrer, sondern sogar eigentlich statische Sujets wie Blütenimpressionen oder Gebirgsketten sind erstaunlich dynamisch umgesetzt. Die künstlerische Freiheit wiederum zeigt sich in der Verfremdung und der Farbwahl, gekonnt spielt die 71-Jährige mit ihren Motiven, setzt frech farbliche Akzente und Kontraste, kombiniert zeichnerische und flächige Gestaltung, ganz wie es ihr beliebt. Hinzu kommt ein sagenhafter Duktus: immer kräftig, unbeirrbar, schwungvoll. "Mein Ziel war es, dass man mich an meinem Strich erkennt", sagt die Malerin. Und das ist ihr gelungen. Die kleine Signatur im Eck, die könnte Fichter sich sparen.

Indes: Erfolg an der Staffelei sei nicht nur eine Frage von Talent, sondern vor allem von Fleiß, das betont die Grafingerin immer wieder. "Kunst wird einem nicht geschenkt." Zu malen sei für sie stets auch eine Herausforderung: "Es gelingt nicht alles sofort, man muss sich das erarbeiten" - wie in der Musik oder im Sport: "Wenn man nicht dranbleibt, wenn man mal vier Wochen keinen Pinsel in die Hand nimmt, wirft einen das zurück." Deshalb habe sie stets sehr viel Zeit in die Malerei gesteckt, habe sich fortgebildet, anstatt in den Urlaub zu fahren, und könne deshalb nun auf 40 Jahre intensive Erfahrung zurückblicken. "Der Strich muss sitzen - und das geht nur mit wahnsinnig viel Übung." Am Ende wird klar: Waltraud Fichter ist künstlerisch angekommen - "ich hab meins gefunden", sagt sie - doch dafür hat sie auch viel getan.

Seit fünf Jahren bietet Fichter in ihrer Galerie auch Malunterricht an, für Anfänger wie Fortgeschrittene. "Und das Weitergeben macht mir große Freude", sagt sie, vor allem, weil sie keine großen Kurse biete, sondern ganz individuelle Betreuung. "So kann ich mich ganz auf den Einzelnen einlassen, ihn von da weiterbringen, wo er gerade steht." So kann man zum Beispiel bei Fichter lernen, die Abmessungen eines Bildes zu ignorieren: Die Grafingerin malt stets über den Rand hinaus - um den Schwung des Strichs nicht unnötig abzubremsen. Überhaupt hat der Malprozess bei Fichter etwas sehr Expressives: Die Leinwand liegt zumeist auf dem Boden, die Künstlerin steht in der Grätsche davor, der ganze Körper ist in Bewegung, der Arm trägt raumgreifend Farbe auf. Mit Zufall hat das Ergebnis indes wenig bis nichts zu tun: Fichter malt ihre Motive aus dem Gedächtnis und hat "immer ein Konzept im Kopf, meist eine Farbgebung, die harmonisch sein muss, aber durch spezielle Akzente Ausdruck bekommt". So lässt sie zum Beispiel eine weite, freie Landschaft mit zitronengelben Einsprengseln entstehen. Auch hat Fichter den Mut zu starken Farben wie Schwarz oder Rot. "Die stehen für mich nicht für Negatives wie Trauer oder Blut." Doch was passt zu einer Komposition, was nicht? "Das hat man irgendwann einfach im Gespür."

Galerie Waltraud Fichter, Lederergasse in Grafing, geöffnet freitags 9 bis 12 und 15 bis 18 Uhr, samstags 9 bis 12 Uhr oder nach Vereinbarung unter Telefon (0176)20453635

© SZ vom 23.05.2020

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