bedeckt München 19°

Grafinger Jazz-Initiative:Ein Knaller zum Auftakt

Das "Nina Plotzki Sextett" eröffnet den Jazz im Turm.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Beim Neustart der Jazz-Initiative überzeugt die Turmstube als Veranstaltungsort und das Nina Plotzki Sextett weckt Begeisterung. Einige Gäste nehmen gar mit Stehplätzen vorlieb.

Es ist ein ziemlich steiler Aufstieg, den die Jazz-Initiative Grafing binnen Jahresfrist hingelegt hat - und das ist wortwörtlich zu verstehen: Nach sechs Jahren im Keller des Grafinger Kastenwirts, der wegen eines Pächterwechsels seit März nicht mehr als Domizil für die Jazzer zur Verfügung steht, hat die Reihe in der renovierten Turmstube der Stadthalle eine neue Bleibe gefunden und am Donnerstagabend eine beeindruckende Premiere gefeiert.

Der Andrang ist so groß, dass Grafings Kulturchef Sebastian Schlagenhaufer, von einer Besucherin zum "Maître de Plaisir" befördert, bereits um kurz vor 21 Uhr immer wieder Leute wegschicken muss. "Siebzig Plätze sind erlaubt, mehr Stühle dürfen wir nicht aufstellen, die Erlaubnis haben wir nicht", erklärt Schlagenhaufer kurzerhand.

Einige der Gäste, die etwa zwanzig Musiker nicht mitgerechnet, nehmen denn auch ohne zu murren mit Stehplätzen vorlieb, versammeln sich an der Theke oder hocken sich auf den Boden, Brotzeitbretter mit duftendem Flammkuchen auf dem Schoß. Eng ist es, heiß ist es und gerade so laut, dass die Musik ins Blut geht und dem Ohr schmeichelt.

Schlagenhaufer, der sichtlich angespannt das Geschehen im Auge behält, die Mitglieder der Jazzinitiative und auch Grafings Bürgermeisterin Angelika Obermayr können aufatmen: Die Eröffnung ist ein Knaller. Nicht nur die als Hommage an die Jazzsängerin Nancy Wilson und den verstorbenen Alt-Saxofonisten Cannonball Adderley präsentierten Musikstücke, die das Nina Plotzki Sextett spielt, wecken Begeisterung. Die Temperaturen steigen noch einmal deutlich, als zur folgenden Jam-Session Amateurmusiker und Profis einsteigen.

Die Gäste erinnern sich an den Kastenwirt und loben die Turmstube

Die Stimmung im Raum ist eine Mischung aus konzentriertem Zuhören und dem Austausch von Erinnerungen - an den Kastenwirt ebenso wie an das "Stüberl", an vergangene Feste und Faschingsveranstaltungen; sie ist getragen von Erwartung, Freude und Zuspruch. Bei den zahlreich angestellten Vergleichen zwischen den Spielstätten kommt das Turmstüberl durchweg gut weg. Im Kastenwirt sei im hinteren, von der Bühne ziemlich weit entfernten Bereich des Raums immer viel gequasselt worden, bemerkt ein Besucher. Das, so seine Hoffnung, "wird wohl hier jetzt anders werden".

Von außen betrachtet wirkt der Turm mit seiner heimeligen Zwiebelhaube immer noch wie ein Stück bäuerlicher Architektur. Dazu passt das in Schnörkeln geschriebene Schild "Turmstüberl". Doch dann öffnet sich im zweiten Stock eine andere Welt: Das frühere rustikale Inventar, die Holzdecke und das Jodel-Mobiliar sind verschwunden.

Stattdessen gibt es eine Bühne mit Flügel und professioneller Lichttechnik, viel Weiß, etwas Rot, einen dunklen Holzboden, Zierkürbisse auf den Tischen sind eine letzte Reminiszenz ans ländliche Ambiente. Man hört englische Sprachfetzen, Musiker aus Münchens Jazzclubs sind gekommen, um die Location in Augenschein zu nehmen. Wahrscheinlich werden sie ja alle mal in nächster Zeit dort spielen.

Claus Raible glänzt am Flügel, der nun den Musikern zur Verfügung steht.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Angelika Obermayr versäumt es in ihrer Begrüßungsrede allerdings nicht, auf die zahlreichen Schwierigkeiten hinzuweisen, die es bei dem Projekt Turmstube zu stemmen galt. "Nur mal schnell den Turm renovieren", von dieser Vorstellung habe man sich bei der Stadt rasch verabschieden müssen. Obermayr erklärt unter anderem, warum die Fenster im Raum keine Griffe mehr haben. "Man darf keine Fenster öffnen, wegen der Schallschutzauflagen."

Auch Stühle im Saal zu verrücken, sei eigentlich nicht mehr erlaubt, sagt sie und zitiert einen Mitarbeiter der Stadt, der den zutreffenden Satz geäußert habe: "Baurecht hat nichts mit gesundem Menschenverstand zu tun." Für Frank Haschler von der Jazz-Initiative Grafing sind baurechtliche Probleme an diesem Abend Geschichte: "Es ist ein Traum!"

Von Oktober an soll es Überraschungskonzerte geben

Die Turmstube bietet allerdings nicht nur den Jazzern ein neues Zuhause, wie gewohnt an jedem letzten Donnerstag im Monat. Stadthallen-Chef Sebastian Schlagenhaufer will den Turm auch zu eine Art "Überraschungsei" machen. Unter dem Motto "Vier in einem Turm" werden jeden ersten Donnerstag im Monat vier Künstler aus verschiedenen Genres ein Programm präsentieren.

Wer da allerdings alles kommen wird, bleibt bis zu Beginn der Vorstellung geheim. Nachfragen zwecklos. Offizielle Eröffnung ist am Donnerstag, 8. Oktober. Daneben soll es Lesungen geben, Kabarett, Abende mit regionalen Künstlern. Auch beim bevorstehenden Jazzfestival wird der Turm bespielt: Das Blue Monday Jazzquintet mit Saxofonist Leszek Zadlo bittet zu einer Jam-Session. Wer einen Platz ergattern will, sollte früh da sein.

  • Themen in diesem Artikel: