bedeckt München 30°

Grafinger Kino:Wenig Geld, aber eine gute Idee

SEBASTIAN SCHINDLER aus Wasserburg 
REGISSEUR / DREHBUCHAUTOR / SCHAUSPIELER / MODERATOR

Sebastian Schindler

(Foto: Veranstalter)

Jungregisseur Sebastian Schindler kommt zum Filmgespräch

Interview von Anja Blum

"Mit dem Rückwärtsgang nach vorn" - klingt paradox? Ganz genau. Doch fasst das Bild sehr gut zusammen, worum es in der gleichnamigen Filmkomödie von Sebastian Schindler geht: um ein bayerisches Dorf, das beschließt, aus dem durchtechnisierten Heute auszusteigen und zu leben wie in einer guten alten Zeit, in den 80er Jahren. Zumindest die Älteren sind für diesen digitalen Brexit - die Jungen hingegen rebellieren bald... Hinter der bayerischen Komödie steckt der junge Filmemacher Sebastian Schindler aus Soyen, er hat das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und selbst mitgespielt. An diesem Freitag, 2. Oktober, um 19.45 Uhr kommt er ins Grafinger Capitol zum Filmgespräch.

SZ: Herr Schindler, Sie sind gerade einmal 23 Jahre alt - und machen einen Film über die Sehnsucht nach vordigitalen Zeiten?

Sebastian Schindler: Ja, das mag auf den ersten Blick komisch erscheinen, aber ich habe bei uns im Dorf viele Gespräche mitbekommen, in denen es um die Risiken des technischen Fortschritts ging. Um Überwachung zum Beispiel. Und so kam mir die Idee, aus dieser Gemütslage eine Komödie zu machen. Aufhänger sollte das Bargeld sein, also habe ich überlegt, an welcher Stelle dieses überhaupt nicht wegzudenken wäre - und bin als ehemaliger Ministrant schnell auf die Kollekte in der Kirche gekommen: Als er diese per Karte bezahlen soll, platzt dem Bürgermeister von Oberstraßkirchen endgültig der Kragen... Diese Szene war der Startschuss.

In der Folge entwickelt sich im Dorf ein Generationenkonflikt. Auf welcher Seite stehen Sie als 23-Jähriger?

Eigentlich auf gar keiner, sondern in der Mitte, denn alles hat seine guten und schlechten Seiten. Die Mischung macht's, finde ich. Man könnte vielleicht sagen: Ich bin ein moderner Mensch mit Hintergedanken (lacht).

Der Film ist eine Reise in eine Zeit, die Sie selbst gar nicht erlebt haben. War es nicht schwierig, das stilecht umzusetzen?

Nein, eigentlich nicht, denn ich fühle mich den 80ern schon immer verbunden. Ich liebe diese Musik und der Retrolook hat mich auch schon lange gecatcht. Für den Rest habe ich recherchiert und Gespräche mit älteren Menschen geführt.

"Im Rückwärtsgang nach vorn" ist ihr erster großer Kinofilm und war eine Low-Budget-Produktion. Trotzdem liest sich der Cast wie ein "who is who?" der bayerischen Film- und Kabarettszene. Wie haben Sie das geschafft?

Naja, das lag vor allem daran, dass die Schauspieler alle for free mitgespielt haben, weil sie die Idee super fanden und unser junges Team unterstützen wollten. Und die Crew bestand großteils aus Studenten der FH Salzburg. Alle zusammen haben wir es geschafft, den Film in gerade mal 18 Tagen im Kasten zu haben. Jeder war zu 110 Prozent dabei, das war unglaublich! Außerdem wichtig: Wir haben hier daheim gedreht, vor allem in Soyen, in Amerang, Wasserburg, Edling und Albaching. Da gibt es so schöne Locations - und wir hatten dadurch viel Unterstützung von lokalen Sponsoren, sei es finanziell oder mit Naturalien. Von der Brauerei zum Beispiel oder einem Bauunternehmer, der uns eine Betonmauer hingestellt hat. Eine solche wird in Oberstraßkirchen nämlich gebaut, wegen der Jugend...

Premiere hätte eigentlich im März in Bad Endorf sein sollen, doch dann kam Corona. Also entschieden Sie sich für Anfang August und das Kino am Stoa...

Ja, und zwar ganz bewusst. Es bringt ja nichts, wenn alles auf 2021 verschoben wird! Wir haben gehofft, der ganzen Branche und auch dem Film mit diesem Starttermin etwas Gutes zu tun - und ich denke, das ist aufgegangen. Außerdem kann es ja nicht schaden, in schwierigen Zeiten etwas humorvolle Ablenkung zu bieten.

Wie sind die Resonanzen denn bislang?

Großartig, und zwar überall. Ich gehe auch wirklich gerne zu Filmgesprächen wie in Grafing, denn die Fragen und Meinungen direkt im Kinosaal zu hören, ist immer wieder spannend.

Bislang läuft Ihre Heimatkomödie aber nur in Bayern?

Ja, aber jetzt wagen wir den Sprung nach Österreich, wir starten in Kufstein. Und ein Kino aus Sachsen hat ebenfalls angefragt. Da habe ich mich schon gewundert, weil die wegen des Dialekts ja kaum etwas verstehen werden, aber es hieß, das mache nichts: "Wir finden das Thema gut - und feiern Euren Humor!"

© SZ vom 02.10.2020
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB